Lokale Kultur

Klarheit bei kontrollierter Emotion

KIRCHHEIM Die Bühne der Stadthalle geriet an ihre Kapazitätsgrenze, als die Musiker der Württembergischen Philharmonie ihre Plätze

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GERHARD FINK

einnahmen, um die "Erstaufführung" des Klavierkonzertes in d-Moll von Johannes Brahms in diesem Saal in Angriff zu nehmen. Wer befürchtet hatte, dass eine derart groß besetzte Komposition den vorgegebenen akustischen Rahmen sprengen würde, konnte sich schon nach wenigen Takten entspannt zurücklehnen.

Norichika Iimori am Dirigentenpult und der Solist Matthias Kirschnereit waren sich in ihrer Auffassung völlig einig: Dramatik und Leidenschaft wird nicht mit ungezügelter Wildheit und geballter Klangmasse gleichgesetzt, und so erklang die Musik in quasi lateinischer Klarheit und Transparenz, wahrhaft ein "Brahms ohne Bart". Die kompromisslos ausgespielte Schärfe der ersten Takte machte andererseits deutlich, dass die Auffassung der Künstler mit Noten-Positivismus und Glättung des emotionalen Kerns nichts zu tun hat.

Kirschnereit kann in allen Sätzen seine große Affinität zu diesem Werk unter Beweis stellen. Ein wunderbar warm temperierter Klavierton und gebändigte Kraft kennzeichnen sein Spiel, das den kräftezehrenden Trillerpassagen und Akkordballungen in den Ecksätzen jederzeit gewachsen ist und darüber hinaus den zahlreichen lyrischen Passagen, denen der Pianist mit großer Artikulations-Genauigkeit nachspürt und die notwendige Leuchtkraft verleiht.

Einen besonderen Höhepunkt bildete das von tiefer Melancholie durchwobene Adagio nach der Überlieferung ein musikalischer Reflex auf die Tragödie im Hause Schumann, die sich zwischen 1854 und 1856 abspielte. Den ärgerlichen "Erdenrest" zu einer großartigen Interpretation steuerte an diesem Abend der Flügel bei, der es mit der Stimmhaltung leider nicht genau genug nahm.

Von zwei mächtigen Musikdramen eingerahmt, machten sich die drei Sätze aus der "Lyrischen Suite" von Alban Berg wie eine filigrane Fermate im Programm aus, die von den Streichern der Württembergischen Philharmonie eindrucksvoll genutzt wurde, um ihren hohen Spielstandard zu demonstrieren. Mit großer Präzision und feiner Nuancierungskunst gestalteten die Instrumentalisten die Allintervall-Reihe des ersten Satzes, schärften ihren Zugriff im mittleren Stück und brachten so den aggressiven Zug dieser Musik zu beklemmender Wirkung. Im expressiven letzten Satz aber ließen es sich die Solisten nicht nehmen, die betörenden Tristan-Anklänge und die Reverenzen an die große Wiener Streichertradition herauszuarbeiten Musik, die auch bei den Gegnern der Neuen Wiener Schule volle Anerkennung findet.

Für Maestro Iimori hat die übergroße Popularität und die in tausend Tondokumenten vorliegende Interpretations-Tradition von Beethovens Fünfter offenbar nichts Lähmendes oder Verunsicherndes. Er setzte am Samstag auf das Hier und Heute und gewann mit seinem Orchester auf der ganzen Linie. Er löst ein, was Beethoven in reichlich nüchternen Worten dem ursprünglichen Besteller der Sinfonie verheißen hatte: "Das letzte Stück ist mit 2 Posaunen und Flautino zwar nicht drei Pauken, wird aber mehr Lärm als 6 Pauken und zwar besseren Lärm machen!" Die unvergleichlich dichte Binnenorganisation des ersten Satzes, und dessen motorische Vitalität lassen sich kaum schlüssiger darstellen, der vor Spannung schier berstende Übergang zwischen den Sätzen drei und vier nicht wirkungsvoller in Szene setzen.

Iimoris emotionale Beteiligung führt zu vehementem Körpereinsatz, ohne dass deswegen die genaue Zeichengebung im Detail vernachlässigt würde. Es lässt sich am Dirigentenpult natürlich auch prächtig modellieren, wenn ein so aufmerksamer Klangkörper und an den entscheidenden Punkten so zuverlässig einsetzende Soli verfügbar sind, wie es an diesem Abend der Fall war.