Infoartikel

„In Dettingen tut sich ein neues Kapitel auf“

Mit Interesse verfolgte Rainer Laskowski, Archäologe und ehemaliger Leiter des Kirchheimer Museums, die Ausgrabungen. Mit Dr. Roland Krämer, Vorsitzender des Geschichtsvereins Dettingen, war er auf dem Abriss-Areal und entdeckte die ersten Funde, über die er das Landesamt für Denkmalpflege informierte. „Hier war vermutlich ein Lauterarm, denn bis vor wenigen Jahrhunderten sah die Landschaft in und um Dettingen ganz anders aus. Es gab hier die Lauterauen“, erklärt er.

Über die Entdeckung und deren geschichtlicher Einordnung machte er sich Gedanken. Im Jahr 960 kam Kirchheim durch einen Ringtausch von Bischof Hartpert von Chur an König Otto I. und war damit Reichsgut. „Das war eine kriegerische Zeit. Otto I. hat Kirchheim erworben, weil er Waffen brauchte. Fünf Jahre davor war die Schlacht vom Lechfeld, die das Ende der Ungarneinfälle bedeutete und ein großer Sieg für Otto I. war. Ab 961 gab es zwei Italienfeldzüge, denn Otto  I. eilte dem Papst zu Hilfe. Bischof Hartpert saß in Chur an einem Alpenübergang, von dem man nach Italien kam. Otto I. hat nicht umsonst mit ihm angebandelt. In Kirchheim und Dettingen spielte sich Reichsgeschichte ab“, ist Rainer Laskowski überzeugt und sagt weiter: „Am Käppele gab es den begehrten Rohstoff. In Dettingen wurde in Fronarbeit das Roheisen hergestellt, das dann in Kirchheim zu Waffen weiterverarbeitet wurde. Der Albrand war das erste Ruhrgebiet.“ Er vermutet gar, dass Kirchheim im 10. Jahrhundert ein Waffenzentrum war. „Kirchheim hat früh das Münz- und Marktrecht erhalten, etwa um 1050“, sieht er darin einen Zusammenhang.

Ortskernsanierungen würden beim Landesdenkmalamt immer mehr in den Fokus rücken, freut sich der Archäologe. Mitarbeiter des Amts haben nicht nur den Boden untersucht, sondern auch eine Führung auf dem Areal angeboten, an der corona-bedingt nur wenige teilnehmen konnten. Die wurden auf Schlackehalden und Schmiedeplätze aufmerksam gemacht. „Die Verhüttung findet eigentlich in der Nähe der Abbaustelle des Rohmaterials statt. Warum es vom Käppele runter gekarrt wurde, ist die Frage. In der damaligen Zeit hat man sich nicht unnötige Arbeit gemacht“, so der Archäologe. Seine Überlegung: Die Wasserkraft machte den Standort attraktiv, möglicherweise fürs Schmieden oder um das Rohmaterial zu zerkleinern. „Je feiner das Erz ist, desto einfacher lässt es sich verarbeiten“, sagt Laskowski.

„Dank des Funds tut sich hier sicher ein neues Kapitel auf - auch landesgeschichtlich“, erklärt er. Weil Kirchheim Königsgut war, musste die Stadt keine Rechenschaft ablegen, und so gibt es aus der Zeit Otto I. nichts über die Stadt zu erfahren. „Das herauszufinden, wird Aufgabe der Archäologen sein. Dann gibt es Antworten, wie die Menschen gelebt und ihr Geld verdient haben - und vieles mehr“, ist er überzeugt. ih

Anzeige