Lokale Kultur

Itty Lunatic, Wiedervereinigungen und die Schrecken der Punkmusik

KIRCHHEIM Sein Auftritt war perfekt inszeniert und alles passte ins Bild, das man sich wohl gemeinhin als einfacher Erdenbürger von genialen Verfassern von "Punkromanen für die besseren Kreise" macht.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Von den lilafarbenen Schnürstiefeln zum dunklen und durchaus nicht nonkonformistisch wirkenden Nadelstreifenanzug bis hin zu dem akzeptanzmäßig eher risikobehafteten Ring oder der ebenfalls eher gewagt wirkenden Goldbrille mit orangefarbenen Gläsern inszenierte sich der ehemalige Chefredakteur und jetzige Mitherausgeber des Satiremagazins "Titanic" keinesfalls nur suboptimal.

Dass er die versammelten Besucher erst einmal mit seiner dafür bereitgehaltenen Digitalkamera festhielt und auch noch den genau eine Minute und vierzig Sekunden währenden punkmusikalischen Abgesang auf die vorangegangene Lesung dazu nutzte, sein Publikum erneut für sein digitales Fotoalbum festzupixeln, musste bei aller berechtigten Begeisterung über die Veranstaltung verunsichern. War das jetzt immer noch strategisch kalkulierte Satire und Ironie oder blitzte hier möglicherweise doch ein Hauch der vom Erzähler im Buch konsequent von Seite zu Seite immer drastischer verleugneten aber von Oliver Maria Schmitt vielleicht doch inzwischen gelebten Bürgerlichkeit durch? Diese Frage ist zweifellos schwer zu beantworten.

Der brillant beginnende und unweigerlich zum Weiterlesen animierende Roman über die Punkband "Gruppe Senf" die sich nicht ohne Grund auch hinter dem Bandnamen "Anarchoshnitzel" versteckt mutet mutmaßlichen Lesern stellenweise so viel zu, dass die als Zielgruppe auserkorenen "besseren Kreise" möglicherweise doch eher irritiert die Nase rümpfen könnten.

Ob die im Untertitel ganz gezielt angegangene Zielgruppe den Roman überhaupt lesen wird, ist ebenfalls schwer vorherzusagen. Die ansonsten von Vertretern genau dieser Klientel vorhersehbar besetzten vorderen Reihen waren beim zuweilen kabarettistische Züge annehmenden Gastspiel von Oliver Maria Schmitt zwar nicht verwaist, aber doch völlig neu besetzt. Während sich die "üblichen Verdächtigen" fast geschlossen fernhielten, konnten mit der virtuosen Beschreibung des anvisierten Comebacks und der ersten Gehversuche der "Gruppe Senf" offensichtlich völlig neue Besucherkreise für die Reihe "Literarische Begegnungen und Informationen" gewonnen werden.

Von Geschäftsführerin Sibylle Mockler enthusiastisch begrüßt, lief der 1966 in Heilbronn geborene ehemalige Chefredakteur und jetzige Mitherausgeber der Satirezeitschrift "Titanic" sofort zu Höchstform auf.

Bei seiner Lesung verstand er es hervorragend, all die brisanten Stellen zu überblättern, an denen er um der gezielten Provokation Willen oder um jeden Verdacht zu zersträuen, von spießbürgerlichen Bedenken beeinflusst zu sein, vielleicht doch etwas aus der Kurve getragen wurde. Statt vor versammeltem Publikum in Kotze zu waten oder sich in einer wahren Schlammschlacht der Wiedervereinigung mit seiner Jugendliebe Itty Lunatic zu suhlen, konzentrierte er sich auf das, was den Schrecken des Buches und der Musikszene der 80er- Jahre ausmachte: das Grauen der Punkmusik.

