Lokale Kultur

In aller Bescheidenheit „schöpferisch“

Erinnerung an den Kirchheimer Lehrer und Komponisten Werner Gneist zum 30. Todestag

Kirchheim. Am heutigen Donnerstag vor 30 Jahren, am 19. August 1980, ist Werner Gneist im Kirchheimer Krankenhaus gestorben. Vielen Kirchheimern ist er noch bekannt, als Lehrer am Seminar und

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Andreas Volz

an der Freihof-Realschule. Einige seiner Werke sind bis heute sogar in ganz Deutschland bekannt, ohne dass sie deshalb gleich jeder mit seinem Namen in Verbindung bringen dürfte. Am bekanntesten ist sicher sein Geburtstagskanon „Viel Glück und viel Segen“.

Gerade bei diesem Lied berichten alle, die Werner Gneist gekannt haben, wie er sich den Text vorstellte. Auch im Teckboten-Archiv wird da­rauf mehrfach verwiesen: Nicht „Gesundheit und Frohsinn“ oder „Gesundheit und Freude“ sollte es lauten, sondern ausdrücklich „Gesundheit und Wohlstand“. Unter Wohlstand hat Werner Gneist freilich nicht ein Leben in Saus und Braus verstanden, sondern ein Leben, das es dem Beglückwünschten ermöglichen soll, in bescheidenem Maße und frei von den bedrängendsten materiellen Sorgen ein Auskommen zu haben.

Geboren am 10. März 1898 in Ulm, ist Werner Gneist in der schlesischen Heimat seiner Mutter aufgewachsen. Nach dem frühen Tod des Vaters beginnt für den 14-Jährigen ein Ausbildungsweg, der ihn in den Lehrerberuf führen soll. Vier Jahre später ist er Soldat im Ersten Weltkrieg, wobei ihm aber sein musikalisches Talent zugutekommt: In einer Militärkapelle in Serbien übersteht er den Krieg, ohne direkt an der Front kämpfen zu müssen. Im Anschluss setzt er seine Ausbildung fort und wird im Januar 1920 Volksschullehrer in Niederschlesien, noch nicht ganz 22 Jahre alt.

Wichtig wird in dieser Zeit die Singbewegung, nicht nur für Werner Gneist. Regelmäßig veranstaltet er Singtreffen, sogar ganze Singwochen. Außerdem bereichert er die gesamte Singbewegung durch eigene Beiträge. Mit am bekanntesten ist sein Lied „Es tagt, der Sonne Morgenstrahl weckt alle Kreatur“, das er als 30-Jähriger gedichtet und komponiert hat. Etwa zur selben Zeit ist auch „Viel Glück und viel Segen“ entstanden.

Während einer Singwoche lernte Werner Gneist auch seine spätere Frau Gertrud kennen. Sie stammte aus der Schweiz, und in ihrer schweizerischen Heimat fand sie Anfang 1945 auch mit den Kindern Zuflucht, als die Familie kriegsbedingt aus Schlesien flüchten musste.

Werner Gneist selbst war 1944 noch eingezogen worden und im Mai 1945 in russische Gefangenschaft geraten. Aber schon vor seiner Einberufung hatten ihm die Nationalsozialisten das Leben so schwer wie möglich gemacht, weil er sich nicht hatte vereinnahmen lassen – nicht zuletzt aus seiner christlichen Grundüberzeugung heraus. Außer, dass die Singbewegung im neuen Staat keinen Bestand mehr haben konnte, griff die Politik damals auch massiv in Werner Gneists Berufsleben ein. Immer wieder wurde er strafversetzt oder bekam neue Stellen bereits nach kurzer Zeit wieder entzogen.

Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft gelangte Werner Gneist ins Fränkische, wo er wieder als Volksschullehrer tätig war, bevor sich für den gebürtigen Ulmer einige Jahre später die Gelegenheit ergab, in den württembergischen Schuldienst zu wechseln: So kam Werner Gneist 1948 nach Kirchheim. Die nächsten 32 Jahre lebte er hier, bis zu seinem Tod vor 30 Jahren. Bis zur Pensionierung im Jahr 1963 hat er am Seminar und an der Freihof-Realschule unterrichtet.

Für den Teckboten hat Werner Gneist über viele Jahre hinweg Konzertkritiken geschrieben, und zu seinem 75. Geburtstag erhielt er eine besondere Auszeichnung: die Konrad-Widerholt-Gedenkmünze der Stadt Kirchheim. In Kirchheim gelang übrigens auch die Zusammenführung der Familie: Gertrud Gneist und die Kinder kamen aus der Schweiz in die Teckstadt, und selbst Werner Gneists Mutter Emma zog nach Kirchheim.

So sehr Werner Gneist auch für sein Lebenswerk geehrt wurde, übte er sich dennoch in allergrößter Bescheidenheit. So schrieb er einmal an das Musikarchiv Regensburg, „daß ich mich gar nicht als Komponisten betrachten kann. Es sind ja nur recht wenige Lieder und Chöre, die mir die Bezeichnung Komponist eingetragen haben, und zwar durchwegs Auftrags- und Gelegenheitsarbeiten, wie sie jeder einigermaßen schöpferische Sterbliche zustandebringen würde“.

Nun war Werner Gneist sicher nicht nur „einigermaßen“, sondern weit über das Normalmaß hinaus schöpferisch tätig. Sein Andenken wird deshalb – nicht nur in Kirchheim – auch 30 Jahre nach seinem Tod gewahrt. Außer einem schöpferischen Menschen gilt dieses Andenken auch einem begnadeten Pädagogen ebenso wie einem bescheidenen und humorvollen Menschen.

Weiterführende Lektüre zu Werner Gneist findet sich in Band 13 der Schriftenreihe des Kirchheimer Stadtarchivs sowie im biografischen Roman „Die Diamantstraße“ von Christine Flückiger-Gneist.