Lokale Kultur

Kenntnisreiche Beschreibungen

ESSLINGEN Der Esslinger Autor Gerold Tietz ist in die Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste berufen worden. In

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ULRIKE RAPP-HIRRLINGER

dem Gremium, zu dem rund 40 Mitglieder gehören, sind Musiker, Schriftsteller, Bildende Künstler und Naturwissenschaftler versammelt, darunter auch der Autor Peter Härtling und bis zu seinem Tod im April der Bildhauer Herbert Hajek.

Die Akademie würdigt das Werk von Gerold Tietz, weil er die Orte, die in seinem Romanen eine Rolle spielen sei es nun Prag oder Leitmeritz kenntnisreich und einfühlsam beschreibt. Mit Ironie und Hintersinn lasse er sich auf die Widersprüchlichkeiten der böhmischen Verhältnisse ein und scheue die Darstellung von Konflikten ebenso wenig wie die vielen selbstverständlichen Gemeinsamkeiten im Zusammenleben.

Wenn er dabei seine Figuren in Situationen stelle, die sich zwischen Tragik und Komik bewegen, so behandle er keinesfalls nur ein böhmisches Thema, sondern universelle Grenzerfahrungen des Menschen.

Gerold Tietz, 1941 in Horka im heutigen Tschechien geboren, thematisiert in seinen Büchern immer wieder das friedliche Miteinander von Tschechen, Juden und Deutschen auch in seinem jüngsten Roman "Große Zeiten kleines Glück". Ihm ist es ein wichtiges Anliegen, das Thema "Flucht und Vertreibung" von der Einseitigkeit zu befreien und es kritisch zu beleuchten.

"Die Geschichte wurde zurechtgebogen, jede Seite beanspruchte die Wahrheit für sich." Das schiefe Bild zurecht zu rücken, ist Antrieb für Gerold Tietz, der deutlich macht: "Ich will das Thema Heimat und Vertreibung nicht einigen Rechten oder Rechtsradikalen überlassen." In seiner Berufung sieht er auch ein Signal, "dass das Tabu, differenziert über das Thema Vertreibung zu schreiben, inzwischen gebrochen ist."

Die großen historischen Zusammenhänge bilden den Hintergrund, vor dem Gerold Tietz die Beweggründe menschlichen Handelns in den Blick nimmt. "Ich will das schreiben, was in den Geschichtsbüchern nicht steht", stellt er dazu fest. Es gelte, die Vertreibung in einen Gesamtzusammenhang zu stellen.

Das Schreiben dient dem Autor Gerold Tietz auch als Annäherung an eine verlorene Heimat, aus der seine Familie 1945 hatte fliehen müssen und die er selbst nie kannte. Es ist ein Herantasten an abgeschnittene Wurzeln ohne Pathos oder Heimattümelei, dafür mit einem guten Schuss Ironie und Satire und dem kritischen Auge des Historikers.

Als Sudentendeutscher wurde Gerold Tietz mit seiner Familie nach Kriegsende aus Böhmen vertrieben und kam nach Jahren in Bayern schließlich nach Wurmlingen. Nach dem Abitur in Tuttlingen studierte Gerold Tietz Geschichte, Politik und Französisch, bevor der promovierte Historiker 1969 nach Esslingen zog, wo er bis heute mit seiner Frau, der Schriftstellerin Anne Birk, lebt.

Gerold Tietz unterrichtete mehr als 30 Jahre am Gymnasium in Wendlingen.