Lokale Wirtschaft

Konjunktur-Hoch führt nicht zwangsläufig zur Trendwende

Zur Verabschiedung von Regionalbereichsleiter Werner Löffler hatte die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen einen der renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands nach Kirchheim eingeladen. Professor Dr. Dr. h.c. Hans-Werner Sinn erklärte vor vollem Haus, "warum es wieder aufwärts geht".

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Die gute Nachricht war bereits im Titel des Vortrags enthalten: "Es geht wieder aufwärts." Doch Hans-Werner Sinn, der seit 1984 den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München innehat und seit Februar 1999 Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung ist, deckte in seiner Analyse der augenblicklichen Lage auch etliche Schwächen des Booms auf. Eines seiner Fazits lautete: "Wir haben einen robusten Aufschwung, aber wir brauchen strukturelle Verbesserungen."

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Den wichtigen Unterschied zwischen einem strukturellen und einem rein konjunkturbedingten Aufschwung erläuterte Professor Dr. Hans-Werner Sinn anhand der deutschen Arbeitslosenstatistik seit 1970. Die Entwicklung sei in regelmäßigen Zyklen verlaufen. Jeweils zum Ende des Kalenderjahrzehnts habe die Konjunktur Hochphasen aufgewiesen. Entsprechend niedrig waren die Arbeitslosenzahlen. Allerdings lagen sie nach dem Ende eines Booms grundsätzlich höher als nach dem Ende des vorherigen Booms. Unabhängig von den jeweiligen Konjunkturphasen weist der strukturelle Trend also eine linear steigende Arbeitslosigkeit in Deutschland auf.

Im Lauf des Jahres 2006 sei die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von 4,9 Millionen auf 4,5 Millionen zurückgegangen. Für Ende 2007 sagen die Prognosen eine Zahl von unter vier Millionen voraus. Letztmals habe es solche Zahlen im Winter 2001 gegeben, während der letzten Hochphase. Vergleichbar seien die Daten aber keineswegs. 400-Euro-Jobs, Ich-AGs und Ein-Euro-Jobs hätten lediglich dafür gesorgt, "dass wir optisch wieder bei dieser Beschäftigungszahl sind". Weniger erfreulich sei die Statistik dagegen, wenn man bedenke, dass sich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse seit dem letzten Boom um 1,2 Millionen verringert hat.

Ob die derzeitige Entwicklung zu einer Trendwende führt, ob also aus der konjunkturellen auch eine strukturelle Wende wird, sei derzeit noch nicht absehbar, erklärte der Ökonom aus München. "Da müssen wir auf die nächste Flaute warten", fügte er hinzu und erinnerte daran, dass sich erst dann der Trend erkennen lässt. Dass die nächste Flaute kommt, daran ließ Hans-Werner Sinn keinen Zweifel: "Wir haben einen starken Boom, der vielleicht sogar bis zum Ende des Jahrzehnts anhält. Aber danach kommt wieder eine Wirtschaftsflaute. Das ist ganz sicher, so ist das überall."

Wenn Deutschland die Trendwende schaffe, könne das "vielleicht an Schröder" liegen, "vielleicht an den Hartz-Reformen". Auf jeden Fall wirkt sich die aktuelle Politik nicht sofort und unmittelbar auf die Wirtschaft und das Wirtschaftswachstum aus. Großbritannien beispielsweise habe zwischen 1995 und 2005 eine bemerkenswerte Wachstumsrate von 32 Prozent zu verzeichnen gehabt. Die Grundlagen dafür seien aber wesentlich früher geschaffen worden, betont Professor Sinn: "Das sind die Spätfolgen der Reformen von Margaret Thatcher." Tony Blair habe lediglich die Früchte geerntet.

So habe auch der aktuelle Aufschwung in Deutschland nichts mit den Reformen der derzeitigen Bundesregierung zu tun, betonte der Redner gleich zu Beginn seiner Ausführungen in der Kundenhalle der Kirchheimer Kreissparkasse. "Leider ist der Aufschwung nicht hausgemacht", bedauerte er. Deshalb bleibt auch zu befürchten, dass das konjunkturelle Hoch keine strukturelle Wende auslösen wird. "Auf der ganzen Welt, auf allen Kontinenten haben wir gerade einen ganz starken Wirtschaftsaufschwung. Das hat es noch nie gegeben." Allerdings sei der Euro-Raum diejenige Region, die am langsamsten wachse, wenn auch auf hohem Niveau. Das stärkste Wachstum habe China zu verzeichnen, gefolgt von Indien. Auch die neuen EU-Länder erreichen den Durchschnitt des weltweiten Wirtschaftswachstums, der sich seit vier Jahren bei etwa fünf Prozent eingependelt hat. Im Euro-Raum habe das Wachstum 2006 dagegen bei 2,7 Prozent gelegen, für 2007 sind 2,2 Prozent prognostiziert.

