Kirchheim

Jazz im Koffer

Die israelischen Partnerschüler der JFS sind die Jazz-Stars von morgen

Jazz im Koffer
Jazz im Koffer

Kirchheim. Keine fünf Minuten ist es her, da waren sie noch ganz normale Teenager. Die Mädels – Amit und Andy – zupften nervös an ihren

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Kleidchen, die Jungs – Ido, Aram, Avshalom, Noam, Joseph, Renen, Yonatan und Ori – streiften sich die weißen, unperfekt gebügelten Hemden glatt.

Jetzt sind sie Jazzprofis; von unten beklatscht vom Publikum und von der Seite angefeuert von den Bandkollegen. Als Austauschschüler kamen sie an die Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule (JFS), als „Tetris” haben sie sich die Bastion erspielt – und dabei alle überrascht: mit ihrem Musikgeschmack (sie covern zum Beispiel die Beatles), dem professionellen Auftreten (Tetris gibt’s erst seit einem Jahr) und der Melancholie, die wie eine Wolke über jedem ihrer Lieder schwebt.

Seit acht Jahren machen sich Schüler der Thelma Yellin High School of the Arts in Givatayim bei Tel Aviv auf den Weg nach Kirchheim; dieser Schüleraustausch der anderen Art hat der Stadt schon viele gute Konzerte beschert. Denn jeder, der an der Thelma Yellin lernt, hat musikalisch was auf dem Kasten: Sie ist als Kader für Profimusiker bekannt, Größen wie Sängerin Ilanit und Singer-Songwriterin Maya Dunietz haben hier gepaukt. Die Bewerber haben ein hartes Auswahlverfahren hinter sich; da ist der Zusammenschluss zu einer Band nur konsequent.

Sie spielen klassischen Jazz, Hebrew Jazz und Modern Jazz. Den Auftakt lieferten sie mit „Ordinary ­People” von den Beatles. Ein Stimmungsmacher. Zuversicht verströmen auch die Folgesongs, die meisten davon hat Ido Kashi selbst komponiert. Zwischen den Liedern hüpft er mit Notizblock auf die Bühne, um die Band vorzustellen. Wenn er selbst gerade nicht spielt, fiebert er am Bühnenrand mit, summt und grinst, wenn das Publikum mal wieder ein gelungenes Solo feiert.

„Wir haben uns ein Motto überlegt”, sagt er in fließendem Englisch ins Mikrofon, „und zwar Einsamkeit. Wir sind so viele in der Gesellschaft, und doch ist jeder für sich. Sie können ja mal nachdenken darüber, wenn wir spielen.” Ido und seine Bandkollegen besuchen die 11. Klasse; nach den Sommerferien werden sie sich auf das Abitur vorbereiten.

Mehrmals betont er, ruhig und ein wenig schüchtern, wie dankbar er und seine neun Mitschüler sind, dass sie hier sein dürfen. Dass sie bei ihren Gastfamilien ein gemütliches Zuhause auf Zeit gefunden haben und tun dürfen, womit sie alle ihr Leben verbringen wollen: Musik spielen.

Eineinhalb Stunden lang brachten sie in der Bastion die Zehen zum Wippen; am Tag zuvor spielten sie in Aalen, Anfang der Woche auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Der Austausch ist für sie eine Erkundungstour durch die Region, und auch das Thema Geschichte findet seinen Platz: So haben die Schüler gemeinsam die Stolpersteine in Stuttgart besichtigt, die an die Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Deutsch sprechen die zehn Israelis zwar nicht, doch ihre Musik geht als Universalsprache durch. Wenn Sängerin Amit hebräische Eigenkompositionen ihres Kollegen Ido anstimmt, kitzelt der Duft von flachem Pita-Brot und salziger Meeresluft die Nase; die Musik von „Tetris” hat das Zeug zum Soundtrack eines Spielfilms, sie klingt ausgesprochen reif. Wenn das dumpfe Echo des Keyboards die Wände der Bastion trifft, verschmelzen die sieben Instrumente (Schlagzeug, Keyboard, Trompete, Bass- und E-Gitarre, Alt- und Tenorsaxofon) zu einer bittersüßen Harmonie. „Tetris“ beginnen den Abend nebeneinander eingereiht; je weiter er fortschreitet, desto mehr verteilt sich ihr Spiel auf der kleinen Bühne. Sie spielen sich zu, die blauen, braunen und grünen Augen leuchten. Nach dem Konzert ist von nervösen Teenagern nichts mehr übrig. Die Musiker scherzen hinter der Bühne, freuen sich auf die letzten Tage mit ihren deutschen Gastfamilien. Das kann nur Musik: viertausend Kilometer Distanz in eineinhalb Stunden vergessen machen.