Lokale Kultur

Im Dialog Triebkräfte der Gestaltung freigesetzt

NÜRTINGEN/KIRCHHEIM Mitglieder der Kunstvereine Kirchheim und Nürtingen stellen derzeit unter dem Titel "beziehungsweise" an vier verschiedenen Schauplätzen in

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FLORIAN STEGMAIER

Nürtingen aus. Wie das Ausstellungsmotto schon ahnen lässt, haben sich dabei Künstlerpaare oder kleine Gruppen aus beiden Vereinen zusammengetan, um gegenseitig mit ihren Werken Bezug aufeinander zu nehmen. Wie Michael Maile Kurator der Fritz-Ruoff-Stiftung, der im Anschluss an Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich in die Ausstellung einführte betonte, sei vor allem das spannend, was zwischen den Werken geschieht, insbesondere wenn das eine für das andere als "Katalysator" fungieren könne.

Dass Gemeinsamkeiten der künstlerischen Arbeit nicht erst für dieses ambitionierte und vernetzende Ausstellungsprojekt gesucht werden mussten, sondern unabhängig voneinander bereits vorhanden waren und nun in der gemeinschaftlichen Präsentation ungeahnte Synergieeffekte bewirken, beweisen unter anderem Angela Hildebrandt und Harald Huss mit ihren im Format ans menschliche Maß angelehnten Hochformaten, die sich im Schauraum der Nürtinger Stadthalle in einem stillen, dennoch intensiven Dialog zu befinden scheinen.

Ebenfalls in der Stadthalle zeigen Lene Rose Gruner und Gabi Wichmann ihre Arbeit "Die Gärten der Frauen", eine Installation, bei der zwei deutlich unterschiedliche künstlerische Haltungen und Zugänge in einer gemeinsamen Thematik zusammenfließen und sich zu einer geglückten Einheit aufheben.

Rosemarie Beißer und Susanne Wolf-Ostermann sind mit ihren 16 Bildpaaren "Ravensburger Zweierlei" vertreten, die in einem dialogischen Prinzip entstanden sind. Auf ohnehin schon vorhandenen künstlerischen Parallelen aufbauend, einigten sie sich auf ein einheitliches kleines Format und tauschten die Arbeiten im Entstehungsprozess untereinander aus, sodass eine eindeutige Zuordnung kaum noch möglich scheint, vielmehr entsteht der Eindruck, die Werke gingen regelrecht ineinander auf.

Ebenfalls im identischen Format präsentieren Claudia Reisert und Eva Hoppert Arbeiten unter dem Titel "Hautnah". Die dichte Hängung erzeugt den Eindruck eines wandfüllenden Großformates. Thematisiert Hoppert die Verletzlichkeit der Oberfläche, inszeniert Reisert das Farben- und Formenspektrum der Hülle. Mittels dieses Kontrastes ergänzen sich die Werke zu einem umfassenden Gesamtbild und markieren somit, wie Michael Maile treffend formulierte, "eine Grenze zwischen Innen und Außen".

In einem bewussten Kontrast zueinander steht auch die Arbeit "da und dort" von Bertl Zagst und Heike Pahl im Gewölbekeller der Nürtinger Fachhochschule: auf dem Boden die amorphen, festliegende schwarze Formen, darüber von der Decke hängende, filigrane bootsförmige Metallgerüste. Maile charakterisierte die Arbeit mit dem Eindruck einer "still in sich ruhenden Begegnung".

Herma Fischer, Steffi Kaschlik, Christel Maier und Helmut Johann Wendelken gingen von einer gemeinsam vorgestellten fiktiven Geschichte aus und verwandeln in ihren "Memoiren zwischen Oben und Unten" den Eingang zum Gewölbekeller in eine Schleuse zwischen Ober- und Unterwelt, versuchen diesen Zwischenraum gleichsam magisch aufzuladen und ihrer Geschichte eine bildhaft räumliche Verankerung zu geben.

Videobilder seiner Erkundung des Gewölbekellers zeigt Michael Gompf. Diese sind jedoch nicht eindeutig zu erkennen, projiziert er sie doch auf ein Papierobjekt von Hannelore Weitbrecht, bei dem einzelne Papierbahnen zu einem großvolumigen Objekt geformt und von der Decke abgehängt wurden. Die Videobilder bringen das Papierobjekt zum Leuchten, werden aber zugleich durch dessen amorphe, halbtransparente Körperhaftigkeit verunklart, wenn nicht gar deformiert.

Im Bürgersaal des Rathauses präsentieren Jeanette Fink, Monika Majer und Hans Zoller ihre Installation "Segmente", die auf dem reichen Symbol- und Deutungsgehalt des Kreises basiert. Die drei Künstler nähern sich ihrem Thema individuell in Form von Segmenten und Fragmenten. Auf Monika Majers Kalksteinskulptur antwortet Hans Zoller mit einer in Material und Gewicht identischen Bodenarbeit, während Jeanette Fink die Kreisform grafisch aufgreift, die vorgefundenen Segmente der Fenster als Rahmen einbezieht und ihre einzelnen Bildtafeln zu Ensembles verkettet.

Örtlich peripher, inhaltlich jedoch keineswegs marginal zeigen Regina Weber und Sabine Vosseler-Waller unter dem Motto "Zustand und Veränderung" ihre Werke im Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in der Neuffener Straße. Ausgangspunkt ihrer Zusammenarbeit war das Arbeiten mit Holz und Holzfundstücken in veränderten Zuständen wie Asche, Kohle, Sägespäne oder Papier. Die Materialen verweisen auf die prozesshaften Veränderungen des Organischen. Regina Weber zeigt Formen als Ausschnitte, die durch Abzeichnen und Abformen eines Holzfundstücks entstanden, Sabine Vosseler-Waller greift dieses Formenpotenzial mittels einer aufwändigen grafisch-malerischen Mischtechnik auf, betont dabei die Formverwandlung des Holzes und greift zugleich den in Webers Arbeiten präsenten Aspekt des Bewahrens und Behütens auf.

INFODas Ausstellungsprojekt "beziehungsweise" der Kunstvereine Kirchheim und Nürtingen ist noch bis 30. April zu sehen. Öffnungszeiten, Bürgersaal im Rathaus: Mo. Fr. 7.30 12 Uhr, Di. 14 17 Uhr, Do. 14 18 Uhr; Gewölbekeller der Hochschule, Heiligkreuzstraße: Do. 17 20 Uhr, So. 14 17 Uhr; Foyer Lehrer-Seminar: Mo. Do. 10 17 Uhr; Kunstvereinsraum und Schauraum des Kulturvereins Provisorium: Do. 17 22 Uhr, So. 14 17 Uhr;