Innerhalb der EU habe Deutschland aber noch ein zusätzliches Problem, das aus folgender Definition Hans-Werner Sinns für die Staatengemeinschaft herauszuhören ist: "Die Europäische Union ist eine Einrichtung zur Überwindung der Nachteile der Kleinheit." Insbesondere die kleinen Länder profitierten vom europäischen Binnenmarkt, durch den sich der Absatzmarkt ihrer Unternehmen enorm vergrößert hat. Als Paradebeispiel dafür nannte der Münchner Wirtschaftsexperte die Republik Irland: "Vor 30 Jahren war Irland noch das Armenhaus Europas." Zwischen 1995 und 2005 habe es dort allerdings ein Wachstum von 105 Prozent gegeben "wie in Deutschland während der Wirtschaftswunderzeit zwischen 1950 und 1960".

Ein weiteres strukturelles Problem in Deutschland sind Hans-Werner Sinn zufolge fehlende Investitionen. Wenn die Wirtschaft boomt, werde in neue Gebäude und neue Maschinen investiert. Durch die Maschinen wiederum würden neue Arbeitsplätze geschaffen: "Diese kapazitätserweiternde Funktion ist die eigentliche Quelle des wirtschaftlichen Wachstums, das ist die berühmte Binnennachfrage." Sinn kritisiert überzogene Forderungen nach Lohnerhöhung. Die Produktivität in Deutschland sei im Vergleich zu den Lohnkosten zu gering, und auf die Binnennachfrage wirke sich der private Konsum ohnehin nicht so stark aus wie die Investitionen der Unternehmer.

Aber gerade diese Investitionen kommen in weit geringerem Maße, als es möglich wäre: 183 Milliarden Euro an Erspartem standen 2006 in Deutschland für Investitionen zur Verfügung, rechnete der ifo-Präsident vor. Tatsächlich seien aber nur 75 Milliarden Euro im Inland investiert worden. Der beachtliche "Rest" von 108 Milliarden Euro sei ins Ausland geflossen. Dorthin werden dem Experten zufolge auch weiterhin viele Arbeitsplätze verlagert, wenn die Löhne in Deutschland zu sehr steigen.

Doch selbst die Waren sollten nicht im Übermaß ins Ausland geliefert werden, warnte Hans-Werner Sinn in Kirchheim vor der Kehrseite der Medaille eines Waren-Export-Weltmeisters: "Wenn wir nur über den Export jubeln und dabei die schrumpfenden Binnensektoren nicht berücksichtigen, machen wir es wie ein Bauer, der die Steigerung der Roggenproduktion bejubelt, dabei aber vergisst, dass er keine Gerste mehr anbaut, seit er seine Gerstenfelder in Roggenfelder umgewandelt hat."

Wenn sich aber die Leistungsbilanzsalden im Exportgeschäft so extrem negativ entwickeln wie derzeit in den USA, dann ist das ebenfalls der falsche Weg. "Die Amerikaner kaufen mehr Waren und Leistungen aus dem Ausland ein als sie selbst verkaufen. Das Geld bekommen sie dadurch, dass sie eigene Wertpapiere verkaufen", erklärte der Wirtschaftswissenschaftler. Auf Dauer könne dieses System nicht gut gehen. Irgendwann lasse sich der Luftballon nicht mehr weiter aufblasen und platze. Wann genau das sein wird, lasse sich nicht voraussagen. Aber wenn es passiert, sänken entweder die amerikanischen Aktienkurse oder der Dollar. Das jeweilige Ausmaß sei ebenfalls nicht prognostizierbar. Immerhin jedoch leitete Hans-Werner Sinn aus den Aussichten für die USA einen Tipp ab: "Jetzt kein Geld dort anlegen."

Ähnlich einfache Patentrezepte für die deutsche Politik hatte der ifo-Präsident bei seinem Vortrag in Kirchheim allerdings nicht feilzubieten.