Lokale Kultur

Kinder legen sich ins Zeug, dass es eine wahre Wonne ist

DETTINGEM Mehr als dreitausend Jahre alt ist die Geschichte; länger als anderthalb Jahrzehnte

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ERNST LEUZE

brauchte Thomas Mann, sie zu erzählen ("Joseph und seine Brüder"). Im Kindermusical wird "Joseph, ein echt cooler Träumer" getitelt, und in Dettingen, wo das Stück über die Bühne ging, dauerte es nur noch ein knappes Jahr, bis aus dem Traum zweier junger Mütter in Dettingen Wirklichkeit geworden war. Was von der Einladung zur Premiere in der Dettinger Schlossberghalle zu halten war, wusste man zunächst nicht so recht: Wollte da eine Jungschar an die Öffentlichkeit treten, ein Gesangverein oder eine Schule?

Der Titel jedenfalls schien "Marke Eigenbau" zu sein; es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich Erwachsene in Jugendsprache anbiedern. Die Recherche im Internet brachte Klarheit. Es handelt sich um ein schon oft gespieltes Stück von Helmut Jost, der in der Sacropop-Szene seit Jahrzehnten einen hervorragenden Namen hat. Also nichts wie hin um zu sehen, ob es den Dettingern gelingen würde, dem Nachbarort Owen wenigstens im Kinderbereich den Rang eines Mekka der Christlichen Popmusik streitig zu machen. Immerhin, die Halle war voll; viele Besucher mussten sogar wieder umdrehen.

Innen ein Erzähler von Gottes Gnaden. Er las seinen Text, wie wenn er ihn im Moment erfinden würde. Ein Schauspieler, Pfarrer gar, oder vielleicht ein Diakon oder Jugendreferent? Der Vorhang geht auf. Die Kulissen sehen zum Glück nicht nach Staatstheater aus, der Kinderchor steht sauber kostümiert erwartungsfroh in den Startlöchern, eine adrette Dirigentin gibt den Einsatz, und dann geht die Post ab, dass die Wände wackeln: Die namenlose Band gibt Gas und die Kinder legen sich ins Zeug, dass es eine wahre Wonne ist. Keine Spur von Nervosität, alles läuft wie am Schnürchen. Die Dirigentin (Kirsten Alkier) wirbelt auswendig vor den Kindern. Diese nehmen die Bewegungen auf und singen und spielen, wie wenn sie nie etwas anderes gemacht hätten.

Der Titelheld Joseph bleibt nicht lange allein auf der Bühne; eine Kindergruppe unterstützt den Gang der Handlung pantomimisch und tänzerisch unter der Regie von Eva Dölfel. Sogar eine veritable Karavane zieht durch den Saal. Alles, was ein Musical ausmacht, ist also da. Jedoch keine Spur von Klamauk! Der sympathische Erzähler führt durch den Gang der Handlung in einer verständlichen Sprache, die es den Zuhörern erlaubt, sich mit den Personen zu identifizieren. Die Kinder tun es sowieso, herzerfrischend. Soli erklingen von der Tonregie perfekt ausgesteuert. Je länger dieses hinreißende Spiel geht, desto dringender will man endlich wissen, wie es dazu gekommen ist.

Es ist ja völlig unglaublich: Zwei junge Mütter hatten die Idee, den Dettinger Kindern auch im eigenen Ort einmal etwas richtig Gutes und Spannendes zu bieten. Aus der Idee wurde ein Traum, der schließlich einige Familien mit ansteckte und schließlich so begeisterte, dass an die Verwirklichung gedacht werden konnte: Den Dettinger Kindern von Klasse 1 bis 5 durfte das Projekt in der Schule vorgestellt werden. Anmeldung und Casting so geht es üblicherweise weiter. Aber nicht hier! Denn die Kinder durften selbst entscheiden, ob sie spielen, singen oder tanzen wollten. Ein sicheres Rezept zum Misslingen, möchte man meinen. Aber Kirsten Alkier und Ulla Thaler hatten es offensichtlich verstanden, die Selbsteinschätzung der Kinder so zu beflügeln, dass es keine Fehlentscheidung gab.

Es fällt schwer, nach so viel Lob noch etwas Kritisches zu sagen. Also, was immer schief geht, kann auch in Dettingen nicht klappen. Einen Chor über Mikrofone und Lautsprecher zu schicken, produzierte einmal mehr das übliche Wischiwaschi, was notorischen MP3-Popmusik-Dauerhörern leider fast gar nicht mehr auffällt. Doch wie schon angedeutet, daran sind Leute mit zehnmal teurerer Ausrüstung auch schon kläglich gescheitert. Das Problem scheint unlösbar zu sein. Wie gut die wohlgemerkt nicht ausgesuchten Kinder singen können, zeigte sich bei der Zugabe, als der Chor ohne Mikrofon die gar nicht zimperlich spielende Band fast mühelos überstrahlte.

Alle am Projekt Beteiligten zu nennen, ist ganz und gar unmöglich. Ausnahme: die fabelhafte Tanzmeisterin Leila Beisenova und der Erzähler natürlich. Sein Geheimnis muss jetzt gelüftet werden; alle Vermutungen waren ja falsch. Holger Schmidt ist nicht Schauspieler, sondern Rechtsassessor. Unentbehrlich und gut aber waren alle bei dieser Gemeinschaftsleistung ersten Ranges.

Wer dabei war, wurde zwar nicht missioniert, aber er weiß für den Rest seines Lebens, wo die Wurzeln der christlichen Religion sind. Niemand wurde das Opfer pädagogischer Bemühungen und doch haben alle Beteiligten jetzt eine Vorstellung davon, wie sehr man sich um gute Musik mühen muss, aber auch wie unaussprechlich die Freude ist, wenn die Musik gut gelingt. Niemand ist vom Ehrgeiz der "Macher" missbraucht worden Liebe zu den Kindern hat das Projekt geboren und zum grandiosen Erfolg geführt. Das war in jedem Moment klar. Und das beste zum Schluss: Am Samstag, 18. Dezember, 16 Uhr wird die Aufführung wiederholt (Saalöffnung ab 15.30 Uhr). Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk nicht nur für die Dettinger!