Lokale Kultur

Ihre königliche Hoheit, edle Araber und kopierte Staatsgeschenke

KIRCHHEIM "Was schenkt man zu einem 175. Geburtstag?" scheint die schwierige Frage zu sein, der sich Dr. Horst Zimmermann stellen musste. Beim offiziellen Festakt am vergangenen Sonntag zählte der Freund der Familie Gottlieb gemein-

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WOLF-DIETER TRUPPAT

sam mit seiner Frau zu den geladenen Gästen und konnte das Terrain sondieren. Am Donnerstagabend überreichte er dann zwischen den Stellwänden der Ausstellung zum 175-jährigen Bestehen des Teckboten ein Geschenk, das sich wahrlich sehen lassen kann.

In gewohntem Understatement hatte der zeitversetzt in die Jubiläumsfeierlichkeiten eingreifende zweite Festredner eine "amüsante Plauderei" angekündigt und alle Wissenschaftlichkeit zunächst einmal weit von sich gewiesen. Es kam dann freilich, wie es kommen musste, denn der zunächst in amüsantem Plauderton angestimmte Vortrag wandelte sich bald zur Fleißarbeit mit eindrucksvoller Informationsdichte. Blumen oder Pralines wären zweifellos leichter zu überbringen gewesen als ein solch buntes Bouquet von Erkenntnissen und Einblicken in die Genealogie des britischen Königshauses.

Spätestens seit der Film "The Queen" in die Kinos gekommen ist und die kongeniale Hauptdarstellerin Helen Mirren zu Recht den "Golden Globe" entgegennehmen konnte, muss selbst sehr königstreuen Kinogängern klar geworden sein, dass die lang gediente Monarchin einen entscheidenden Fehler beging, als sie dachte, den tödlichen Verkehrsunfall ihrer einstigen Schwiegertochter Lady Diana ignorieren zu können. Statt nach London zu eilen, bleibt die königliche Familie in ihrer Sommerresidenz Balmoral Castle.

Wer Horst Zimmermanns Festvortrag mit dem Titel "Die Teck, der Teckbote und die Weltgeschichte" miterleben konnte, weiß jetzt ganz genau, dass Ihre königliche Hoheit Elisabeth II. schon viele Jahre früher einen entscheidenden Fehler begangen hat. Bundespräsident Theodor Heuss hatte 1958 bei seinem Staatsbesuch in London in einem artigen Trinkspruch darauf hingewiesen, dass das regierende englische Königshaus seine Ahnen und Ursprünge auf der Teck finde. Statt 1965 beim Staatsbesuch in Deutschland Kirchheim und die Teck mit ihrem Besuch zu adeln und sich vor der Geburtsstätte ihrer Ahnen zu verneigen, hatte Elisabeth II. sich seinerzeit für einen Abstecher nach Marbach entschieden. Statt das erhoffte Gestüt bewundern zu können, musste Ihre königliche Hoheit zur Kenntnis nehmen, dass die Gastgeber sie zum Schiller-Nationalmuseum chauffiert hatten, wo die Queen dann vergebens nach edlen Arabern Ausschau hielt.

Selbst die 400 Pferde im für den Staatsbesuch eingesetzten 600er-Mercedes wollten sich anschließend partout nicht mehr in munteren Galopp versetzen lassen, wusste Horst Zimmermann zu berichten und fügte hinzu, dass das einen empfindlichen "Schlagschatten auf Schwabens Erfindergeist und Tüftlerehre" warf. Dass die Königin vor dem Schillernationalmuseum tatsächlich gefragt habe, "Where are the horses? Wo sind die Pferde?" sei "wenn nicht wahr, dann so gut erfunden, dass man die Episode unbedingt als wahr durchgehen lassen muss".

Wenn Kurt Georg Kiesinger seinerzeit klug war, so folgerte Horst Zimmermann, "dürfte er im weiteren Verlauf des Besuchs eher von der Abstammung edler Araber als von Schiller und den Herren auf der Teck parliert haben" auch wenn sich "Häuptling Silberlocke" eloquent genug gefühlt habe, der Königin die Abstammung des Hauses von der Teck auch ohne Spickzettel zu erklären oder sie ihr wenigstens überzeugend einzureden.

