Lokale Kultur

"Komm, Schorschi, streng di a!"

WENDLINGEN "Georg, das ist dein Fest!" Der das sagte heißt Bruce Brookshire, stammt aus Macon in Georgia, trägt seinen blendend-weißen Stetson normalerweise als

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HEINZ BÖHLER

Frontmann von "Doc Holliday" und nennt den Deizisauer Southernrock-Haudegen Georg Bayer "my friend, my family". Georg Bayer, Leadsänger der als "beste europäische Südstaatenrockband" apostrophierte Rockband "Lizard", hatte jüngst seinen Fünfzigsten gefeiert und gab am Freitagabend unter dem enthusiastischen Jubel seiner Fangemeinde ein fantastisches Abschiedskonzert.

In seinen kühnsten Träumen, gestand der gestandene Frontmann, habe er sich eine solche Party zu seinem Rückzug aus dem Rockbusiness nicht vorstellen können. Der Ex-Manfred-Mann-Gitarrist konnte leider wegen eines Unfalls nicht kommen, doch die erste Umarmung kam von Einem, den man an diesem Abend nicht erwartet hätte: Georg Bayer und Matthias "Matze" Holtmann sind nun mal Kollegen, und, wie TV-Moderator Holtmann verriet, sogar auf zweifache Weise. Als Musiker sowieso, denn seit dem vorläufigen Höhepunkt des diesjährigen Wendlinger Zeltspektakels wissen nicht nur eingeweihte, dass Matze Holtmann auch einen passablen Drummer abgibt, wenn auch sein Schlagzeugspiel zu Lizards Einstiegssong "Riding on a train" tatkräftig von Helmut Kipp am zweiten Drumset unterstützt worden war. Doch die wenigsten werden gewusst haben, dass die Beiden sich von gemeinsamen Arbeiten beim SWR kennen, für den Bayer den Tigerentenklub produziert.

Zwei Schlagzeuge standen jetzt auf der Bühne, bevor die Musiker von "Lizard" ihre Kollegen von "Flatman" ablösten. Und Klaus Brosowskis Korg CX 3 stand am Freitagabend das Original gegenüber, nämlich Volker "Wolfman" Kunschners Hammond C3 die Annäherung an das große Vorbild "Allman Brothers Band" war perfekt. Der Sound voll und geballt, die synchron gespielten Gitarrensoli von Volker Dörfer und Christoph Berner gehören eh zum Schönsten, was Rockmusik hierzulande zu bieten hat.

Dass an so einem Abend Emotionen die Hauptrolle spielen, wurde am folgenden Song deutlich. Sänger Georg Bayer schildert im Text von "One of these days" das Schicksal vieler Freunde, die als US-Soldaten auf den Fildern stationiert waren und in den 60er-Jahren nach und nach in "große Flieger gepackt wurden und nicht mehr oder kaputt wieder kamen Remember Vietnam!"

Von den angekündigten internationalen Gästen war nur einer gekommen: Der langjährige Freund und Kollege Bruce Brookshire. Mit dem weißen Hut und den unter verwaschenen Jeans hervorlugenden Stiefelspitzen wirkt der Mann aus Georgia wie eine Gestalt aus der Trachtenecke eines Western-Austatters, spielt aber eine Gitarre, die die Songs verlässlich auf den Punkt bringt. Sparsam aber hocheffizient setzt er das Potenzial seiner Original-Telecaster überall optimal ein. Einmal auf der Bühne, übernimmt er kurzerhand das Kommando "for a couple of Doc-Holliday-Songs".

Drei Gitarren rocken und singen da plötzlich die "Route 66" entlang und der weiße Westernhut des vorzüglichen Sängers Brookshire beherrscht das Zelt für fast eine Stunde. Vorher hatte "Schorsch" Bayer noch den Mann vorgestellt, der bei "Lizard" seine Stelle einnehmen wird: Schon im Vorprogramm hatte das Publikum einen Vorgeschmack von Stefan Kossmanns Stimmgewalt bekommen, als er bei "Flatman" auch eine der drei Gitarren bediente. Nun konnte man ihn zum ersten Mal an seinem künftigen Platz, am Mikrofon der besten europäischen Southern-Rockband, erleben. Bei "Gimme back my Bullets" macht der 24-Jährige überzeugend deutlich, dass er zur Pflege seiner Stimmbänder nur Reibeisen verwendet.

Nach zwei weiteren Songs aus dem Lizard-Repertoire war klar, dass sich der scheidende Vokalist um die Zukunft seines Babys wenig sorgen machen muss und nachdem die Musiker gemeinsam mit Bruce Brookshire und dem alten Stevie-Winwood-Dauerbrenner "Gimme some loving" die Stimmung im Zelt schon fast bis zum Siedepunkt aufgeheizt hatten, kam Georg Bayer noch einmal zurück auf die Bühne. Was mag in einem Musiker vorgehen, wenn er auf die Bühne geht und weiß: "Das ist jetzt dein letzter Auftritt. Ein Lebensabschnitt, der dich zwanzig oder mehr Jahre geprägt hat, geht jetzt, genau jetzt, zu Ende: Das ist dein letzter Song"? Die Antwort kommt aus der Menge: "Komm, Schorschi, streng di a", ruft einer und der Schwabe versteht und lässt sich diese Aufforderung nicht zweimal sagen.

Der Song aus der Feder von Freund Bruce, "Lonesome Guitar, take me home", gerät an diesem Abend im Wendlinger Zelt zu einer Hymne auf eine abgelaufene Ära. Noch einmal gaben die inzwischen zehn Musiker alles und sorgten unter frenetischem Beifall der mehr als 600 Schorsch-Bayer-Fans für ein solch farbenprächtiges musikalisches Feuerwerk, dass dieses fünfstündige Konzert mit Sicherheit als legendärer Meilenstein in die Geschichte des Zeltspektakels eingehen wird.