Lokale Kultur

"Ich bin dann mal weg" stimmt oft gar nicht mehr

KIRCHHEIM In letzter Sekunde von Geschenksuchenden gewissenhaft ausgewählt und von freundlichen Händen liebevoll verpackt, sind viele verkaufte Bücher nach einem nur kurzen Ausflug unter festlich geschmückte Weihnachtsbäume inzwi-

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WOLF-DIETER TRUPPAT

schen wieder an ihren angestammten Platz im Lager oder auf den Verkaufstischen der Buchhandlungen zurückgekehrt. Buchrücken an Buchrücken stehend, warten sie nun geduldig auf Menschen, die sie tatsächlich lesen wollen.

Hape Kerkelings mit Abstand am meisten verkaufte Buch des Weihnachtsgeschäfts wird davon besonders betroffen sein, denn um zu verstehen, dass er "dann mal weg" ist, braucht man sicher keine drei gleichen Bücher auf dem Gabentisch. Der enorme Verkaufserfolg steigert schließlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass seine amüsant und nachdenklich zugleich geschilderte Begegnung mit dem Jakobsweg auch die Rekordmarke bei der inzwischen angelaufenen Bücherrückgabe setzen könnte.

Dass "Witzischkeit" keine Grenzen kennt, behauptet er ja schon lange. Dass der Jakobsweg ganz andere als nur kabarettistische Energien in ihm freisetzte, wurde aber so medienträchtig vermittelt, dass sein Verkaufshit "Ich bin dann mal weg" eigentlich auf keinem Gabentisch fehlen konnte.

Schon Monate vor dem Fest aller Feste Bücher zu bunkern, die dann möglicherweise schon wieder megaout", zumindest aber nicht mehr topaktuell sind, scheint uncool. Nachdem frühlingshafte Temperaturen lange niemand an Weihnachtseinkäufe denken ließ, wurde es an den letzten beiden Wochenenden ganz besonders eng zwischen den Regalen der Kirchheimer Buchhandlungen.

Einig waren sich Ralf Bauer von der Kirchheimer Bücherstube in der Flachsstraße, Judith Armbrust von der Buchhandlung Margot Schieferle in der Wellingstraße, Roland Schöllkopf, Buchhandlung und Antiquariat in der Alleenstraße und Sibylle Mockler von der Buchhandlung Zimmermann in der Max-Eyth-Straße darüber, dass es in ihren Verkaufsräumen nach den Weihnachtsfeiertagen ähnlich hektisch weiter ging. Nicht nur Textiles, sondern auch Literarisches kann schließlich problemlos umgetauscht werden, wenn es nicht so richtig passt. Während die anderen Gesprächspartner viele der liebevoll ausgewählten Geschenke wieder zurücknehmen mussten, war Roland Schöllkopf besonders stolz darauf, dass er in seiner Buchhandlung mit Antiquariat zumindest bis gestern um die Mittagszeit von Umtauschwünschen noch völlig unbehelligt blieb.

Ein falsches Buch ausgesucht zu haben, kann natürlich nicht der ultimative Feiertagskick sein und so setzen zur großen Freude der Buchhändler immer mehr Menschen auf die diskrete Diplomatie von Gutscheinen, die keinerlei Vorgaben darüber machen, ob der Beschenkte eher als klassischer Buch- oder aber als Hörbuchtyp eingestuft wird. Völlig frei wählbar ist auch das in Frage kommende Thema.

Gleich nach Hape Kerkelings verkaufsrekordträchtiger Begegnung mit dem fernen Jakobsweg werden auf den Bestsellerlisten der örtlichen Buchhandlungen vor allem auch regionale Ereignisse geführt. Der zweite Platz auf der Hitliste der Weihnachtsverkäufe belegt die neue Stadtgeschichte, was in einem Fall per Ausdruck belegt, in den anderen zumindest "gefühlt" und damit ebenfalls bestätigt wird.

