Lokale Kultur

Homogene Interpretation

KIRCHHEIM Etliche der Konzertbesucher werden sich noch gern an das erste Gastspiel der Wolgograder

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FLORIAN STEGMAIER

Künstlerin Natalia Strelnikova in der Teckstadt erinnern, wusste sie doch im Rahmen der Tasta-Tour 2002 unter anderem mit Mussorgskys Bildern einer Ausstellung zu glänzen. Auch dieses Mal hatte sie mit Tschaikowskys Jahreszeiten und Chopins Préludes op. 28 Zyklisches im Gepäck.

Den zwölfteiligen Zyklus der Jahreszeiten man müsste eigentlich von Monaten, von musilaischen Kalenderblättern sprechen komponierte Tschaikowsky in den Jahren 1875/76 für die monatlich erscheinende Notenzeitschrift "Nouvellist". Insbesondere das November-Stück, die "Troika-Fahrt" hat es zu einer gewissen Popularität gebracht. Den intimen Charakterstücken begegnete Strelnikova mit einer ausgewogenen und nuancierten Klangkultur, deren Qualität insbesondere daher rührte, dass nie der Eindruck entstand, es werde gegen oder zumindest im Gegenüber mit dem Instrument gespielt, vielmehr schien sich und das war auch für die Deutung der Préludes charakteristisch Strelnikovas Interpretation im Einklang mit den Gegebenheiten und Möglichkeiten des Klaviers organisch zu entfalten.

Dass sich in die Darbietungen beider Zyklen kleine Schönheitsfehler mischten auffällig etwa das wohl unfreiwillig "verlängerte" D-Dur-Prélude " war zwar bedauerlich, tat dem hervorragenden Gesamteindruck jedoch keinen Abbruch. Zu Recht wird im Hinblick auf die durch alle Tonarten des Quintenzirkels wandernden Préludes auch auf deren zum Teil dunklen und abgründigen Charakter hingewiesen. Strelnikovas Interpretation dieser Stücke man denke etwa an das fieberhafte gis-Moll Prélude oder die virtuose tour de force in b-Moll vermied es, sämtliche vorhandene Untiefen auszuloten und setzte vielmehr, ohne zu glätten oder gar zu beschönigen, auf einen versöhnlicheren, melodiebetonten Ansatz.

Im Gegensatz zu zahlreichen Konzertdarbietungen und Einspielungen, in denen der Eindruck entsteht, es handle sich bei den Préludes um eine Ansammlung von 24 im Ausdrucksgehalt krass divergierender und mehr oder minder zusammenhanglos nebeneinander stehenden Einzel-Miniaturen, gelang es Strelnikova mit ihrer tendenziell homogeneren Interpretation den Blick auf die Gesamtanlage, die Architektur das Zyklus zu öffnen. Binnenstrukturen, Symmetrien und Entsprechungen der Kompositionen untereinander wurden somit erfahrbar und machten den Abend zu einem Gewinn auch für diejenigen, die bis dato geglaubt hatten, im pianistisch seit Generationen eifrig beackerten Chopinschen Klangkosmos nur noch wenig Raum für Innovationen zu finden.