Lokale Kultur

Jugendlicher Schwung gepaart mit musikalischer Tiefenschärfe

KIRCHHEIM Mit dem einundzwanzigjährigen Cellisten Maximilian Hornung und seinem nur vier Jahre älteren Gegenpart Gerhard Vielhaber am Klavier stellten sich zum wiederholten Mal in Kirchheim

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ERNST KEMMNER

zwei Künstler vor, die trotz ihres jungen Alters ein hohes Maß an künstlerischer Reife zeigen, welche sich auch in viel beachteten Auftritten im In- und Ausland und zahlreichen CD-Einspielungen dokumentiert.

Am Konzertauftakt stand Claude Debussys Sonate für Cello und Klavier in d-Moll aus dem Jahre 1915. Dieses dreisätzige Stück (Prologue Sérénade Finale) bezieht seinen Reiz vor allem aus vielfältig schillernden Klangfarben und harmonischen Abschattungen, deren Verästelungen Maximilian Hornung und Gerhard Vielhaber in der Tiefe ausleuchteten. Nach resolutem Beginn des Klaviers im ersten Satz folgen lang gezogene Melodiebögen und Tonkaskaden des Cellos im Wechsel mit geradezu gehauchten Flageolettönen, sensiblen Rubati und fein ausdifferenzierter Dynamik.

Eindrucksvoll geriet der überaus originell komponierte zweite Satz (Sérénade), der eine Vielzahl experimenteller, zerrissen scheinender Harmonien, witzig-spritziger Einfälle und Überraschungseffekte in Form von rhythmisch wilden Pizzicatopassagen und rasanten Legatoläufen in einer Reihe mit jazzartigen Sequenzen birgt. Hier spornten sich die beiden jungen Musiker in ihrer Spielfreude gegenseitig an und auch das Finale gelang bravourös mit höchster Präzision und in Teilen mit feurigem Tempo, das der Satzbezeichnung "animé" bestens gerecht wurde.

In deutlichem Kontrast dazu, zu verstehen als kleine Konzession an den überwiegenden Publikumsgeschmack, stand der zweite Programmteil, Ludwig van Beethovens Zwölf Variationen für Violoncello und Klavier F-Dur, op. 66 über das Thema "Ein Mädchen oder Weibchen" aus der "Zauberflöte" von Wolfgang Amadeus Mozart.

In diesem Werk wird die anmutige, allerdings fast zum Gassenhauer gewordene Arie des Papageno in zwölf apart komponierten Miniaturen "ausgereizt", die in ihrer Ausprägung ganz und gar unterschiedlich daherkommen. Besonders fein erklang die vierte Variation, ein echoartiger Dialog zwischen Cello und Klavier, die vorletzte melancholisch gefärbte und die letzte mit munter fließendem Laufwerk im mozartischen Duktus, wo Maximilian Hornungs federleichtes Spiccato und Gerhard Vielhabers perlende Klavierläufe bestachen.

Den beiden Musikern gelang auch bei diesem Werk eine ausdrucksstarke Darbietung wie aus einem Guss, bei der selbst kleinste Nuancen der Feinabstimmung bestens gerieten. Das fast blinde und traumwandlerisch sichere Verständnis des Duos zeigte sich während des ganzen Konzertes im Übrigen auch in der Tatsache, dass Hornung frontal zum Publikum konzertierte und nur selten auf Blickkontakt mit seinem Partner angewiesen war.

An diese leichter verdauliche musikalische Kost schloss sich die erste Sonate für Violoncello und Klavier c-Moll, op. 32 von Camille Saint-Sans (1835 1921) an. Sie gehört mit dem Klavierquartett op. 41 zu den Meisterwerken der französischen Kammermusik des neunzehnten Jahrhunderts. Schon im überschäumend temperamentvollen Beginn des einleitenden Allegro zeigten sich beide Musiker hellwach bei sich abwechselnden, aufbrausend beschleunigten Passagen und fragend verharrenden Ritardandi, sowie beim impulsiv und mitreißend musizierten Satzschluss, bei dem deutlich wurde, dass spieltechnische Schwierigkeiten für das Duo quasi inexistent sind.

Der ausladend angelegte Variationssatz Andante tranquillo sostenuto bringt ein in schlichter Schönheit erstrahlendes Hauptthema, motivgleich mit dem Choral "O Haupt voll Blut und Wunden" und dem Lied "Der Mond ist aufgegangen", welches von beiden Instrumenten im Wechsel vorgetragen und mannigfach variiert wird. Hier kamen der sonor volltönende Klang von Maximilian Hornungs Teccler-Cello und der kristallin strahlende Klavierton Gerhard Vielhabers voll zur Geltung und trafen mitten ins empfängliche Zuhörerherz. Das schnell genommene Tempo des abschließenden Allegro moderato war noch einmal Ausdruck des jugendlichen Elans und des überbordenden musikantischen Temperaments der beiden Protagonisten, die schon vor der Pause mit vereinzelten Bravorufen bedacht wurden.

Als Höhepunkt des Abends war sicherlich die zweite, viersätzige Cellosonate F-Dur, op. 99 von Johannes Brahms (1833 1897) gedacht. Dieses Spätwerk gehört zu seinen meistgespielten Kammermusikwerken, besticht durch Leidenschaftlichkeit und klassizistische Formenstrenge und wird oft in die Nähe von Beethovens Kompositionen gerückt. Hornung und Vielhaber interpretierten das Werk mit der gebotenen Tiefenschärfe und hohem Durchdringungsgrad. Den Anfang des Kopfsatzes Allegro vivace prägen eine Folge motivischer Gesten des Cellos auf dem Fundament von Akkordtremoli des Klaviers, die später auch im Cellopart aufscheinen, bevor mehrere harmonische Wendungen und rhythmische Wechsel die Klangfarbe dieses Satzes bestimmen. Mit sehnsuchtsvoller Inbrunst und strahlender Tonentfaltung beider Instrumente, unterbrochen durch aggressiv bis verhauchend gestaltete Pizzicati, wurde das Adagio affettuoso musiziert. Das Scherzo (Allegro passionato) übernimmt thematisches Material aus dem Finale von Brahms' dritter Sinfonie und kommt in lodernder Leidenschaftlichkeit mit nervös vorwärts drängendem Charakter daher. Die dem Satz innewohnende Dramatik, kontrastiert durch einen Trioteil voll süffig sonorer Melodik, wurde von beiden Musikern geschickt transportiert, wobei das federnd und ohrwurmhaft wiederholte Motiv am Satzschluss besonders eindringlich geriet. Als fröhlich unforciert fließender Kehraus erklang schließlich das Allegro molto, ein locker gefügtes Rondo, dessen Tonalität unvermutet leicht und freundlich ausfällt.

Die an diesem Abend als Darbietung der Superlative einzustufende Leistung des Duos wurde frenetisch beklatscht und durch eine Zugabe, "Liebesleid" von Fritz Kreisler, mit einem Sahnehäubchen versehen.