Lokale Kultur

Keine "zurückgebliebenen Volksgruppen"

KIRCHHEIM Mit neuesten Funden hat der Lenninger Hobbyarchäologe Christoph Bizer seinem interessierten Publikum im Kirchheimer

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ANDREAS VOLZ

Spitalkeller dargelegt, dass die hiesige Gegend in der Altsteinzeit kein menschenleeres Gebiet war. "Noch vor 20 oder 30 Jahren hätte man über die Altsteinzeit im Kirchheimer Raum gesagt: ,Gibt es nicht.'" Inzwischen hat Bizer aber sogar Belege für die "gelegentliche Anwesenheit von Neandertalern in unserer Gegend" gefunden.

Die Steinzeitforschung in Kirchheim und Umgebung habe erst in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen. Als einen der bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiet nannte Christoph Bizer den Tübinger Archäologen und Urgeschichtler Gustav Riek: "Er hat Plätze für Oberflächenfunde erfolgreich aufgespürt. Damals war das etwas völlig Neues, dass man wertvolle Funde einfach so vom Boden auflesen kann."

Riek hatte unter anderem am Randecker Maar Plätze für Oberflächenfunde aufgezeigt. Besonders ergiebige Fundstellen waren auch der Braunfirst bei Hepsisau und das Käppele bei Dettingen. Die entscheidenden Fragen, die sich bei der Bewertung der steinzeitlichen Funde aufdrängen müssen, formulierte der ehrenamtliche Beauftragte der Archäologischen Denkmalpflege Christoph Bizer im Rahmen seines Volkshochschulvortrags in Kirchheim folgendermaßen: "Was gehört zeitlich zusammen, was war früher, was später und zu welcher Steinzeitstufe gehört das Zeug?" Anhand von Lichtbildern stellte er Funde vor, die er selbst über Jahre und Jahrzehnte hinweg aufgelesen hatte. Für ungeübte Laien sind diese Stücke möglicherweise ganz grob voneinander zu unterscheiden mehr aber auch nicht.

Von selbst erschließt sich dem bloßen Auge noch nicht einmal die Funktion der Steinwerkzeuge, geschweige denn die zeitliche Einschätzung, wann solche Stücke im Gebrauch der Steinzeitmenschen waren. Dennoch wurden die Funde aus der Gegend um Kirchheim von der Forschung immer wieder der Mittel- und der Jungsteinzeit zugeordnet einschließlich der verschiedenen Abstufungen, die es innerhalb dieser Zeiträume noch zusätzlich gibt. Bei der Altsteinzeit dagegen gab es stets den gleichen Befund: "Fehlanzeige".

Die Funde der Mittelsteinzeit seien am leichtesten auszusortieren, sagt Christoph Bizer. "Da gibt es einen auffällig bunten Feuerstein, der porzellanartig glitzert. Nach dessen Vorkommen hat man jahrzehntelang gesucht." Inzwischen habe sich herausgestellt, dass dieser Stein vor der Bearbeitung "getempert" wurde mit Feuer vorbehandelt. Auch bei Sichelklingen aus der Jungsteinzeit spricht Christoph Bizer von einem "merkwürdigen Glanz". In diesem Fall stammt der Glanz allerdings von der Benutzung des Werkzeugs: Kieselsäure aus Getreidehalmen hinterließ diese Spuren am Jurahornstein.

Wenn man nun aber aus allen Fundstücken diejenigen der Mittel- und der Jungsteinzeit aussortiert, "bleibt immer noch etwas übrig", kam Bizer auf sein eigentliches Thema zu sprechen die Altsteinzeit im Bezirk Kirchheim. "Erst bei einer sehr großen Stückzahl finden sich Serien gleichartig bearbeiteter Steine. Das nennt man ,Typen'." Beispiele für Typen, "die altsteinzeitlich sein müssen", seien Bohrer, Stichel, Kratzer oder auch Rückenmesserchen. Am Braunfirst und am Käppele hat Christoph Bizer viele solcher Typen aufgesammelt Belege dafür, dass es an diesen Stellen in der Spätphase der Altsteinzeit Eiszeitjägerlager gegeben hat.

Gustav Riek habe vor 70 Jahren selbst bei Funden, die er einer Mischform aus Mittel- und Jungsteinzeit zuordnete, zeittypisch noch von einer "zurückgebliebenen Volksgruppe" berichtet. Christoph Bizer ging es in seinem Volkshochschul-Vortrag nun vor allem darum, solche Vorurteile zu widerlegen. So erzählte er nicht nur von Kunstwerken und Zeichnungen der Eiszeitjäger, sondern auch von Beinperlen und Nähnadeln. Die Eiszeitjäger im "Magdalenien", die in der Gegend um Kirchheim vor etwa 13 000 Jahren lebten, hatten also bereits genähte Kleidung.

Menschen der mittleren Altsteinzeit, die ein noch schlechteres Image als die Eiszeitjäger haben, sind die Neandertaler, denen häufig nicht einmal zugestanden wird, überhaupt Menschen gewesen zu sein. Auch an diesem Punkt bezieht Christoph Bizer eindeutig Stellung: "Wenn man die ordentlich anzieht, kann man sie heute in jeder Stadt laufen lassen. Kein Mensch würde sich nach ihnen umdrehen."

Dass auch Neandertaler zumindest auf Streifzügen im Lenninger Tal aufgetaucht sind, zeigt sich für Christoph Bizer an zwei besonderen Fundstücken. Das eine ist ein Abschlag, der allerdings nicht mehr zu einem Gerät weiterverarbeitet wurde. Bizer hat ihn in Unterlenningen aufgelesen, am Ortsausgang in Richtung Sattelbogen. Die präparierte Schlagfläche sei typisch für die mittlere Altsteinzeit und für die Neandertaler. Während die Forschung beim Neandertaler von einer "Abschlagkultur" spricht, steht der Homo sapiens für die "Klingenkultur".

Das zweite, bedeutendere Stück ist ein Schaber aus der mittleren Altsteinzeit, den Christoph Bizer vor drei Jahren am Käppele gefunden hat. Er besteht aus einer seltenen Feuersteinart, die noch nicht genau erforscht ist. Dabei sieht der ehrenamtliche Beauftragte der Archäologischen Denkmalpflege deutliche Verbindungen zu Fundstücken von der Freilandstation Wittlingen bei Urach: "Wittlingen ist wohl ein Ort, der immer wieder aufgesucht wurde. Feuerstein gibt es dort in Hülle und Fülle." Das Lenninger Tal gehörte demnach also zum Streifgebiet der nomadisch lebenden Neandertaler, die vor etwa 40 000 Jahren regelmäßig in Wittlingen Station machten.