Lokale Kultur

Kaperei im Schatten Shakespeares

„Romeo und Julia“, „Sommernachtstraum“, „Macbeth“ und „Hamlet“ samt Piraten an einem einzigen Abend

Theater-AG Schlossgymnasium spielt "Shades of Shakespeare"
Theater-AG Schlossgymnasium spielt "Shades of Shakespeare"

Kirchheim. „Shades of Shakespeare“ zeigt die Oberstufen-Theater-AG des Schlossgymnasiums derzeit in ei­nem Zirkuszelt, das eigens für dieses

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Andreas Volz

Stück auf dem Schulgelände aufgestellt worden ist. Tatsächlich bleibt die muntere Truppe ihrem Anspruch treu, Shakespeare im Jubiläumsjahr anlässlich seines 450. Geburtstags in allen möglichen Schattierungen darzustellen. Wenn es auch nicht wirklich die hundert verschiedenen Arten sind, die der Untertitel verspricht, so ist es doch eine besondere und einzigartige Würdigung des größten Theatergenies aller Zeiten.

Mit „Schattierungen“ lassen sich die „shades“ aus dem Titel ebenso übersetzen wie mit „Schatten“. Und auf der Theaterbühne ist es nun einmal Shakespeare, der alles andere in den Schatten stellt. Meisterhaft beherrscht er die Kunst, im Publikum binnen Sekunden jede beliebige Emotion hervorzurufen – sowohl Mitleid und Schrecken als auch die Heiterkeit, die Erleichterung bringt.

Häufig genug folgen bei Shake­speare auf die erschütterndsten Tragödien-Szenen direkt im Anschluss die Auftritte der einfachen Leute, die mit – häufig derben – Wortspielen zum Lachen anregen und somit die Anspannung im Publikum lösen. Der Unterschied zwischen Tragödie und Komödie ist fließend. Viele Szenen sind eigentlich beliebig austauschbar zwischen den scheinbaren Gegenpolen Trauerspiel und Lustspiel.

Selbst die Requisiten sind beliebig austauschbar, ob es sich nun um Dolche und Schwerter handelt – für Fechtszenen, Meuchelmorde und Suizide – oder um alle möglichen Tränke, die zum Tod führen, eine tiefe Ohnmacht oder heftige Liebe hervorrufen können. Die Tränke und Gifte wirken bei Shakespeare stets zuverlässig. Nur werden sie mitunter den falschen Personen verabreicht.

Auch das aber kann in jedem Stück passieren: Es sorgt für heitere Verwicklungen, wenn der treue Lysander im „Sommernachtstraum“ fälschlicherweise mit dem Liebesnektar behandelt wird und plötzlich der von Demetrius verschmähten Helena nachstellt. Es sorgt aber auch für Entsetzen oder für innere Genugtuung, wenn Königin Gertrude versehentlich den Giftbecher leert, den König Claudius eigentlich für ihren Sohn Hamlet bestimmt hatte.

Insofern ist es eine wunderbare Idee der Theater-AG, gleich Auszüge aus mehreren Shakespeare-Stücken am selben Abend aufzuführen. So lassen sich Parallelen zwischen den Stücken erkennen, die sonst vielleicht nie auffallen würden. Im Zweifelsfall wird sogar dezent nachgeholfen bei der Verknüpfung einzelner Stücke: So liegt etwa mitten in der Balkonszene der Eselskopf im Weg, den später der Weber Zettel von Puck verpasst bekommen soll. Natürlich hat der Eselskopf weder mit Romeo noch mit Julia etwas zu tun, aber eben mit Shake­speare. Daraus folgt: Die ganze Welt ist Shakespeares Bühne.

Interessant ist, dass die Schüler, die ihre Shakespeare-Szenen in die Rahmenhandlung von chaotisch-genialen Theater-AG-Proben einbetten, immer wieder den Text hinterfragen. In der klassischen Übersetzung wirkt er ja tatsächlich leicht angestaubt und schwer verständlich. Trotzdem schaffen es beispielsweise die Balkonszene und sogar die Sterbeszene aus „Romeo und Julia“, das Publikum zu berühren. Entsprechend gut gespielt und gesprochen, entfaltet der Zauber der Worte auch nach über 400 Jahren noch seine Wirkung.

Natürlich macht sich die Aufführung auch lustig – über zu viel Theater-Pathos. Wenn sich Julia mit einem „Dolch“ aus Pappe ersticht, dann ist das eine augenzwinkernde Anspielung auf die große Phantasie, die Shake­speare einst seinem Publikum im Londoner „Globe“ abverlangte. Aber es wirkt eben lächerlich, und das Publikum quittiert es mit dankbarem Lachen. Das ist bestimmt ganz im Sinne des 450 Jahre alten Theaterpraktikers William Shakespeare, der selbst ja auch die Tragödie um Pyramus und Thisbe in seinem „Sommernachtstraum“ ins Lächerliche zieht.

In rechter Spiellaune nimmt sich deshalb auch die Theater-AG des Schlossgymnasiums meuternd das Recht heraus, die Begegnung Hamlets mit den Piraten nachzuspielen, die bei Shakespeare nur angedeutet wird – denn „Piratenszenen kommen beim Publikum sicher gut an“.

Trotzdem geht es im Zirkuszelt am Schlossgymnasium nicht nur um Klamauk, sondern auch um ernsthafte Interpretationen: So wird Lady Macbeth in einer Szene verdoppelt, also gleich von zwei Schauspielerinnen verkörpert. Das verleiht dem Wahnsinn, in den sie als Anstifterin zum Königsmord verfällt, eine ganz eigene, überzeugend schizophrene Note.

Am Ende darf aber doch der Spaß triumphieren: Zu den Klängen von Mendelssohn Bartholdys Hochzeitsmarsch, den die Big Band des Schlossgymnasiums in ihrer Eigenschaft als Shakespeare-Zirkus-Kapelle prächtig intoniert, folgt im großen Finale ein kollektives „happy ending“ – nicht nur für die Paare aus dem „Sommernachtstraum“, sondern selbst für Hamlet und Ophelia sowie für Romeo und Julia. Einziger Wermutstropfen: Der langjährige AG-Leiter Bernd Löffler verabschiedet sich mit diesem Werk – sowohl von der Bühne als auch in den Ruhestand.

Wer ihn und seine Truppe noch einmal in Aktion erleben will, hat dazu am heutigen Freitag im Zirkuszelt die Möglichkeit: Beginn ist um 20 Uhr. Ebenfalls um 20 Uhr und ebenfalls im Zirkuszelt beginnt am morgigen Samstag ein Tanztheater-Abend der Tanz-AG des Schlossgymnasiums.