Lokale Kultur

Im Reich der tiefen Töne

Umjubelter gemeinsamer Auftritt des Kontrabassquartetts „Bassics“ und Timo Brunkes in Kirchheim

Kirchheim. Mit dem Engagement des Kontrabassquartetts „Bassics“ (Christopher Beuchert, Nico Karcher, Lars Jakob, Manuel Schattel)

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für das dritte Mietekonzert verließen die Veranstalter des Kulturrings die ausgetretenen Pfade, und diese Rechnung ging auf. Die vier jungen profilierten Orchester- und Kammermusiker treten seit 2010 gemeinsam auf und hatten diesmal mit Timo Brunke ein echtes Kirchheimer „Eigengewächs“ dabei, der sich bereits als literarischer Kabarettist, als Sprachkünstler, „slam poet“ und neuerdings als Kinderbuchautor seine Sporen verdiente.

Timo Brunke übernahm an diesem Abend die Aufgabe, die Musiker und ihre wertvollen Instrumente vorzustellen, eine witzig-charmante Conférence abzuliefern und nebenbei noch als versierter, deklamatorisch brillanter und teils atemberaubend zungenfertiger Rezitator zu fungieren, der auch eigene Gedichte zu Gehör brachte. Dabei flocht er an passender Stelle Versatzstücke aus Patrick Süskinds Bühnenstück „Der Kontrabass“ von 1981 ein, nach dem der Bass „der Anfang des Orchesters“ ist, ohne den, im Gegensatz zu anderen Instrumenten, „nichts geht“.

Der zehn Programmpunkte umfassende, abwechslungs- und variantenreiche Konzertabend wurde eröffnet mit der Suite für vier Kontrabässe von Bernhard Alt (1903 – 1945), einem Werk, das mit Elementen der Wiener Salonmusik, aber auch mit Anklängen an die Wiener Klassik aufwartet. Kantabler, vibratoreicher Schmelz mit feinem Solo von Beuchert im Präludium, melodienprall beschwingt und mit feinen agogischen Verzögerungen das Menuett mit seinen zwei kontrastierenden Teilen, klangopulent und mit schöner Tonentfaltung und in dynamischer Nuancierung das Adagio, keck die abschließende Humoreske, ein rhythmisch interessanter musikalischer Scherz mit musikalischen Pointen und einem fast verhuschten Abschluss.

Die Darbietung blieb mit Daryl Runswicks (geboren 1946) „Strauss in the Doghouse“ zunächst wienerisch. Mit dem Ausdruck „doghouse“ (Hundehütte) bezeichnen englische Bassisten witzigerweise ihr kapitales Instrument. Bei Runswicks Komposition handelt es sich um ein Medley aus den beliebtesten Walzermelodien von Johann Strauß, hier in bassistisch parodierter Form und von den vier Musikern mit musikalischem Einfühlungsvermögen und komödiantischem Touch vorgestellt.

Nachdem Timo Brunke Goethes „Erlkönig“ zitiert hatte, kündigte er den Vortrag dieser Schubert-Ballade im Arrangement von Manuel Schattel als „nach unten transponiert“ und dadurch mit „enormer Tiefenspannung“ an. Die fiebrige Hast des nächtlichen Ritts und die Bedrohung des Kindes durch den Tod wurde durch pulsierende, auf- und abschwellende Tremoli und durch ein gewaltiges Crescendo beim Zugriff des Todes plastisch gemacht, wobei ein fulminantes Solo von Manuel Schattel in extrem hoher Lage das Seine dazu beitrug.

Auf Cavaradossis Thema aus dem 3. Akt von Giacomo Puccinis „Tosca“, einem sehnsuchtsvoll melancholischen Stück im Arrangement von Lars Jakob, solistisch von Beuchert und Schattel durchwirkt, folgte die Premiere von drei Stücken für Kontrabassquartett (Auf der Suche nach Glück; Für die Kleinen; Verlorene Zeit) von Dario Schattel (Jahrgang 1987), der persönlich anwesend war. An diesem Werk konnte vor allem der vielleicht etwas überdimensionierte dritte Satz gefallen: jazzige Elemente, schnelle Pizzicati, synkopische Effekte und fast swingender Drive, eigenwillige Rhythmen mit darüber sich entfaltenden Melodiebögen und süffigen Klangsequenzen – mit starkem Beifall ging das Quartett in die Pause.

Ganz und gar klassisch ging es mit Telemanns Konzert in D-Dur für vier Kontrabässe weiter, einer Adaptation der Originalfassung für vier Violinen in derselben Tonart. Hier war schlanke Tongebung zu vernehmen, mit passgenauen, fein abgestimmten Stafetten von temperamentvoll perlenden Läufen in den beiden Allegros, und im Kontrast dazu ein fast schwermütig daherkommendes, tonschönes Grave.

Den nächsten Programmpunkt bildete der „Libertango“ von 1973, das neben „Adios nonino“ vielleicht bekannteste Stück des argentinischen „Tangokönigs“ Astor Piazzolla (1921 – 1993), das in mancherlei Instrumentalbesetzungen existiert. Dabei waren die für Piazzolla typischen Elemente des Tangos zu vernehmen, allerdings nur als Hintergrundmusik: Synkopen, Staccati, perkussive Effekte und Bandoneonläufe – hier von Manuel Schattel auf dem Bass imitiert. Daneben lief aber auf der Vorderbühne die von einem rasend komischen Gedicht begleitete und mimisch-gestisch untermalte Tangoshow des Timo Brunke ab, die so manche Lachsalve im Publikum und viel Beifall provozierte.

Vielleicht zum Höhepunkt des Konzertabends gerieten ausgewählte Szenen aus Bizets Oper „Carmen“, die unter anderem das Leben der Arbeiter in der Zigarrenfabrik von Sevilla, das Verhältnis von Carmen und Don José, seine Flucht in die Pyrenäen und den Stierkampf veranschaulichen sollten. Hinreißend komisch fiel dabei Brunkes Habanera mit Kopftuch und Sonnenbrille aus, wie auch sein in aberwitzig schneller Suada deklamierender Torero. Gelächter, rauschender Beifall und Bravorufe bewirkten noch eine kurze Zugabe.