Lokale Kultur

"Jetzt zeigt mir jede, warum die zwei anderen schlechter sind"

KIRCHHEIM Wer im Dunstkreis einer Schule eine Theateraufführung anbietet, die um 11 Uhr beginnt und damit um 12 Uhr noch lange nicht zu Ende sein kann, muss Mut haben

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WOLF-DIETER TRUPPAT

oder aber gut sein. Das Jugendstück "Creeps" von Lutz Hübner, mit dem gestern im Rahmen der "Kirchheimer Kinder- und Jugendtheatertage" Mitglieder der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) in der Waldorfschule in Ötlingen gastierten, wurde beidem gerecht.

Ausgerechnet am Internationalen Frauentag "Zickenkrieg vom Feinsten" auf die Bühne zu stellen und sich vor allem auch in den "heiligen Hallen" der Kirchheimer Waldorfschule kennntisreich mit der Welt der Schönen und Reichen, der Stars und Sternchen und vor allem auch mit Leichtem und Seichtem zu beschäftigen, birgt weitere unkalkulierbare Risiken in sich. Die mediokre Magie der Medienwelt so massiv in den Mittelpunkt kritischer theatralischer Handlungen zu stellen, wie Erfolgsautor und Vielschreiber Lutz Hübner das tut, könnte durchaus dafür gesorgt haben, dass bei den sich gruselnden Verantwortlichen für die Veranstaltung eine Gänsehaut englisch "Creeps" aufzog.

Dass das mutige Experiment ein durchschlagender Erfolg war und nicht nur für konzentrierte Aufmerksamkeit und begeisterten Applaus sorgte, sondern der Waldorfschule in Ötlingen von den Schauspielerinnen der Esslinger Landesbühne obendrein das Prädikat "Lieblingsabstecherort" einbrachte, spricht für sich. Schauspieler und Publikum hatten jedenfalls ungemein viel Spaß miteinander und das ausgerechnet mit einer nachgerade "creeps"-mäßig grauenerregenden Schlacht, die in einem atemberaubend schnell zur Kampfarena werdenden Casting-Studio stattfindet.

Den Sieg vor Augen immerhin geht es ja um nicht weniger als den Traumjob Moderatorin in einer "Trendfashionmusicshow" ist Petra, Maren und Lily allmählich jedes Mittel recht, sich gegenüber den Mitkonkurrentinnen zu profilieren. Von weiblicher Wärme ist da nichts zu spüren. Hart und skrupellos geht es ohne jeden Hauch von Mitgefühl zur Sache, denn es kann schließlich nur eine Siegerin geben und dieses Ziel kann nur über die Niederlage der beiden Konkurrentinnen erreicht werden.

Eine Gänsehaut konnte einem tatsächlich über den Rücken laufen, wenn man sah, wie den Medien-Machos schon eine "männliche" Stimme "im Off" genügt, um die drei Frauen zu willenlosen Marionetten zu machen, die über jedes hingehaltene Stöckchen springen, sich für wirklich gar nichts zu schade sind und sich im erbitterten Kampf gegen die karrieresüchtigen Konkurrentinnen jeden Sinn für Solidarität rauben und mit miesen Macho-Sprüchen auch den letzten Hauch von Selbstachtung nehmen lassen.

Das Kaleidoskop sich immer weiter steigernder Peinlichkeiten wird vom skrupellosen "Arno von der Regie" (Taner Sahintürk) unbarmherzig in Bewegung gehalten, der sich so glänzend wie gnadenlos auf seine jeweilige "Sparringspartnerin" einstellt und sie jeweils gegen die anderen beiden "Möchtegern-Medienstars" ausspielt, die insgesamt unterschiedlicher kaum sein könnten.

Kurzberockt und rose-gestiefelt hüpft zunächst die Chemitzer Disco-Queen Petra Kowalsky (Kristin Göpfert) in die Kampfarena der Casting-Show. Überzeugt davon, dass sie den Vertrag schon in der Tasche hat, ist sie entsprechend deprimiert, dass sie nicht nur unerwartet Konkurrenz erhält, sondern von der zwischen damenhaft-souverän und luderhaft- lasziv wechselnden Schicki-Micki-Maus Lily (Eva Gaig) schon aus dem Stand praktisch an die Wand gespielt wird.

Schwacher Trost ist da nur, dass sich die zuweilen doch mitmenschliche Gefühle zeigende und sich um solidarischen Umgang miteinander einsetzende Hupfdohle aus dem gar nicht so "wilden Osten" wiederum der ganz besonders verschüchtert und verkrampft daherkommenden Maren Terbeyken (Nadine Ehrenreich) haushoch überlegen fühlen kann. Mit ihrem schon mit Parka und Cordhosen klischeehaft angedeuteten Hang zum Umweltschutz hat Maren in der nach seichten "Superstars" suchenden (Alp-)Traumfabrik eigentlich gar keine Chance und ist dem zynischen Arno fast hilflos ausgeliefert.

Noch chancenloser steht sie nur noch der koketten Konsumterroristin Lily gegenüber, die sich mit ihrer bemüht erotischen Ausstrahlung ganz besonders grotesk verbiegt und anbiedert und mit ihrer zur Schau getragenen Käuflichkeit nicht nur Arno nach Kräften zu reizen vermag. Zwischen der bekennenden Öko-Bewegten und dem lasziven Luder kommt es inmitten der Schlammschlacht tatsächlich noch zum ganz handfesten Schlagabtausch, der aber kaum so schmerzen kann, wie die in der gelungenen WLB-Inszenierung von Matthias Thieme in der Ausstattung von Indra Nauck zuvor durchlebten Niederungen eines Seelenstriptease, bei dem so manche Hülle fällt.