Kirchheim

Kennt nur noch Taxi Mama den Weg?

Familie Eine zufällig ausgewählte Kirchheimer Schule: Ein Auto nach dem anderen fährt vor und setzt Kinder am Tor ab. In der Straße sorgt das für Chaos. Der Teckbote hat sich auf die Lauer gelegt. Von Thomas Krytzner

So ist‘s richtig: Papa bringt die Kinder zu Fuß zur Schule. Heißt: weniger Verkehrschaos.Foto: Thomas Krytzner
So ist‘s richtig: Papa bringt die Kinder zu Fuß zur Schule. Heißt: weniger Verkehrschaos. Foto: Thomas Krytzner

Die Wollmarktstraße bei der Freihof-Realschule gilt als verkehrsberuhigter Bereich und ist dementsprechend ausgeschildert. Doch jeden Morgen kurz vor Schulbeginn verwandelt sich die Ruhe in regen Durchgangsverkehr. Das liegt nicht an den Schülern, die mit dem Fahrrad zur Schule kommen oder zu Fuß unterwegs sind, sondern an Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bringen, kurzfristig die Straße verstopfen und auch das gebotene Schritttempo kaum einhalten. Denn: Es muss ja schnell gehen. Kinder ab ins Auto, schnell zur Schule und dann zur Arbeit. Park- und Haltemöglichkeiten bei den Toren zur Schule gibt es kaum, also wird wild geparkt.

Elterntaxi nennt sich das Phänomen - und es gibt immer mehr davon: Mütter und Väter, die ihren Kindern den Schulweg nicht alleine zutrauen und sie am liebsten bis ins Klassenzimmer bringen würden. In vielen deutschen Städten löst der Trend Chaos vor Schulhöfen aus. Manche Schulen helfen sich mit Straßensperrungen vor Unterrichtsbeginn. So sollen die Selbstständigkeit der Kinder und die Sicherheit auf der Straße gewahrt werden. Auch an der Kirchheimer Freihof-Realschule gibt es diese Probleme.

Oft sind die vorgeschriebenen drei Meter Abstand zwischen den Fahrzeugen auf beiden Seiten der Straße nicht mehr gegeben. Kaum angehalten, gehen die hinteren Türen auf und Kinder springen he­raus - direkt auf die Straße. Einige Mütter und Väter steigen mit aus und begleiten die Kinder bis vors Klassenzimmer, andere warten im Auto, bis die Schüler den sicheren Hof erreicht haben. Es gibt aber auch Mamas und Papas, die ihre Schützlinge zu Fuß zur Schule begleiten und mit ihnen das Verhalten im Straßenverkehr üben. Viele Kinder, die vom Taxi Mama abgeladen wurden, drehen sich um und verabschieden sich mit Winken von ihren Eltern, vergessen aber dabei, dass sie sich auf einer Straße - wenn auch verkehrsberuhigt - befinden. Zu beobachten sind auch viele Elternteile, die ihren Kindern helfen, den vollbepackten Schulranzen zu schultern. Immer wieder fahren Anwohner mit ihren Autos zur Arbeit, oder Radfahrer passieren die Wollmarktstraße. Sie müssen um die parkenden Elterntaxis herumzirkeln.

Häufig lässt sich folgende Situation beobachten: Ein aussteigender Schüler sieht einen Kollegen, rennt ohne Blick nach links und rechts über die Straße, um die Neuigkeiten auszutauschen. Man hört Mamas, die ihre Kinder zur Eile antreiben. Zum einen, weil die Schule gleich beginnt, zum andern, weil sie selbst zum nächsten Termin müssen. Es gibt aber auch Taxi-Mütter, die sich vor dem Schulhof treffen, um sich für später zur verabreden - während ihr Auto die erlaubte Haltezeit fürs Aussteigen längst überschritten hat. Später wird sich das ganze Szenario wiederholen: Nämlich, wenn die Schule wieder aus ist.

