Lokale Kultur

Kaleidoskop musikalischer Mikrokosmen

Chor der Weilheimer Peterskirche präsentierte unter der Leitung von Kantor Wolfgang Beck Bachkantaten

Kirchheim. In Anbetracht der Umstände ihrer Entstehung ist es ein erstaunliches Phänomen, dass Johann Sebastian Bachs geistliche Kantaten nicht als leerlaufende kompositorische Pflichterfüllung daherkommen,

Florian Stegmaier

vielmehr in ihrer überlieferten Gesamtheit als ein berückendes Kaleidoskop musikalischer Mikrokosmen dasteht, das Interpreten und Hörer stets aufs Neue zu überraschen weiß – zumindest dann, wenn die Kantaten klanglich in solch lebendiger, plastisch-dynamischer Gestalt „auferweckt“ werden, wie es unter der Leitung von Kantor Wolfgang Beck in der Weilheimer Peterskirche zu erleben war.

Dass es dem Konzert nicht an kraftvoll ausgemalter Dramatik mangeln sollte, machte schon der auf ein Signal der Blechbläser (Trompetenensemble Jörg Günter) hin fulminant anhebende Eingangschor „Wachet, betet“ aus BWV 70 deutlich. Auf organische Weise gelang es Chor und Orchester der Peterskirche gemeinsam mit Organist Ernst Leuze, das ambivalent gespannte Feld zwischen einem zur Tat drängenden Ruf „Wachet“ und dem nach innen gerichteten, mit ausdrucksstarker Harmonik einhergehendem Gebot des „Betet“ vor den Hörern auszubreiten.

Apokalyptische Bilder, der Schrecken des Jüngsten Gerichts – solchermaßen eschatologisch aufgewühlt war die Kulisse, vor der insbesondere Bassist Christoph Sökler gleich mehrfach gestalterisch zupackend agieren konnte.

Formal entspannter, jedoch zwischen Trost und Verzagen schwankend, gaben sich „Wenn kömmt der Tag“ und die bei Händel idiomatisch angelehnte Arie „Hebt euer Haupt empor“, in denen Elisabeth Künstler (Alt) und Tobias Wall (Tenor) in klangschöner, beweglicher Transparenz solistisch glänzen konnten.

Noch stark in der Tradition des maßgeblich durch Heinrich Schütz geprägten „Geistlichen Konzerts“ stehend, zeigt sich – gerade in ihren ­motettenhaften Chorsätzen – die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21.

Neben einer unmittelbar am Text entzündeten musikalischen Rhetorik – die nicht allein auf Seufzer-Motive beschränkt, sondern auf verschiedenste Parameter des Tonsatzes ausgedehnt ist –, ist hier der häufige Wechsel von biblischen Zitaten mit einer freien, sehr subjektiv gehaltenen Dichtung überaus typisch.

Mit feinem Sinn für Details, den Blick dennoch umfassend aufs Ganze gerichtet, entrollten die Weilheimer Musiker ein bildgewaltiges Seelen-Drama, präsentierten Bachsche Musik historisch stilsicher als ein zeitloses Faszinosum.

Ansprechend gestaltete sich die Arie „Seufzer, Tränen, Kummer, Not“, in der dem kunstvoll klagenden Sopran (Eva Friederike Hoffmann) eine sich in Stimmkreuzungen ergehende Solo-Oboe zur Seite steht. Die Interpretation stets dem dramatischen Ablauf verpflichtet, wurde das „Liebesduett“ zwischen Bass und Sopran, ein Dialog zwischen verzweifelter Seele und erlösendem Heiland, folgerichtig als konflikthafter Kulminationspunkt erfahrbar – zugleich ein beredtes Zeugnis vitaler frühpietistischer Frömmigkeit.

Am Ende stand ekstatischer Jubel. Sämtliche Kräfte bündelnd, sich von unten nach oben, von den Solisten zum Chor hin fugiert aufbauend, entfesselt Bach einen triumphalen Lobpreis, der – in letzter Konsequenz – beinahe abreißend mit einer Achtelnote schließt. Dem Programmheft konnten die Konzertbesucher hierzu eine plausible Deutung entnehmen: „Nur einen Spalt breit stand die Tür des Himmels für die Seele offen – genug für einen staunenden Blick“. Angesichts der überzeugenden künstlerischen Leistung, die vor allem darin bestand, der Musik Bachs den nötigen Raum gelassen zu haben, sich in ihrem ganzen Reichtum sprechend entfalten zu können, kann dem wohl nichts mehr hinzugefügt werden.

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