Lokale Kultur

Höchst amüsante Lausbubengeschichten und Fußballfieber

KIRCHHEIM Das soll erst einmal jemand nachmachen. Das mit einem zweitägigen Straßenfest erstmals richtig offiziell in Erscheinung getretene "Karree am Schweinemarkt" demonstrierte am Wochenende nicht

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WOLF-DIETER TRUPPAT

nur ein positives Miteinander der dort Lebenden und Handelnden, sondern zeigte auch unmissverständlich auf, dass dieses neu kreierte Karree sogar schon über einen eigenen und dazu noch weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten "Quartierliteraten" verfügt.

Auch wenn Profesor Dr. Rolf Walter nach der deutschen Revolution von 1989/90 an die Friedrich-Schiller-Universität in Jena berufen wurde, wo er seit 1991 als ordentlicher Professor einen Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschgichte innehat, erinnert er sich noch gerne an seine Jugendzeit in Kirchheim zurück, die er in der neu als "Karree am Schweinemarkt" definierten Ecke verbrachte. Dass er im Verbund mit seinen Freunden nicht allen Anwohnern im Revier nur pure Freude bereitete, wurde mehr als deutlich. Auf den Hinweis "Bitte nicht nachmachen" konnte aber getrost verzichtet werden, denn im Publikum saßen vorwiegend reifere Semester und nicht zuletzt auch einige ohnehin schon stark vorbelastete "Mittäter" von damals.

Es konnte daher nicht verwundern, dass die im Raum versammelten Erinnerungen weit über die in der autobiografischen Spätlese präsentierten Streiche hinausgingen. Das durch die Aktivitäten im Karree Schweinemarkt nach vielen langen Jahren ausgelöste Wiedersehen könnte durchaus Hoffnung wecken, dass das im Glaux Verlag Christine Jäger in Jena erschienene Büchlein "Herr Professor, Sie sind ein Lausbub" bald Konkurrenz bekommt von einem Folgeband, in den auch die Erinnerungen weiterer Kirchheimer Karreebewohner einfließen könnte.

Bei seiner Lesung konzentrierte sich Rolf Walter aber zunächst auf die zähnefletschende Aufmerksamkeit eines Rottweilers und das ambivalente Verhältnis, das sich aus der Beziehung Bruder, Schwester und Hund ergibt. Die im Buch sich direkt anschließende Geschichte vom "Dicke Paul" nahm dann auch für die Lesung zu viel Platz ein, und so folgten Erinnerungen an die Sonderangebotstafel des einst in diesem Karree heimischen und durchaus leicht reizbaren "Fisch Schlaier", dessen Rotbarschfilets ungemeine Anziehungskraft auf Rolf und seine Freunde ausübte. Trotz drohender Sanktionen wurden sie nicht müde im mutigen Bemühen, immer wieder das "b" auszuwischen, um der Tafel einen völlig neuen semantischen Gehalt zu verleihen.

Auch das einst lautstark intonierte Ständchen für Frau Maier wurde süffisant wiederbelebt und an den unfreiwilligen Rekordwurf mit einer gefüllten Milchkanne erinnert, bevor dann die versammelten "Zeitzeugen" immer mehr das Wort ergriffen und Streiche nachschoben, die der Autor bereits vergessen oder auch nur verdrängt hatte. Erkennbar war aber schon schnell, dass es sich zweifellos ganz besonders lohnen könnte, wenn sich auch im Karree Schweinemarkt die Akteure von einst einmal zusammensetzen könnten, um ihre Erinnerungen auszutauschen.

Schon aus eigener Kraft könnte sich Rolf Walter einen Folgeband vorstellen, in dem beispielsweise der legendäre Bademeister Beckers nicht fehlen dürfte. Dieses Stichwort war fast noch nicht zu Ende gesprochen, als schon Erinnerungen an in den Auspuff gesteckte Kartoffeln aufkeimten oder an das Bild des bademeisterlichen Gogomobils, das sich eines Tages plötzlich im Garten zwischen Salatköpfen wiederfand.

Wie man mit Kitkugeln und Blasrohren frisch aus dem Friseursalon kommende Damen ohne Worte dazu bewegen konnte, sofort wieder umzukehren oder ihnen bei verspäteter Wahrnehmung auch vor dem heimischen Spiegel möglicherweise noch viel Vergnügen bereitete, wurde ebenfalls thematisiert und in Erinnerung gerufen, dass doch einst auch einmal heimlich ein abgestelltes Auto mit einem Farbregal fest verbunden wurde, was beim Wegfahren für nicht unerhebliche Folgen sorgte . . . Auch wenn Ludwig Thomas "Lausbubengeschichten" schon vor genau 100 Jahren erschienen, wie Professor Dr. Walter einleitend erwähnt hatte, wurde bei der Lesung in der Buchhandlung Schieferle deutlich, dass Ludwig Thomas damals entdecktes Thema auch heute noch brandaktuell ist.

Andreas Kenner hatte sich mit seiner vormittäglichen Lesung aus Nick Hornbys "Ballfieber" nicht nur als exzellenter Kenner der Materie ausgewiesen, sondern gleich zwei wichtige Brücken geschlagen: Einmal nach England, wo der begeisterte Fußballfan schon unzählige Spiele hautnah erlebt hatte und zum anderen zur Klosterwiese, wo sich eine verschworene Gemeinschaft regelmäßig mittwochs und samstags trifft, um der Liebe zum runden Leder zu frönen. Dass diese Rasenfläche lange Zeit als Ersatzparkierungsfläche für die Tiefgarage Schweinemarkt gehandelt wurde, ist fast schon wieder vergessen und wurde daher auch mit keiner Silbe angesprochen . . .