Lokale Kultur

"Hörnle, Weckle, Fähnle, Fisch du bisch!"

KIRCHHEIM "Wir sehen hier am Straßenpflaster, wo das Ötlinger Tor stand und wie es aussah." Stadtführer Günter Erb machte die rund 50 Teilnehmer der Themenführung auf

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UTE FREIER

die bräunlich gefärbten Pflastersteine in der Max-Eyth-Straße zwischen Stadtbücherei und Max-Eyth-Haus aufmerksam. Durch die Anordnung der Steine wird der Grundriss des einstigen Stadttors erkenntlich.

"Hier stand der mächtige Torturm, außerhalb der Stadtmauer lag die Ötlinger Vorstadt. Vier Tortürme gab es insgesamt: Auf der gegenüberliegenden Stadtseite das Jesinger Tor, im Süden das Obere Tor und im Norden das Untere Tor", erklärte Erb. Die vier Tore waren Teil der Stadtbefestigung, eines doppelten Mauerrings mit Graben. Zwischen der acht Meter hohen inneren Mauer und der niedrigeren äußeren Zwingermauer befand sich ein dreieinhalb Meter breiter Streifen, der so genannte Zwinger, außerhalb der Mauern verlief ein tiefer Graben, über den Zugbrücken zu den Toren führten, und davor erhob sich ein 22 Meter breiter und 5, 5 Meter hoher Erdwall.

Wie diese Stadtbefestigung aussah, ist gut an dem beim Wachthaus auf einer Steinsäule angebrachten Stadtmodell zu erkennen, das den Wiederaufbauplan nach dem Stadtbrand zeigt. "Nach barocken Gesichtspunkten wurden die Straßen geradlinig und rechtwinklig angelegt", erklärte Erb. Das von Markt- und Max-Eyth-Straße gebildete Straßenkreuz teilt die Stadt in vier ungleich große Stadtviertel, die umschlossen sind von der Stadtbefestigung, zu der auch das Schloss mit Marstallbastion und die Bastei am Jesinger Tor gehörten. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Stadtbefestigung nicht mehr benötigt, und seit 1811 begann man damit, die Stadtmauern abzutragen, den Graben zuzuschütten und den Wall einzuebnen.

Dadurch entstanden rings um die Altstadt Flächen, die nun anderweitig genutzt werden konnten. Auf dem einstigen Wall wurde der Alleenring angelegt, und weitere Freiflächen wurden zu Marktplätzen. So entstanden am Rand der Altstadt der Krautmarkt, Rossmarkt, Saumarkt und der so genannte Geflügelmarkt. "Heute stehen hier zwar Truthähne", meinte Erb angesichts der auf dem Platz aufgestellten Skulpturen, "aber die wurden damals hier sicher nicht verkauft. Das war wahrscheinlich einfach der Hennenmarkt." Wolle wurde im Freihof verkauft. Bis 1914 reisten jedes Jahr im Juni Schafzüchter aus ganz Süddeutschland zum Landeswollmarkt an. "Dann herrschte in Kirchheim sechs Tage lang der Ausnahmezustand", vermutete Erb. Zwei Jahrmärkte haben bis heute überlebt: der Märzenmarkt und der Gallusmarkt. "Der Gallusmarkt war immer der wichtigere Markt, und zwar deshalb, weil die Bauern nach der Ernte mehr Geld in der Kasse hatten. Auch heute noch kommen die Leute von der Alb runter und gehen auf den Markt", berichtete Erb. Einmal im Monat, jeweils am ersten Montag, bieten Krämer ihre Waren an, und jeden Montag, Donnerstag und Samstag, ist Obst- und Gemüsemarkt auf dem Marktplatz.

Verkauft wurde auf diesem Gelände auch schon im Mittelalter, jedoch nicht im Freien wie heute, sondern im einstigen Rathaus, das bis zum Stadtbrand im Jahr 1690 auf dem heutigen Marktplatz stand. Damals wurden im Rathaus nicht nur die Amtsgeschäfte erledigt, sondern auch Waren angeboten: Obst und Gemüse an den Markttagen, Brot in der Brotlaube und Fleisch auf der Metzgerbank im unteren Stock während des ganzen Jahres. Wie groß das damalige Rathaus war, lässt sich ebenfalls im Straßenpflaster ablesen: Es war ein stattlicher Bau, ein dreistockiges Fachwerkhaus mit viereckigem Turm. Doch nach dem Stadtbrand blieb nur ein Trümmerhaufen zurück. Die württembergischen Herzöge, denen das Rathaus gehörte, "hatten kein Geld mehr übrig für den Schuppen da in Kirchheim", meinte Erb. So mussten die Amtsgeschäfte vorübergehend im Schloss, das den Stadtbrand überstanden hatte, sowie anschließend im Spital erledigt werden, bis auf Rechnung der Stadt ein neues Rathaus an derjenigen Stelle gebaut wurde, an der zuvor das Bürgerhaus gestanden hatte.

Erst mehr als dreißig Jahre nach dem Stadtbrand konnte das neue Rathaus eingeweiht werden. "Es wurde im traditionellen Fachwerkstil erbaut. Der mächtige Turm hat wie die Martinskirche einen Umgang und eine welsche Haube", machte Erb seine Zuhörer auf Einzelheiten am Rathaus aufmerksam. "Warum hat eigentlich das Rathaus einen solch mächtigen Turm, wird sich mancher fragen. Vor dem Stadtbrand stand auf einem Platz rechts vom heutigen Rathaus der so genannte Bürgerturm, der nicht wieder aufgebaut wurde. Vielleicht bekam stattdessen das Rathaus einen Turm", meinte Erb. Im Erdgeschoss des Rathauses war bis 1949 die Feuerwehr untergebracht, doch bei einer Renovierung wurden 1951 die Arkaden freigelegt.

"An der Decke sehen Sie das Wappen der Grafschaft Württemberg und das Herzogswappen mit den württembergischen Hirschstangen, den Teckschen Wecken, den Fischen von Mömpelgard und der Sturmfahne von Markgröningen. Dazu hatten wir als Kinder einen Auszählvers", erinnerte sich Erb. "Hörnle, Weckle, Fähnle, Fisch du bisch." Mit der Bemalung dieser Decke wurde 1951 der Maler Otto Stach beauftragt. "Der war damals ein ganz gewöhnlicher Maler, aber künstlerisch sehr begabt. Ab Sonntag läuft im Kornhaus eine Ausstellung mit seinen Bildern", erzählte Erb am Ende des Rundgangs, bei dem die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt aufgesucht worden waren: Max-Eyth-Haus, Martinskirche, Kornhaus, Spital, Schloss und Rathaus.

INFODie Erlebnisführung wurde von der Kirchheim-Info angeboten; Termine für weitere Führungen können erfragt werden unter0 70 21/30 27 und www.kirchheim-teck.de.