Lokale Kultur

Interessante neue Sterne am musikalischen Himmel Kirchheims

KIRCHHEIM Ein Mal Gesang, zwei Mal Flöten und Blech, aber vier Pianisten und acht Mal Streicher in der Hauptrolle das war, statistisch gesehen, das Ergebnis der jüngsten Veranstaltung der Reihe "Podium".

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ERNST LEUZE

So nüchtern das aussieht, so spannend war der Abend in der Kirchheimer Stadthalle, wo die besten der musizierenden Jugendlichen aus Kirchheim und Umgebung Proben ihres Könnens gaben.

Beginnen wir in aufsteigender Reihenfolge beim "einmaligen" Gesang: Benita Ross hatte die undankbare Aufgabe, mitten im zweiten Teil des Programms aufzutreten; spätestens nach der Pause wäre der bessere Zeitpunkt gewesen, denn kaum etwas behindert die sängerische Entfaltung so sehr wie langes Herumsitzen vor dem Auftritt. So war dann auch das kurze Stück "Laudate dominum" von Mozart schon zu Ende, als die Sängerin begann aufzutauen, und die Zuhörer konnten das Gold in ihrer Kehle nur mehr ahnen als hören.

Um bei den Edelmetallen zu bleiben: Christine Ivancovic sparte nicht mit silberglänzendem Geigenton, sodass man mit ein bisschen Fantasie auch Orchester und Chor ahnen konnte, die im Original dazu gehören. Zwei verschiedene Flöten einhellige Begeisterung. Michaela Cummerow auf dem Sopranino brachte das Kunststück fertig, ihre etwas tiefer intonierte Flöte dem höheren Stimmton des Flügels anzupassen, ohne dass der Klang zu scharf geworden wäre. Musikalisch beseelt und stilsicher war ihr Vortrag überdies.

Was man auch von Lisa Wiedemann sagen konnte, die mit bezaubernder Eleganz auch die Schwindel erregendsten Passagen meisterte, am Flügel unterstützt vom Chef der Musikschule höchstpersönlich, dessen Musikalität den Saal vollends elektrisierte. Blechbläsern war es vorbehalten, den Abend zu eröffnen und zu beschließen. Herzerfrischend die vier "Greenhorns" Benjamin Sigel, Tobias Plesch, Christoph Stortz und Jonas Beck in ihrer Mischung von ausklingender Kindlichkeit und was die Intonation anbetrifft schon erstaunlich gereifter Sicherheit.

Spritzig die professionell agierenden Herren von Teck Brass (Christian Raichle, Christian Mück, Fabian Plesch, Alexander Flick und Hannes Rübbert), die mit einer leider viel zu kurzen Duke-Ellington-Melodie einen zünftigen "Rausschmeißer im Gepäck hatten.

Vier Pianisten vier Welten. Rhythmisch blitzsauber, trotzdem musikalisch federnd, technisch untadelig sowieso, spielte Andreas Specker seinen Haydn. Wenn der so weiter macht . . . Vanessa Haug saß cool im Saal und legte dann aus dem Stand heraus einen heißen Schumann hin voller Beseelung und so selbstverständlich, als spielte sie jeden Tag auf einem großen Konzertflügel. In derselben Liga bewegte sich Max Lilienthal mit seinem Chopin-Walzer. Salome Seitz aber setzte noch eins drauf. Zwar war ihre Interpretation der Ballade g-Moll von Chopin reichlich exzentrisch, aber die musikalische Intensität, ihr Gestaltungswille und ihre stupende Technik, gepaart mit delikater Klanggestaltung, waren wirklich exzeptionell.

Der Streicher-Dominanz war unüberhörbar bei diesem "Podium. Besonders originell die Cellisten, zu neunt als "Cellophoniker" auftretend. Mit anrührendem Schmelz trugen sie ihre einstimmig gespielten Melodien vor. Hier manifestierte sich weniger Artistik als vielmehr pädagogischer Eros, der den Kleinen liebevoll Führung der älteren Könner angedeihen ließ Einklassenschule sozusagen auf Cello. Im Ansatz ähnlich lobenswert, dagegen im Ergebnis weniger überzeugend das Cello-Doppelkonzert. Hier war mit der stilwidrigen Klavierbegleitung eher eine Unterrichtssituation nachgestellt. Cembalo oder Truhenorgel hätten her müssen. Wir haben das doch in Kirchheim.