Festredner Zimmermann begab sich dann doch mit seinem Publikum gemeinsam auf eine Tour d'Horizon der Genealogie, in der ein lückenloser Zusammenhang hergestellt wurde, der die Königin von England mit dem mittelalterlichen deutschen Hochadel verbindet. Sich auf den be- und vor allem anerkannten Historiker Hansmartin Decker-Hauff berufend, ergeben sich bei genauem Hinschauen immerhin "über 21 weitere Linien", belegte Horst Zimmermann. Da der Herzog von Edinburgh "24 Mal aus dem Hause Württemberg, durch seine übrigen Vorfahren gleich 40 Mal von Herzog Friedrich von Teck abstammt", könne ihr gemeinsamer Sohn Charles "sogar 100 Mal seine Abstammung auf die alten Herzöge von Teck zurückführen".

Auch wenn solch genealogische Akribie durchaus belächelt werden könne, müsse es doch auch etwas mit Stolz erfüllen, "dass all diese Linien auf unserer Teck zusammenlaufen", bilanzierte Horst Zimmermann und attestierte "Papa Heuss", dass er mit seinem Trinkspruch damals gar nicht ganz unrecht hatte.

All denjenigen, die sich für die verschlungenen Verbindungen des englischen Königshauses und derer der Teck interessieren, legte er die neue Stadtgeschichte wärmstens ans Herz, der die viel zu betulich daherkommende Bezeichnung "Heimatbuch" nicht gerecht werde. Dieses neue Werk mit dem Titel "Kirchheim unter Teck Marktort, Amtsstadt, Mittelzentrum" sei "professionelle Geschichtsschreibung" und wurde "nicht von ungefähr in dem Haus, dessen Jubiläum wir feiern, professionell gedruckt".

Zwei finale Überraschungen setzten dem königlichen Vortragsabend dann tatsächlich die Krone auf. Ab sofort steht in der Ausstellung im ersten Obergeschoss eine weitere Stellwand, auf der all die Artikel zusammengestellt sind, die Dr. Zimmermann in seinem Referat zitiert hatte und die die entsprechende Vorfreude, aber auch verhaltene Enttäuschung darüber spüren lassen, dass letztlich nur fast "von einem Hauch von Weltgeschichte" gestreift wurde.

Ein ganz besonderer Leckerbissen wurde dem Publikum zum krönenden Schluss "serviert". Im Vorfeld des Staatsbesuchs von Elisabeth II. erging an das Hauptstaatsarchiv, an die Württembergische und Badische Landesbibliothek und an eine Historiker-Kommission die Weisung, eine Sammlung zusammenzustellen, die "durch die Jahrhunderte hindurch eine innige Verbindung Englands und seines derzeit regierenden Königshauses vorzugsweise mit diesem unserem schwäbischen Land bezeugen sollte".

"Für dieses Staatsgeschenk teure Originale oder gar Unikate hinzugeben, war man dann aber doch nicht bereit", berichtete Hort Zimmermann. "Täuschend nachgemachte Kopien, sagte man, täten's auch".

Die Sammlung enthielt neben vielen anderen Dokumenten Zeugnisse persönlicher Verbundenheit auch von England nach Württemberg. In einem Telegramm meldete Prinz Franz von Teck an König Karl und Königin Olga von Württemberg die Geburt einer Tochter. Dabei handelte es sich um Victoria Mary, Fürstin von Teck. "Als sie herangewachsen war, heiratete sie den späteren König Georg V. von Großbritannien und Irland und wurde so zur Großmutter der Königin, auf deren Besuch man sich gefasst machte."

Für die illustre Sammlung wurde als erstes Blatt der Evangelist Lukas aus dem "Codex Beda" ausgewählt, der zu den exquisitesten Schätzen der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe zählt. Die Teck kommt darin natürlich noch nicht vor. "Dass man so eine Zimelie besaß, wollte man, wenn auch in einer Kopie, schon vorzeigen", kolportierte Horst Zimmermann. Der in Reudern geborene Gotthilf Kurz, dessen kunstvolle Bucheinbände schon in zwei Ausstellungen im Kornhaus zu sehen waren, hatte die Aufgabe übernommen, dieses Staatsgeschenk in feinstes Oasenziegenleder zu binden, sowie mit einem ausladenden, vergoldeten Monogramm der Königin und Goldschnitt zu versehen. Dass dieser Prachtband nach einem höflichen "Very nice, indeed" vermutlich sofort in die Asservatenkammer verschwunden ist, lautete Horst Zimmermanns Verdacht. Welcher Schatz da verschollen ist, konnte er mit einer ungemein kostbaren und nur für diesen Abend aus sicherer Verwahrung befreiten Kopie belegen.