Kirchheim

„Hurra“ schreien ist keine PflichtKommentar

Wer über viele Jahrzehnte hinweg in seinem „Häusle“ wohnt, ist ebenso natürlich wie sprichwörtlich „völlig aus dem Häuschen“, wenn eine Veränderung ansteht. Das war schon immer so, und das wird auch immer so sein. Ob es dabei um den freien Blick am Ortsrand geht oder um die freie Grün- und Parkfläche, spielt keine Rolle. Und es spielt auch keine allzu große Rolle, wer auf dem freien Platz vor oder hinter dem eigenen Haus für wen bauen will. Abgesehen davon, dass auf der Fläche mitten im Ginsterweg kein Platz für eine pompöse Villa ist, würden sich die Anwohner selbst gegen eine solche Villa wehren – und zwar mit Sicherheit, mit derselben Vehemenz und mit demselben guten Recht.

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Wohngebiete, die später entstanden sind als die Ötlinger Halde, haben nicht mehr so großzügige Freiflächen. Das wird dann aber problematisiert und teilweise heftig kritisiert. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist das Nägeles­tal: Parkdruck und zu wenig Abstellmöglichkeiten auf den Straßen, die zudem viel zu verwinkelt sind. In Ötlingen soll nun eine geeignete Fläche, die seit Anbeginn der Bebauung und gewohnheitsrechtlich von allen Anwohnern – nicht nur von den direkten – zum Parken genutzt wird, so bebaut werden, dass auch noch der letzte Quadratmeter genutzt ist.

Da ist es kaum verwunderlich, wenn die Anwohner nicht gerade „Hurra“ schreien. Und gänzlich unangebracht ist es, sie zu so etwas wie tumben Ewig-Gestrigen zu erklären, nur wenn sie es möglicherweise nicht gerade als ihre oberste Pflicht ansehen, 44 „Neubürger“ möglichst schnell und möglichst perfekt zu integrieren. Im Schwäbischen gewöhnt man sich traditionell eher langsam an eine neue Nachbarschaft: Selbst hellhäutige, schwäbisch sprechende Besserverdiener müssten sich da erst einmal beweisen.ANDREAS VOLZ