Wenn Orchesterviolinen unisono mit dem gleichstufig gestimmten Flügel zusammenspielen müssen, entstehen unlösbare und unüberhörbare Konflikte. Das sollte man den jugendlichen Streichern nicht zumuten. Sie spielten aber tapfer und mit Freude unter dem temperamentvollen Dirigat von T. Otsuka allen voran die zwei Solisten Bianca Spratte und Gerald Schulz. A propos Intonation: Lukas Resemann demonstrierte eine selten zu hörende Übereinstimmung im so heiklen Unisono von Geige und Klavier. Er scheint auch überhaupt keinen Respekt zu haben vor schweren Stellen. Sie gelangen ihm so selbstverständlich, dass man sich fast um das Erlebnis des Mitzitterns betrogen sah. In dieser Beziehung wurde man aber entschädigt von den Cellisten Johann Rieper und Sebastian Mateescu, die viel zu schwere Stücke spielen mussten und dabei ganz schön zu kämpfen hatten. Umso erstaunlicher, wie der eine durch musikantischen Zugriff, mit voll blühenden Ton der andere zu erfreuen vermochten.

Dass beim "Podium" immer wieder auch Spieler im Ensemble zu hören sind, die nicht aus dem Stall der Musikschule oder der Kirchheimer Musiklehrer kommen, ist ein Gewinn und sollte unbedingt so beibehalten werden. Was das (noch namenlose?) Streichquartett mit der Kirchheimerin Simona Mateescu, Viola, auf die Bühne brachte, braucht den Vergleich mit arrivierten Ensembles kaum zu scheuen. Was soll die 17-jährige Cellistin noch lernen? Sie war von A bis Z beängstigend perfekt.

Ihre Mitspieler können sich glücklich schätzen: Die Bratschistin mit ihrem sonoren Ton, der bubenhafte zweite Geiger, der sich mit größter Selbstverständlichkeit nach allen Richtungen anpasste und trotzdem bei seinen Soli voll da war schließlich der Primarius, der sich noch nicht immer entscheiden kann, wem er sein Ausdrucks- und Führungsbedürfnis anvertrauen soll, dem Vibrato, der Bogenführung oder der Klangfarbe. Eigentlich steht ihm alles zur Verfügung . Wohl ihm, dass eine musikalische Persönlichkeit zu werden ein Herausforderung für ihn sein wird. Wunderkindern bleibt das oft versagt.

Zum Schluss das Orchester der Musikschule: Mit dem Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms setzte es sich unter dem auswendig dirigierenden Johannes Stortz hervorragend in Szene. Schade, dass es nicht mehr spielen durfte, denn zu gerne hätten wir noch länger lauschen wollen auf die fein austarierten Tempowechsel, das selbstverständliche Zusammenwirken der Instrumentengruppen und den jugendlichen Schmiss dieses bemerkenswerten Klangkörpers.

So weit, so gut. Warum aber war die Stadthalle beim "Podium" mit seinen vielen Mitwirkenden nicht übervoll? Machen wir die falsche Musik? Ist uns egal, mit was sich unser musikalischer Nachwuchs beschäftigt? Glauben wir wirklich, dass die Musik halt aus dem Lautsprecher kommt? Oder muss das "Podium" zum Event hochgepusht werden, damit klar werde, welch eminent wichtige gesellschaftliche Dienstleistung von unseren Musikerziehern erbracht wird, und wie gut jeder Euro angelegt ist, den wir dafür ausgeben?

Freuen wir uns schon jetzt auf nächstes Jahr, wen wir beim "Podium" hören werden, wohin sich die heutigen Talente entwickelt haben und welche neuen Sterne am musikalischen Himmel dann aufgegangen sind.