Lokale Kultur

Im Spannungsfeld zwischen Todessehnsucht und Daseinsfreude

OWEN Auf eher ungewohntes Terrain begab sich der Owener Liederkranz mit seinem Herbstkonzert: Kirchenmusik aus der Zeit des Barock, aus der Renaissance und der Moderne stand auf dem Programm.

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REGINE BENKER

Keine leichte Kost also. Doch die drei Chöre des Liederkranzes bewältigten diese anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour. Der Liederkranz (Leitung Jan Röck), der Jugendchor "Chili Chor Carne" (Leitung Tobias Schmid) und der Kinderchor Owener Liederfinken (Leitung Monika Brändle) konzertierten zusammen mit dem Orchester der Musikhochschule Stuttgart und dem Bass-Solisten Christoph Sökler unter den Dirigenten Jan Röck und Tobias Schmid teils gemeinsam, teils abwechselnd in der voll besetzten Marienkirche. Diese bot einen würdigen Rahmen für die Klangfülle barocker Kirchenmusik.

Zu Beginn und am Ende des Konzerts wurden gleichsam als Rahmen des übrigen Programms der Anfangs- und der Schlussteil einer Messe von Thomas Luis de Victoria (1548 1611) aufgeführt. Als Doppelchor sangen der Liederkranz und der "Chili Chor Carne" Kyrie und Agnus Dei von der Empore herab und vorne am Altar. Im Kirchenschiff vereinigte sich der Klang beider Chöre und bereitete den Zuhörerinnen und Zuhörern einen achtstimmigen Hörgenuss.

Den Hauptteil des Programms bildeten ausgewählte Chorwerke von Johann Sebastian Bach: Chöre, Choräle und Arien aus den Kantaten "O Jesu Christ, meins Lebens Licht", "Ich habe genug", "Herz und Mund", aus der Motette "Jesu meine Freude" und aus der Johannespassion. Im Zentrum dieser Werke steht das typische Lebensgefühl des barocken Menschen: Todessehnsucht und Vergänglichkeit des Daseins werden in der Bass-Arie "Ich freue mich auf meinen Tod" und in dem Chor "Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine" musikalisch umgesetzt. Die Schwere der Thematik fand ihre Entsprechung in der Schwierigkeit der Stücke. Doch die intensiven Probenmonate fanden an diesem Abend einen überwiegend positiven Abschluss.

Das Motiv des Lebens als "Tal der Finsternis" spiegelt sich in besonderem Maße auch in der Lyrik des Andreas Gryphius wider. Mareike Tiede rezitierte gekonnt das hierfür beispielhafte Gedicht "Abend". Die Kehrseite zur barocken Lebensverneinung sind pralle Diesseitsfreude und überschwängliche Lebenszugewandtheit. Diese Gefühle bestimmen die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel und die Ode "Come, come ye sons of art" von Henry Purcell (1659 1695), dem bedeutendsten Komponisten des englischen Hochbarock. Jubelnd wird in diesen beiden Werken die göttliche und unvergängliche Kraft der Musik gefeiert. Diese war bei dem jungen Orchester der Musikhochschule deutlich spürbar, und auch die drei Chöre ließen sich bei der Ode zum Geburtstag von Queen Mary davon anstecken. Das Motiv der Musik als einer über dem Wandel der Zeiten stehenden ewigen Macht wurde an dieser Stelle wieder treffend durch einen Gedichtvortrag aufgegriffen, nämlich durch Rainer Maria Rilkes "Wandelt sich rasch auch die Welt" aus den Sonetten an Orpheus.

Schließlich wurden noch zwei zeitgenössische Vertreter moderner Kirchenmusik zu Gehör gebracht: Psalm 23, komponiert von dem amerikanischen Jazzmusiker Bobby MacFerrin (geboren 1950) bot der "Chili Chor Carne" a cappella dar. Vertonungen zu Psalm 36 und Psalm 121 des britischen Komponisten Bob Chilcott (geboren 1955) rundeten die musikalische Reise durch die Jahrhunderte ab. Die mit großer Innigkeit und sauberer Intonation vorgetragenen Stücke zeugten von dem großen musikalischen Potenzial der Sängerinnen und Sänger um Tobias Schmid.

Schön wäre es gewesen, wenn der Sinnzusammenhang der Gesamtinszenierung dem Publikum durch ein paar einleitende Bemerkungen deutlich gemacht worden wäre. Ein beeindruckendes und bewegendes Erlebnis war es jedenfalls, drei Chöre und drei Generationen gemeinsam musizieren zu hören und zu sehen. Dieses Wagnis ist hervorragend gelungen und wurde mit viel Beifall bedacht. Hoffentlich findet ein solches Miteinander von Alt und Jung eine Wiederholung, vielleicht beim Chorprojekt 2007, das dem Volkslied gelten soll und bei dem neue Sängerinnen und Sänger willkommen sind.