Vor allem die Buchhandlung Margot Schieferle, die einen Abend mit den Autoren anbot und daher auch vom Autorenteam signierte Exemplare rechtzeitig für den Gabentisch anbieten konnte, registrierte großes Interesse an der im GO Druck Media Verlag erschienenen und im Auftrag der Stadt von Rainer Kilian herausgegebenen Geschichte von "Kirchheim unter Teck Marktstadt, Amtsstadt, Mittelzentrum".

Ganz hoch in der Gunst der Kunden stand nach einem entsprechenden Abend mit Karl-Georg Sindele dort auch dessen ebenfalls an einem Abend im Blickpunkt stehenden und im Jan Thorbecke Verlag erschienenen Biografie "Herzogin Henriette von Württemberg".

Ernsthafte Biografien liegen insgesamt durchaus im Trend, werden aber nicht wie im noch heute berüchtigten Fall Dieter Bohlen gleich palettenweise abgerufen, sondern eher zielgruppenorientiert nachgefragt. Auf Platz drei der vorliegenden Verkaufshitparade landete der unverzichtbare Rechtschreib-Duden. Direkt dahinter positionierte sich Porschechef Wendelin Wiedeking, der als erfolgreichster Manager in der Bundesrepublik den ehemaligen Bundeskanzler Gerd Schröder mit seinem Buch "Entscheidungen Mein Leben in der Politik" deutlich hinter sich lassen konnte. Überholt wurde der "Medienkanzler" bei seiner mit flinker Feder zwischen Buchdeckel geritzten Abrechnung in eigener Sache auch von Petra Durst-Benning, die ihren Heimvorteil und viele gut besuchte Lesungen in der Gegend dazu nutzen konnte, mit ihrem neuesten Buch "Das gläserne Paradies" vielen Gabentischen zusätzlichen Glanz zu verleihen.

Dass das immerhin schon seit vergangenem Jahr aus den Bestsellerlisten verschwundene Buch Daniel Kehlmanns über "Die Vermessung der Welt" gleich nach Gerd Schröder folgt, erstaunt deutlich mehr, als die nächste Nominierung auf der Liste der Verkaufshits, denn Krimis sind schließlich immer eine sichere Bank und das Autorenduo Volker Klüpfl/ Michael Kobr aus dem Allgäu ist längst mehr als nur ein Geheimtipp. Ihre "Kluftinger Krimis" sind Kult und so konnte ihr neues Buch "Seegrund" locker selbst von den Medien ungemein verwöhnte Bücher wie Bernhard Buebs "Lob der Disziplin", Dietrich Grönemeyers "Lebe mit Herz und Seele Sieben Haltungen zur Lebenskunst" hinter sich lassen. Auch Ilija Trojanows "Der Weltensammler", den die Buchhandlung Zimmermann in Nürtingen vorgestellt hatte und damit auf die Qualitäten dieses mit dem Leipziger Buchpreis als bester Roman im Frühjahr 2006 ausgezeichnete Buch musste sich mit einem nachfolgenden Rang begnügen.

Neben dem möglicherweise unromantischen, aber definitiv extrem pragmatischen Trend zum Gutschein sind sich Kirchheims Buchhändler auch darin einig, dass die Konkurrenz des Hörbuchmarktes mit seinem enormem Anstiegspotenzial auch positiv auf das klassische Buchsegment zurückwirkt. Nicht selbst lesen zu müssen, sondern sich von einem Profi einen per se schon genussvollen Inhalt auch noch optimal präsentieren lassen zu können, ist schließlich ein ganz besonderes Vergnügen. Die Chance, nicht mit überforderter Lesebrille mit viel zu kleinen Buchstaben auf viel zu eng bedruckten Seiten ankämpfen zu müssen, wird immer öfter genutzt und kann langweilige Langstreckenfahrten zum kurzweiligen Vergnügen machen.

Auffallend war, dass ganz kontrovers debattierte Bücher doch kein so großes Interesse entfachen. Eva Hermans Plädoyer für eine neue Weiblichkeit sucht man in den oberen Rängen vergeblich.

Großes Interesse wurde in der Vorweihnachtszeit auch Kalendern entgegengebracht. Da wird es mit dem in diesen Tagen so beliebten Umtausch freilich schon etwas schwieriger . . .