Lokale Kultur

Horowitz in der Kirchheimer Stadthalle?

Andreas Spreer und Hans-Wilhelm Schmitz retten mit modernster Technik musikalische Kostbarkeiten der Vergangenheit vor dem endgültigen Vergessen

Kirchheim. Alle Musikfreunde, die mit dem Namen Vladimir Horowitz etwas anfangen können, werden das mit der Überschrift kolportierte Gerücht und auch das Fragezeichen dahinter bestenfalls milde belächeln – weiß doch jeder halbwegs informierte Klassikfreund, dass der große Tastenmagier seit zwei Jahrzehnten

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Gerhard fink

nicht mehr unter den Lebenden weilt. Hätte er zu Lebzeiten Kirchheimer Boden je betreten, geschweige denn hier gespielt, es wäre in unserer Stadt nicht unbemerkt geblieben. Zudem ist der erste April ja noch ein gutes Stück entfernt – was also soll das?

Der Vladimir Horowitz des Jahres 1926, gerade mal 23 Jahre alt, hat in der Kirchheimer Stadthalle eine Aufnahme in bester Digitalqualität gemacht. Jetzt werden wohl auch alle diejenigen abwinken, die mit der Stadthistorie und der Entwicklung der Aufnahmetechnik in großen Zügen vertraut sind: 1926 gab es schließlich noch keine Kirchheimer Stadthalle und die Plattenaufnahmen der damaligen Zeit waren von digitaler Qualität Lichtjahre entfernt.

Zugegeben, der russische Klaviertitan hat als Person die Schwelle zur Stadthallenbühne nie überschritten und kann dies auch nicht mehr tun – ebenso wenig wie die illustren Musikgrößen Richard Strauss, Enrique Granados, Ernst von Dohnanyi oder Arthur Schnabel. Ob diese Herrschaften aber allesamt in der Kirchheimer Stadthalle gespielt haben oder nicht, ist eine ganz andere Frage.

Die Erklärung besteht in einer moderaten Wagenladung bestens verpackter Elektronik, einem offensichtlich historischen Apparat von der Größe zweier Kühlschränke und einer Kiste mit zahlreichen Papierrollen. Mit schöner Regelmäßigkeit – zuletzt im August 2008 – wird dieses Gepäck für eine Woche in die Stadthalle verfrachtet. Das gesamte Instrumentarium gibt sich hier ein Stelldichein, um den prächtigen Kirchheimer Steinway und die feine Akustik des Saales für ein besonderes Projekt dienstbar zu machen.

Besitzer sind zwei Herren, die sich mit Haut und Haaren einem Projekt verschrieben haben, das die Musikwelt in Erstaunen setzt und so ganz nebenbei die vorzüglichen Gegebenheiten der Kirchheimer „Musik-Infrastruktur“ rund um den Erdball bekannt macht. Es sind dies Andreas Spreer, Direktor und Aufnahmeleiter des ambitionierten Tacet-Labels und Hans-Wilhelm Schmitz, den die Leidenschaft für die musikalischen Schätze der Vergangenheit vom erfolgreichen Architekten zum perfektionistischen Tüftler und Experten für historische Schalldokumente und Aufzeichnungsverfahren werden ließ.

Ihr Projekt führt zurück in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Schmitz selbst berichtete 2004 in der Zeitschrift „Analog“: „Im Jahr 1904 erlebte die Musikwelt eine Sensation. Die Freiburger Firma Welte & Söhne ließ bei öffentlichen Konzerten ein Klavier auf dem Podium spielen, an dem kein Pianist saß. Wie von Geisterhand gesteuert spielte das Klavier klassische Musikstücke in der Interpretation berühmter Pianisten.

Die Presse berichtete von einer verblüffenden, ja fast erschreckenden Wirkung. Bald war von einem achten Weltwunder die Rede. Die Apparate waren in der Lage, das persönliche Spiel eines Pianisten mit all seinen Feinheiten, Tempoveränderungen und Temposchattierungen aufzunehmen und zu jedem beliebigen Zeitpunkt wiederzugeben.“

Natürlich wurde der Apparat für die Wiedergabe patentiert und erhielt den Produktnamen Welte-Mignon. Das Aufnahmeverfahren aber hüteten die Erfinder Edwin Welte und Karl Bokisch wie ihren Augapfel. Kaum war die jeweilige Aufnahmesitzung abgeschlossen, versiegelten sie die Apparatur in einem Kasten, dessen Inneres niemand zu sehen bekam, auch nicht die eigenen Mitarbeiter. Nachdem bei einem Luftangriff 1944 alle Konstruktionsunterlagen und das einzige noch vorhandene Aufnahmegerät vernichtet wurden, bleibt ihr Geheimnis wohl für immer gewahrt. Man weiß nur: Elektrokabelverbindungen zum Aufnahmeflügel haben eine Rolle gespielt, ein Seismograf wird vermutet, Röhrchen mit Quecksilberfüllung haben möglicherweise als eine Art Sensoren gedient.