In gnadenloser Selbstironie lässt er seinen Ich-Erzähler zurückblicken auf die wilden Anfangsjahre ihres zweifelhaften Erfolgs. Obwohl sie nur zwei Stücke allerdings nie gleich und noch weniger als Gruppe zusammen spielen konnten, hatten es die Bandmitglieder von "Gruppe Senf" alias "Anarchoshnitzel" seinerzeit tatsächlich auf Platz 53 der Verkaufs-Hitparade geschafft. Dass der Ich-Erzähler ein Namensvetter des Sängers der Band "Fehlfarben" ist, hat mit Zufall natürlich überhaupt nichts zu tun. Oliver Maria Schmitt sieht darin eher ein "gezieltes Versehen mit eindeutiger Hommage-Absicht".

Dass er in diesem ersten Punkroman auch viel von sich selbst und von den eigenen dilettantischen Versuchen einbringt, Musik zu machen, ist spätestens dann unüberhörbar, wenn er kenntnisreich in die Zeit der Anfangsjahre eintaucht, in der die "Gruppe Senf" mit miserablen Echolette-Verstärkern arbeitet, die zweifellos eher "Verschwächer" sind.

Auch ein vollfurniertes Philips-Röhrenradio musste damals noch mithelfen, das ohnehin schon fragwürdige Klangerlebnis der Punkband zu transportieren und lieferte den Konzertbesuchern zur ohnehin schon schwer zu ertragenden Musik auch gleich noch ein paar ausländische Störsender kostenlos mit.

Die Liga der mit liebevoller Häme und ohne Skrupel porträtierten kranken Typen der "Anarchoshnitzel"-Truppe wird angeführt von dem Dr. Hollenbach, mit dem "Zombie" Peter Hein in einem fetten Daimler erst nach Stuttgart zum Immobilienmagnaten und konsequenten "So-Sager" Bodo Krämer und dann in die Zone düst. Die in die Jahre gekommenen Mitglieder der vermutlich schlechtesten Punkband der Welt haben sich schließlich dazu hinreißen lassen, sich nach 18 Jahren im ihnen fremden Osten der Republik zu treffen und ihr Comeback zu feiern.

Oliver Maria Schmitts mit deftiger Punk-Prosa hingerotzte Satire auf die Geschichte der Punkmusik ist damit zugleich auch eine Bestandsaufnahme der Befindlichkeiten in Sachen Wiedervereinigung im Jahr 2005 und nicht zuletzt doch auch eine Liebesgeschichte. An Rosamunde Pilcher erinnert freilich nichts . . .

In atemberaubend authentischem 80er-Jahre Punk-Jargon provoziert und polarisiert Oliver Maria Schmitt von Anfang bis Schluss und das hat er sicherlich nicht zuletzt auch seinen vielen namhaften Lehrmeistern zu verdanken, denen er gewissenhaft nacheifert. Dass er ein sehr guter Absolvent der "Neuen Frankfurter Schule" ist, hat Oliver Maria Schmitt schon mit seinem Buch bewiesen, das unter dem schon etwas abgenutzten Titel "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche" unbedingt noch viele neue Leser verdienen würde. Liebevolll und kenntnisreich setzt er sich darin schließlich mit dem jeweiligen Schaffen und den persönlichen Eigenarten der Humor-Titanen F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhardt Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth und F. K. Waechter auseinander.

In der Liste seines eigenen Schaffens müssen sicher auch seine Musicals über das Bauhaus ("Flach Dach Krach") und die Broiler-Kette Wienerwald ("I want to hold your Hendl") oder auch seine Bücher über Dichter ("Gute Güte, Goethe") oder Deutschland ("Hit me with your Klapperstoock") aufgelistet werden. Nach all diesen Erfolgen legte er nicht nur einen Roman vor, sondern musste mit dem neuen Genre "Punkkroman" Premiere feiern.

Trotz wenigen dafür fast schon schmerzhaften Schwächen kann Oliver Maria Schmitts Roman-Erstling nach gewissenhaftem Abwägen skrupelresistenten Vertretern der "besseren Kreise" durchaus zur geneigten Lektüre empfohlen werden.