Lokale Kultur

Klangfeuerwerk und Tastensturm zu vier Händen

KIRCHHEIM Zum zweiten Mal nach 2000 gastierte das seit 1985 zusammenspielende Klavierduo Susanne und Dinis Schemann in Kirchheim. Es gehört mit einer Vielzahl

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ERNST KEMMNER

von internationalen Auftritten und vielen Einspielungen auf CDs mittlerweile zur absoluten Elite der Kammermusikensembles im In- und Ausland. Der als Gesprächskonzert angelegte Konzertabend, bei dem die Musiker abwechselnd vor jedem Stück mit einem das Werk kurz und präg-nant erläuternden Vorspann aufwarteten, sollte sich als musikalisch gehaltvoll und vielseitig erweisen.

Den Auftakt bildete die weit angelegte Sonate F-Dur, KV 497 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 1791), ein Stück, das die kompositorische Reife des Dreißigjährigen aufweist. Bereits hier war die jahrzehntelange gemeinsame Musizierpraxis des Duos mit ausgeprägtem Gestaltungswillen und klarem Formbewusstsein unverkennbar. Auf die besinnlich getragene Adagio-Einleitung des Kopfsatzes folgte ein heiter fließendes, mit perlenden Läufen gespicktes Allegro, das in vollkommener Synchronizität dargeboten wurde. Der Mittelsatz, ein beseelt und kantabel strahlendes Andante mit einem entzückend einprägsamen, mehrfach variierten Kopfthema, mit effektvollen Echowirkungen und auf den Punkt musizierten, huschenden Zweiunddreißigsteln, konnte ebenso gefallen wie das von wirbelnden Läufen nur so strotzende Final-Allegro. Bei der virtuosen Herausforderung dieses Satzes war die Spielfreude der beiden Musiker geradezu körperlich ablesbar, die mit bruchlosen Übergängen, mit fein platzierten agogischen Finessen und kaum merklichen, aber wirksamen Feinzäsuren brillierten.

Ganz anders geartet war das hochromantische Duo in a-Moll 144, D 947 von Franz Schubert (1797 1828), das posthum den Beinamen "Lebensstürme" erhielt. Das Werk bezieht seinen Charme aus dem ständigen Wechsel der Grundstimmung, einer melancholisch gefärbten Mattigkeit im Angesicht des nahenden Todes, die abgelöst wird durch eruptiv aufwallenden Lebenswillen. Die Vielschichtigkeit dieser späten Komposition Schuberts verlangte vom Duo eine entsprechende Durchdringung und Tiefenschärfe der Interpretation. Dinis Schemann, jetzt für die hohe Lage und die Melodielinien zuständig, spielte zusammen mit seiner Partnerin den Part in einer höchst beeindruckenden Feinabstimmung und Harmonie, die bisweilen die Illusion beflügelten, es sitze nur ein Spieler am Flügel. Beeindruckend das lang gezogene Ostinatomotiv von Basssynkopen Susanne Schemanns, darüber die gefällig perlende Linie des Themas, oder etwa das ins Ohr gehende, pochende Marcato in absteigender Linie, gefolgt von Generalpause und wuchtigen Akkorden. Bereits an diesem Punkt des Konzertes gab es anhaltenden Beifall des begeisterten Publikums.

Nach der Pause lag der Schwerpunkt auf tänzerisch angelegter Musik. Mit Edvard Griegs (1843 1907) Norwegischen Tänzen, op. 35, bot das Duo eine ungeheuer abwechslungsreiche Komposition mit ständig wechselnden Rhythmen, Tempi und Klangfarben dar. Als "Meister der kleinen Form" reiht Grieg hier fast impressionistisch musikalische Miniaturen, teils brillant wie Kleinodien, aneinander. Besonders gelungen musiziert wurden bei diesem Werk das behände, fast atemlos jagende Animato des ersten Satzes, das graziös anmutende Allegretto nach Art eines musikalischen Scherzes, das marschartige Kopfmotiv des Allegro moderato und vor allem das "con brio" des Abschlusssatzes. Seine gegenläufigen, jazzartig wirkenden Rhythmen, die höchste Präzision beider Spieler verlangten, und der fulminante, äußerst hörerwirksame Schluss mit punktgenauer "Landung" rissen die Zuhörer gleichsam von den Sitzen.

Mit den Ungarischen Tänzen Nr. 1, 4 und 6 aus dem ersten Band von Johannes Brahms (1833 1897) schloss sich der musikalische Kreis. Bereits beim Allegro molto (Nr. 1) begann im stark rhythmisierten Mittelteil das Pusztafeuer zu lodern, angefacht von einem wie entfesselt aufspielenden Duo, das dabei aber nicht in schiere, seelenlose Tastenakrobatik verfiel, sondern stets ausdrucksvoll gestaltend zu Werke ging. Die von der Tempogebung her zirkulär angelegten Nummern 4 und 6 verfehlten ihre Wirkung auf das Publikum dabei ebenso wenig wie die allseits bekannte Zugabe, der Ungarische Tanz Nr. 5 in fis-Moll. Susanne und Dinis Schemann erwiesen sich nochmals als wahre "Hexer der Tastatur" und als Meister der agogischen und dynamischen Effekte: unter ihren Händen geriet der viel gehörte und zuweilen tot gespielte Brahms zu einer "entstaubt" wirkenden Konzertsaalperle. Frenetischer Beifall, vermischt mit Bravorufen, honorierte den begeisternden Vortrag des Duos.