Lokale Wirtschaft

Jungen Leuten Berufschance geben

Mittlerweile im zehnten Jahr initiiert die Stadt Wendlingen die Aktion "Mehr Ausbildungsverträge", mit deren Hilfe bereits viele Jugendliche in den vergangenen Jahren einen Ausbildungsplatz bekommen haben. Einen ähnlichen Erfolg hofft Bürgermeister Ziegler ebenso in diesem Jahr erreichen zu können, unter der Mithilfe von möglichst vielen Unternehmen.

GABY KIEDAISCH

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WENDLINGEN Gegenüber dem vergangenen Jahr hat sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt weiter verschärft: Die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen ist auf Grund der höheren Schulabgängerquote heuer ungleich schwieriger als 2004. Dennoch ist die Zahl derer, die bisher noch nicht vermittelt wurden, mit 60 Bewerbern niedriger als im letzten Jahr. Davon sind 26 Mädchen und 34 Jungen betroffen. Um sie geht es jetzt, wenn Stadt, Schulleiter sowie Bundes- und Landtagsabgeordnete um weitere Ausbildungsplätze in den Betrieben werben. Denn an offenen Ausbildungsstellen sind aktuell in Wendlingen gerade mal fünf angezeigt.

Häufig gehen die Wünsche der Bewerber nach einem bestimmten Ausbildungsberuf an der Realität vorbei, wie sich an den offenen Wendlinger Ausbildungsberufen sehen lässt. Der Appell des Bürgermeisters richtete sich deshalb nicht nur an die Betriebe, die seither ausgebildet haben, sondern auch an jene, die sich hier bisher zurückgehalten haben. Außerdem riet er den jungen Bewerbern sich Alternativen zum Wunschberuf zu überlegen, womit sich ihre Chancen steigern.

"Die Situation ist schwieriger als im letzten Jahr", bestätigte Aloys Dietrich von der Agentur für Arbeit in Kirchheim. Neben der höheren Anzahl von Schulabgängern sind auch wieder viele Altbewerber auf dem Markt. Falls nicht alle Bewerber unterkämen, würden im Herbst Ausgleichsangebote benötigt wie Praktika, berufsvorbereitende Maßnahmen, trägergeschützte Ausbildungsplätze sowie sogenannte Benachteiligtenausbildungen. Doch das Wichtigste sei zuallerst, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Deshalb würden jetzt weitere Ausbildungsverträge beziehungsweise Ausbildungsstellen benötigt. Ein Problem für den Ausbildungsberater: Wegen der Sorge um die Zukunft verhalten sich viele Betriebe in Sachen Ausbildung zurückhaltend. Diese Tatsache könnte sich jedoch schon in ein paar Jahren negativ auswirken. Markus Grübel, Bundestagsabgeordneter aus Esslingen, sieht auf die Region Stuttgart ein Facharbeiterproblem zukommen, falls sich Betriebe weiterhin zurückhielten.

"Aus heutiger Situation können wir uns das nicht leisten, eine einzige Ausbildungsstelle an den Bewerbern vorbeigehen zu lassen", sagte Dietrich. Wer selbst eine ganze Stelle nicht anbieten könne, für den gebe es die Möglichkeit, im Verbund zum Beispiel mit der Kommune auszubilden. Die Gemeinde Holzmaden ist hier Vorreiter und hat mit einem Büro eines Vermessungstechnikers einen solchen Verbund geschlossen.

Eine solche Ausbildungskooperation will auch Markus Grübel eingehen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete aus Esslingen möchte in seinem Abgeordnetenbüro in Kooperation mit einer Stuttgarter Behörde einem jungen Menschen die Möglichkeit bieten, sich zum Verwaltungsfachangestellten ausbilden zu lassen. Auch Karin Roth, Bundestagsabgeordnete der SPD, hat auf diesem Feld bereits gute Erfahrungen gemacht.

Als ein weiteres Problem entpuppt sich zunehmend die Schaffung von immer hochqualifizierteren Ausbildungsberufen. Leistungsschwächere Jugendliche haben in solchen Berufen aber meist keine Chance. Deshalb forderte Aloys Dietrich, auch für sie mehr Stellen anzubieten wie zum Beispiel Fachlagerist, Verkäufer, Polster-Deko-Näher, Maschinen- und Anlageführer.

Dass die Wirtschaft hier stärker darauf eingeht, ist auch der Wunsch von Karin Roth. Durch das aktuell reformierte Berufsausbildungsgesetz hätten Jugendliche einen Rechtsanspruch auf beispielsweise eine Qualifizierungsmaßnahme, Beschäftigung, ein berufsvorbereitendes Jahr. "Der Bund hat diesen Übergang von Schule in den Beruf organisiert, damit ihn Jugendliche besser bewältigen können", sagte Roth und Carla Bregenzer, SPD-Landtagsabgeordnete, ergänzte: "Berufsvorbereitende Jahre haben nicht das gebracht, was man von ihnen erhofft hatte".

Wenn ein Teil der Haupt- und Realschüler bereits Probleme hat, eine Lehrstelle zu finden, dann wird es für Schüler der Förderschule noch schwieriger. Schulleiter Heribert Wolf von der Anne-Frank-Schule machte das mit seinen Ausführungen deutlich. Förderschüler hätten oft überhaupt nicht die Chance, in eine Ausbildung zu kommen. Viele würden nach dem Abschluss ein berufsvorbereitendes Jahr einlegen. Aber was komme danach? Wolf appellierte deshalb an die Betriebe, mehr einfache Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. Es gebe viele Schüler, die die Berufsschule nicht schafften für diese müsste mit solchen Angeboten auch gesorgt werden.

Einen weiteren Aspekt sprach Peter Wittemann an. Der Rektor von der Johannes-Kepler-Realschule bemängelte, dass die Hürden von Ausbildungsbetrieben häufig zu hoch gesetzt würden. Bisweilen müssten die 16-jährigen Bewerber Voraussetzungen mitbringen, die sie in diesem Alter einfach nicht leisten könnten wie beispielsweise Auslandserfahrung. Er appellierte deshalb an die Unternehmen, sie sollten den Jugendlichen zugestehen, dass sie sich in diesem Alter noch weiterentwickeln und sich bestimmte Anforderungen während der Ausbildung aneignen.

Karl Zimmermann, Landtagsabgeordneter der CDU, begrüßte die Wendlinger Ausbildungsrunde. Wendlingen sei die einzige ihm bekannte Kommune im Landkreis, die eine solche Aktion jedes Jahr anstrenge. Ulrich Renz, Rektor der Ludwig-Uhland-Schule, sieht im runden Tisch für mehr Ausbildungsverträge eine Einrichtung, über die der eine oder andere noch einen Ausbildungsplatz findet.