Dem Realschulrektor Clemens Großmann gefällt das nicht: „Diese Eltern verursachen zusätzliche Gefahren für die anderen Kinder“, sagt er. Auch der Kirchheimer Ordnungsamtsleiter Marcus Deger ist alarmiert.

Symbolfoto

Den Behörden ist das Elterntaxi ein Dorn im Auge

Realschulrektor Clemens Großmann: „Wenn es das große Tor am Schulhof nicht gäbe, würden manche Eltern mit ihrem Kind am liebsten bis vor das Klassenzimmer fahren. Es gibt aber in der Tat sehr vernünftige Eltern, die ihre Kinder den Schulweg alleine meistern lassen.“ Die Taxidienste sind nicht gern gesehen und das zu Recht, wie der Schulleiter der Freihof-Realschule präzisiert: „Diese Eltern verursachen zusätzliche Gefahren für die anderen Kinder, weil sie meist in Eile ihre Kinder mitten auf der Straße aussteigen lassen oder bis vor das Tor fahren und so die Zufahrt für Fußgänger und Radfahrer blockieren. Durch plötzlich aufgerissene Autotüren werden vorbeiradelnde Kinder gefährdet.“ Wichtige Tugenden werden gar unterbunden, wie Großmann vermutet: „Die Kinder werden zur Unselbstständigkeit erzogen. Eltern unterbinden mit diesem Fahrservice, dass sich Kinder auf dem Schulweg über Dinge austauschen, die dann erst in der Schule besprochen werden können.“ Dass dabei der Gesundheitsaspekt mitspielt, ignorieren vermutliche viele. Großmann dazu: „Die Kinder sind weniger abgehärtet, weil sie nie bei schlechtem Wetter unterwegs sind.“ Kirchheims Schulen sprechen durchaus mit den sogenannten Helikopter-Eltern, wie Clemens Großmann bestätigt: „Ich denke, alle Schulen weisen immer wieder daraufhin, dass es für Kinder gut ist, wenn sie morgens an der frischen Luft ihren Schulweg antreten.“ Für die Schüler ergeben sich durch den Weg keine Nachteile, erklärt der Rektor: „Kein Kind nimmt Schaden, wenn es mal nass wird.“

Ordnungsamtsleiter Marcus Deger sieht in den Helikopter-Eltern ein generelles Problem der Schulen in der Stadt. Allerdings sticht ihm zufolge die Freihof-Realschule he­raus, weil dort viele zur Schule gehen. Das Helikopterverhalten beobachtet der Ordnungsamtsleiter seit Längerem. „Den Kindern wird dadurch jegliche Verantwortung genommen. Die Kinder sollen doch lernen, wie man sich auf dem Schulweg und im Verkehr verhält.“ Die Schulwege würden durch die Stadtverwaltung so ausgewählt werden, dass sie sicher seien. „Manchmal sind es nicht die kürzesten Wege, weil man Gefahrenstellen umgeht, aber Sicherheit geht vor.“ Immer wieder, insbesondere zum Schulbeginn, sind die Behörden bei den Schulen vor Ort und sprechen Eltern auf das Helikopterverhalten an. „Nur selten stoßen wir dabei auf Verständnis und es wird schlimmer. Früher wurden die Kinder aufs Fahrrad gesetzt, heute würden die Eltern ihre Kinder am liebsten selbst auf den Stuhl im Klassenzimmer setzen. Das geht zu weit!“ Das Ordnungsamt hat verschiedenen Möglichkeiten, um die Verkehrsregeln durchzusetzen. Doch: „Wenn wir vor Ort sind und die Eltern aufklären oder gar Verwarnungen aussprechen, hält dies zwar ein paar Wochen, danach beginnt es von Neuem.“ Der Kontakt mit den Schulen wird gepflegt, damit zum Beispiel an Elternabenden darauf hingewiesen wird, dass das Taxi Mama unerwünscht ist. „Kinder, die im Straßenverkehr ungeübt sind, stellen für sich eine große Gefahr dar. Die Eltern wollen ihre Kinder beschützen, schaffen aber die gefährlichen Situation selbst.“ Thomas Krytzner

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