Lokale Wirtschaft

IG Metall stellt Strafanzeige gegen Recaro-Geschäftsleitung

Die Auseinandersetzung zwischen der IG Metall und der Geschäftsführung des Kirchheimer Autositzherstellers Recaro spitzt sich zu: Gestern stellte die Gewerkschaft Strafanzeige gegen die Firmenleitung wegen "Erpressung, Nötigung, Rechtsbeugung und Behinderung der Betriebsratsarbeit".

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM "Wir haben am Standort Kirchheim ein Kostenproblem", verkündete Horst Kespohl, Vorsitzender der Recaro-Geschäftsführung, im Frühjahr und verordnete dem Standort ein umfangreiches Sparprogramm. Seither hängt der Haussegen bei dem renommierten Kirchheimer Sitzhersteller schief. Vier Millionen Euro will die Geschäftsleitung langfristig pro Jahr einsparen. Ein Ziel, das nur mit empfindlichen Einschnitten zu erreichen ist. So sollen die rund 380 Kirchheimer Recaro-Mitarbeiter bei gleichem Lohn ab dem kommenden Jahr 40 Stunden pro Woche arbeiten. Knapp zwei Millionen Euro, so hat die Geschäftsleitung berechnet, können mit der Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich eingespart werden. In den Folgejahren ist zusätzlich vorgesehen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld an den Betriebserfolg zu koppeln.

Grund für das drastische Sparprogramm sind nach Auskunft von Recaro-Manager Kespohl die gesunkenen Deckungsbeiträge bei neuen Produkten und Aufträgen. Auch für die Zukunft erwartet das Unternehmen sinkende Gewinnmargen und sieht deshalb keine Alternative zu einer deutlichen Reduzierung der Kosten allen voran der Lohnkosten.

Alle Versuche einer gütlichen Einigung mit der Gewerkschaft scheiterten. Die Vorschläge der IG Metall zur Kostenreduzierung wie Altersteilzeit, die Einführung des einheitlichen Entgeltrahmens oder Arbeitszeitflexibilisierung bezeichnete das Management als nicht ausreichend. Das Sparpotenzial sei mit rund 400 000 Euro pro Jahr und Einmaleffekten von rund einer Million Euro zu niedrig. Eine unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit auf 40 Stunden komme für die Gewerkschaft nicht in Betracht, zumal nicht einmal klar sei, so die IG Metall, ob die neuen Aufträge eine Beschäftigung für 35 Stunden in der Woche sichern. Bei den derzeitigen Auftragsschwankungen in der Automobilindustrie müsse befürchtet werden, dass eine Arbeitszeitverlängerung zum Abbau von Arbeitsplätzen führe.

Recaro kündigte daraufhin seine Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband auf Jahresende und begann Mitte des Jahres, allen Beschäftigten Einzelarbeitsverträge anzubieten. Seither herrscht Eiszeit zwischen der Recaro-Firmenleitung und der IG Metall. Vor allem seit im Juli auch noch zwei Betriebsratsmitglieder unter Fortzahlung der Bezüge von der Arbeit suspendiert wurden. Gleichzeitig bot ihnen die Geschäftsleitung Aufhebungsverträge an.

Mit der gestern gestellten Strafanzeige verschärft sich der Konflikt jetzt nochmals deutlich: "Erpressung, Nötigung und Rechtsbeugung sowie Behinderung der Betriebsratsarbeit" wirft die IG Metall der Geschäftsführung des Kirchheimer Recaro-Werks vor. Beschäftigten, die nicht bereit sind, einen neuen Arbeitsvertrag zu unterschreiben, habe man offen damit gedroht, das Arbeitsverhältnis zu kündigen. Mitarbeiter, die den neuen Arbeitsvertrag nicht unterschrieben haben, seien ohne jeglichen sachlichen Grund auf andere Arbeitsplätze "strafversetzt" worden, schreibt die IG Metall in einer Pressemitteilung.

Zehn Beschäftigten, die den neuen Arbeitsvertrag nicht unterschrieben haben, sei bereits gekündigt worden. "Unter bewusster Missachtung gesetzlicher Bestimmungen versucht die Geschäftsführung mit allen Mitteln Mitarbeiter zur Unterschrift unter einen neuen Arbeitsvertrag zu nötigen", sagt Sieghard Bender, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen. Auch die Freistellung der beiden Betriebsratsmitglieder, die den neuen Arbeitsvertrag ebenfalls nicht unterschrieben haben, diene der Einschüchterung und stelle eine Behinderung der Tätigkeit des Betriebsrats gemäß Paragraf 119 Betriebsverfassungsgesetz dar, die strafrechtlich zu verfolgen sei, betont Bender.

Die Geschäftsleitung des Kirchheimer Autositzherstellers wollte sich gestern nicht zu der Strafanzeige äußern.