Lokale Kultur

Jeder Unterschied, der den anderen nicht beeinträchtigt, bereichert

RAMBOUILLET Das Jubiläumswochenende zur Feier der 40-jährigen Partnerschaft zwischen Rambouillet und Kirchheim stand nicht

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ANDREAS VOLZ

allein im Zeichen staatstragender Reden zur Bedeutung der Völkerfreundschaft: Außer dem offiziellen Festakt mit Blasmusik, Nationalhymnen und Flaggenhissen hatte Rambouillet den Einheimischen wie den rund 200 Gästen aus Kirchheim nämlich auch kulturell sehr viel zu bieten. Ob es sich um Chormusik, Bildende Kunst oder die Fotoausstellung über die vergangenen vier Jahrzehnte der Städtepartnerschaft handelte in allen Bereichen zeigte sich die Freude an der Zusammenarbeit und am gemeinsamen Wirken im Zeichen der Kunst.

Den Beginn machten die Kirchenchöre am Freitagabend in der Eglise St. Lubin. Der französische Chor unter der Leitung von Elisabeth Daniel hatte für die Gäste aus Kirchheim eigens deutsche Volkslieder, Stücke aus der Romantik sowie eine Reihe von Mozart-Melodien einstudiert. Ein gemeinsamer Chor aus Kirchheim, bestehend aus Sängerinnen und Sängern der katholischen Gesamtkirchengemeinde und der evangelischen Martinskirche, zeigte anschließend unter Thomas Speckers Stabführung mit der "Missa festiva" des russisch-französisch-amerikanischen Komponisten Alexander Gretschaninow (1864 1956) sein beachtliches Niveau.

Ernst Leuze begleitete den Chor in gewohnter Präzision und Perfektion an der Orgel und umschiffte dabei souverän alle Schwierigkeiten, die sich aus der stark hallenden Akustik in St. Lubin ergeben sowie aus der Tatsache, dass die Orgel in der rambolitanischen Kirche nicht mit allen ursprünglich vorgesehenen Registern glänzen kann. Vielleicht konnten die erfahrenen Kirchheimer Orgelbauvereinsmitglieder, die sich am Freitag sowie bei der sonntäglichen Messe teilweise auch als Chorsänger betätigten, vor Ort wertvolle Tipps geben, wie sich das historische Instrument richtig auf Vordermann bringen lässt.

Im zweiten Teil des Konzerts vereinigten sich die Chöre der beiden Partnerstädte, um gemeinsam Anton¡n Dvoráks "Te Deum" aufzuführen, unterstützt von Ernst Leuze an der Orgel und von zwei Gesangssolisten aus Paris. Die Gesamtleitung hatte wiederum Elisabeth Daniel, die Tochter des langjährigen Chorleiters Maurice Laurent, der gemeinsam mit Ernst Leuze von Beginn der Partnerschaft an den Austausch der Kirchenchöre vorangetrieben und entscheidend geprägt hat.

Am Samstagvormittag wurde dann die Ausstellung von Mitgliedern des Kirchheimer Kunstvereins im Palais du Roi de Rome eröffnet. Drinnen und draußen, Ambivalenz, Veränderung, Übergang von einem Zustand in den anderen, Erinnerungen im Wandel, Meditation mit diesen Begriffen umschreibt Kunstvereinsmitglied Johannes Nagel in seinem Begleittext zur Ausstellung die Intentionen und Triebfedern, die hinter den einzelnen Werken stecken, seien es nun Bilder, Skulpturen oder Objekt-Installationen. Johannes Nagel schreibt von einem "kleinen, nicht repräsentativen Ausschnitt aus dem Schaffen Kirchheimer Künstler in diesen Tagen". Es seien die Kunstschaffenden des Kirchheimer Kunstvereins, die das gemeinsame Interesse verbindet, "Kunst im weitesten Sinne zu machen, aus Passion und aus Freude an der Arbeit".

Im oberen Stockwerk des Palais du Roi de Rome führen derzeit Fotos, Urkunden und andere Original-Dokumente den Besuchern vor, wie vielfältig und lebendig sich die Städtepartnerschaft seit 1967 präsentiert: Außer Chören und Künstlern treffen sich regelmäßig die Feuerwehren, Kommunalpolitiker, Sportler der unterschiedlichsten Sportarten, die Bürgerbusreisenden und die Schulen. Dabei tauschen sich nicht nur die weiterführenden Schulen beider Städte aus, sondern auch die Grundschulen auf deutscher Seite unter der Federführung der Breitwiesenschule Hochdorf. Dies alles füllt die Partnerschaft mit Leben und sorgt für freundschaftliche Kontakte in allen Bereichen der Gesellschaft, die im "Verbrüderungseid" vom 20. Mai 1967 als Zielvorstellung verzeichnet sind, um "zum Erfolg dieses notwendigen Werkes des Friedens" und zur europäischen Einheit beizutragen. Die Original-Urkunden in deutscher und französischer Ausfertigung sind das Herzstück der Jubiläumsausstellung in Rambouillet.

Vorurteile abbauen, sich gegenseitig kennenlernen und von den jeweiligen Unterschieden profitieren, darum geht es auch in einer weiteren Ausstellung, in der Bibliotheque Florian, die am Samstag ebenfalls eröffnet wurde. Das Oberthema der Laienausstellung ist der Umgang mit Behinderungen, mit Behinderten sowie generell mit Fremden oder sonstwie Andersartigen. Das Motto dieser Ausstellung ist ein Satz von Antoine de Saint-Exupery, der durchaus auch die Ziele der Städtepartnerschaft zusammenfasst: "Wenn du, mein Bruder, dich von mir unterscheidest, ohne mich dabei zu beeinträchtigen, dann bereicherst du mich."