Lokale Kultur

Joseph Haydens "Jahreszeiten"

KIRCHHEIM Zu der Komposition "Die Jahreszeiten" wurde Joseph Haydn durch den großen Erfolg seines vorhergehenden Oratoriums "Die Schöpfung" angeregt, das zu dieser Zeit in ganz Europa aufgeführt

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FLORIAN STEGMAIER

wurde. Wie bei jenem Werk wurde das Libretto zu den "Jahreszeiten" von Baron Gottfried van Swieten verfasst, einem österreichischen Adligen, der auch großen Einfluss auf die Karriere von Wolfgang Amadeus Mozart gehabt hatte.

Baron Gottfried van Swietens Libretto war dessen eigene deutsche Wiedergabe eines Auszugs aus dem englischen Lehrgedicht von James Thomson "The Seasons". Die Komposition war allerdings für Joseph Haydn mühsam, zum einen wegen seiner angegriffenen Gesundheit denn kurz nach der Premiere wurde er zum Komponieren zu schwach zum anderen, weil er mit Baron van Swietens Libretto nicht ganz einverstanden war.

So brauchte der Endsechziger Joseph Haydn nicht weniger als zwei Jahre, um die "Jahreszeiten" fertigzustellen. Die Wiener Premiere im Jahre 1801 wurde dann auch ein Erfolg, wenn er auch nicht mit dem der "Schöpfung" verglichen werden kann. Tatsächlich wurde dies der hauptsächlich erhobene Einwand gegen "Die Jahreszeiten", die daraufhin auch deutlich seltener aufgeführt wurden als das frühere Oratorium. "Die Schöpfung".

Es ist jedoch weitgehend anerkannt, dass die Schuld dafür nicht bei Joseph Haydn als Komponisten liegt, der zweifellos auf der Höhe seines künstlerischen Schaffens blieb, sondern bei dem Libretto zu suchen ist. Oratorien werden typischerweise zu bedeutsamen Themen geschrieben, zu Episoden und Charakteren des Christentums oder Helden der klassischen Mythologie. Das Libretto der "Jahreszeiten" ist jedoch in seinen vier von Joseph Haydn kantatenhaft umgesetzten Teilen weitgehend deskriptiv auf den Jahres- und Tageskreis bezogen.

Nichtsdestotrotz frappiert das Werk auch heute noch durch seine Dynamik, seine Farbigkeit und seine Lust am tonmalerischen Experiment Attribute einer gelungenen Interpretation, wie sie unter der Leitung von Bezirkskantor Ralf Sach in der Kirchheimer Martinskirche zu erleben war.

In großer, spätklassischer Besetzung überzeugte die Kammerphilharmonie Rhein-Main mit einer schlanken und beweglichen Klangkultur, die wenn nötig auch mit triumphaler Geste zuzupacken wusste und den zahlreichen Hörern die für das Werk so typische Fülle an Tonmalereien fast schon greifbar veranschaulichte.

Der gewohnt gut disponierte Chor der Kirchheimer Martinskirche wusste sowohl die schwungvolleren Chorsätze souverän darzubieten ein Jagdlied mit Waldhornklängen, ein Weinfest mit tanzenden Bauern oder auch ein Gewittersturm , als auch lyrischen Passagen in gleichermaßen schlichter wie kunstvoller Weise gerecht zu werden, zu erleben etwa beim Chorgebet "Sei nun gnädig milder Himmel", der Bitte um eine reiche Ernte.

Nicht zu vergessen sind die drei Vokalsolisten Isabelle Müller-Cant (Sopran), Rainer Gilsdorf (Tenor) und Thomas Scharr (Bass), die im Kontext des Oratoriums beim Konzert in der Martinskirche eine archetypisch denkende Landbevölkerung repräsentieren.

Die drei solistischen Landleute agierten bei diesem Konzert stets plastisch, geradezu textsinnlich, ohne jedoch in Übertreibungen oder gar in ein unangebrachtes Pathos zu verfallen. Sie hatten damit auch wesentlichen Anteil an der durchweg hohen Qualität der gelungenen Aufführung in der Kirchheimer Martinskirche.