Lokale Kultur

Klangsinnlichkeit und Virtuosität

KIRCHHEIM Der Cellist, Chorleiter und preisgekrönte Komponist Hartmut Premendra Mayer, zweifacher Preisträger für Komposition bei der "Song Expo 2004" des "Benelux

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STEFAN RIEPE

International Song & Culture Festival" in Kaatsheuvel in den Niederlanden und den Kirchheimern durch Konzerte und seine Lehrtätigkeit an der Musikschule bestens bekannt, gab ein erlesenes Konzert in der Martinskirche. Zwischen altehrwürdigem Chorgestühl, im Anblick des mattglänzenden Altars, unter den nächtlich dunklen Spitzfenstern und hoch aufragenden Bögen des im Licht heimelig leuchtenden Chores ließ Hartmut Premendra Mayer sein Cello singen, jubeln, plappern, schimpfen, lachen, rasen. Kaum zu glauben, was man nicht alles mit einem einzigen Instrument, mit einem Cello, machen kann.

Der Abend bot ein eindrucksvolles Spektrum an Klangreichtum, eine Fülle an musikalischen Farb- und Ausdrucksformen, technisch souverän und virtuos. Nichts ist an Mayers Spiel zu bemängeln und zu befürchten. So geriet der Abend zu einem nachhaltigen Erlebnis. Mayers Programmgestaltung setzte außergewöhnliche Akzente: Ein von ihm für Cello bearbeiteter Gesang der Äbtissin, Komponistin, Dichterin, Prophetin und Ärztin Hildegard von Bingen (1098 1179) eröffnete den Abend. Die in großen Intervallen und in weitem Tonumfang dahinfließende, an einen Sprechgesang gemahnende Musik schwang sonor-atmend, klangintensiv und warm durch den Raum. "Die Liebe strömt über in alles, unendlich erhaben von den tiefsten Tiefen bis über die Sterne hinaus...". Johann Sebastian Bachs Suite in G-Dur, die erste der sechs Suiten für Violoncello solo, die auch noch heute als Höhepunkte des Repertoires gelten, geriet überaus "sprechend" und eindrucksvoll vielgestaltig, jeden Satz unterschiedlich auslotend, die Charaktere der verschiedenen Tanzformen hervorhebend. Hartmut Premandra Mayer musizierte dieses anspruchsvolle Werk in seinen Teilen stimmig und konsequent und formte zugleich die Vielfalt zu einem wunderbaren Ganzen.

Im dritten Programmpunkt entführte Mayer die Zuhörer in den besonderen Zauber erweiterter Klangmöglichkeiten: Flageoletts, Doppelflageoletts, langausgehaltene tiefe Doppelgriffe, improvisatorische Zwischenmomente und Episoden, rhythmisch pulsierende Teile im Wechsel mit unregelmäßigen Rhythmen, weite Akkorde, fließende ruhige Achtelbewegungen mit Bordunrepetitionen und virtuose Steigerungen alles das in Mayers "Esperins", nach Gedanken aus der Liturgie Nr. 2 von Mikis Theodorakis aus dem Jahre 1999 ein interessantes, außerordentlich faszinierendes und berührendes Stück, von Mayer bravourös und zugleich klangsinnlich gemeistert und den Zuhörern nahegebracht.

Den Schluss der Soiree bildete die Sonate für Violoncello solo des ungarischen Komponisten und Pädagogen Zoltan Kodaly, des Zeitgenossen und Studienfreundes von Bela Bartok. Dieses zu den schwierigsten Stücken der Cello-Literatur zählende Werk bricht mit dem traditionellen Konzept von Solosuiten und eröffnet eine ganz neue Klangwelt: Neue Akkorde, Skalen und Farbstimmungen, Triller und Tonwiederholungen in höchster Höhe, Streichen zusammen mit pizzicato, Doppelgriffe und gezupfte Akkorde Zoltan Kodaly benutzt das Instrument auf ganz originelle Art und erreicht damit eine nahezu symphonische Dimension.

Ein spezieller epischer Charakter der Themen, pentatonische Anklänge in der melodischen Struktur und eine nahezu monumentale formgebende Kraft bieten etwas ganz Neues. Diese Komplexität in einem Werk, auf einem Streichinstrument, eben dem Cello, darzustellen und zu meistern wenn das gelingt, ist es eine Glanzleistung. Es gelang und der Zuhörer durfte reich beschenkt nach Hause gehen. Was für eine großartige Musik, was für ein erstaunlich reiches Instrument ist das Cello, und was für ein profunder, ausgezeichneter Musiker ist Hartmut Premandra Mayer .