Die sicher bereits auf Papier aufgebrachten „Aufzeichnungen“ wurden dann in gelochte Papierbänder in der Art von Lochstreifen überführt, die beliebig oft reproduziert werden konnten. Bis zu 88 Steuerspuren sind auf den Rollen zu unterscheiden, an den Papierrändern gibt es noch weitere Steuerspuren, die ganz verschiedene Parameter der Pianistenkunst festhalten. Der „Vorsetzer“, der Abspielapparat im doppelten Kühlschrankformat, ist ein Wunderwerk, komponiert aus Pneumatik und Feinmechanik.

Hans-Wilhelm Schmitz hat in jahrelanger Arbeit dieses Gerät und seine mehr als komplexe Funktion in allen Facetten analysiert und ist heute in der Lage, durch sorgfältigste Justage eine perfekte Verbindung des Flügels mit dem „Vorsetzer“ herzustellen. Diese Prozedur dauert deutlich länger als die eigentliche Aufnahmesitzung – die Künstler müssen sich ja auch nicht erst einspielen und sind praktisch unfehlbar.

Weil sich in den vergangenen 50 Jahren niemand auch nur annähernd so viel Mühe mit dieser Technik gemacht hat, sind alle früheren Versuche einer Überspielung der Rollen auf ein moderneres Medium Stückwerk, das die Informationsmenge auf den Rollen nur zu einem bescheidenen Teil ausschöpft.

Heute jedoch kann man attestieren, dass der Titel der Plattenserie „Welte-Mignon Mystery“ nicht im Geringsten übertrieben ist, sobald sich eine der Rollen auf dem Abspielgerät abzuwickeln beginnt. Ein Faszinosum ist schon das lautlose, aber optisch wahrnehmbare Geschehen zwischen Instrument und Abspiel-Vorsatz, ein Labsal das musikalische Ergebnis auf dem Flügel – von der Pedalisierung bis zu den feinsten Anschlagsnuancen ist alles da.

Im Aufnahmeraum ereignet sich ein zusätzliches Mirakel: Es weht die Aura des jeweils konzertierenden Künstlers durch den Raum, gerade so, als säße er tatsächlich am Flügel. Zugegeben, das ist ein „Kopfphänomen“, aber noch heute kann man die Publikumsreaktion von 1904 sehr wohl nachempfinden. Und was für Schätze noch in der Schmitz’schen Kiste schlummern: Ferruccio Busoni, zahlreiche Lisztschüler, Ravel, Debussy, Grieg, Camille Saint-Saëns, Gustav Mahler . . . die Weltelite zwischen 1904 und 1928 hat sich nahezu vollständig an Weltes Aufnahmepiano versammelt und die Ergebnisse anschließend per Unterschrift auf der Rolle autorisiert. Kein Wunder bei dieser technisch so überragenden Qualität, die mit dem Getröte aus dem Plattentrichter so gar nichts gemein hatte.

Einen Haken aber gab es bei der Sache: Man musste tief in die Tasche greifen, um an diesem Genuss zu partizipieren. Das Vergnügen war jener Einkommensklasse vorbehalten, die heutzutage den Gegenwert eines Einfamilienhauses in ihre Stereoanlage stecken kann.

Auf mittlerweile mehr als einem Dutzend veröffentlichter CDs lässt sich der Anteil des Aufnahmeleiters Andreas Spreer und seiner audiophilen Philosophie an diesem Projekt verifizieren: Mit sorgfältig ausgewählten Mikrofonen den Zauber dieser Epoche einfangen, und den Leuten einen hautnahen Kontakt ohne Patina mit der Künstlerelite einer großen Musikepoche zu vermitteln. Demnächst werden übrigens Debussy und Ravel in der Kirchheimer Stadthalle erwartet . . .