Kirchheim

Kühe machen Mühe

Faire Milchpreise sind für Landwirte überlebensnotwendig

Als Milchbauer sein Geld zu verdienen, ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Der vielen Arbeit steht ein lächerlich niedriger Milchpreis entgegen.

Milchkühe sorgen an 365 Tagen im Jahr für viel Arbeit, verdient ist an der Milch jedoch nichts.Foto: Daniela Haußmann
Milchkühe sorgen an 365 Tagen im Jahr für viel Arbeit, verdient ist an der Milch jedoch nichts.Foto: Daniela Haußmann

Region. Rund 70 Milchkühe stehen im Stall von Andreas Schmid. 14  Stunden dauert sein Arbeitstag. Urlaub hat der Landwirt aus Ochsenwang keinen, schließlich müssen die Tiere jeden Tag gepflegt, gefüttert und gemolken werden. Obwohl Schmid für zwei arbeitet, liegt sein Stundenlohn unterhalb des Mindestlohns. Dass der Milchpreis eingebrochen ist, ist für den Landwirt dramatisch. Mehrere Tausend Euro, die er vor dem Einbruch größtenteils in den Betrieb investierte, gehen ihm monatlich verloren – was bleibt, sind die Fixkosten. Doch Aufgeben kommt für Schmid und seine Familie nicht infrage, dafür liegen ihm der Betrieb und die Tiere viel zu sehr am Herzen. Der aktuelle Milchpreis führt laut Siegfried Nägele, Vorsitzender der Kreisbauernverbands, zu einem Einkommensverlust von rund 100 Euro pro Kuh jeden Monat.

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Etwa 2 000 Euro investiert ein Landwirt ohne Arbeitsaufwand jährlich in jedes einzelne Tier.„Dieser Wert variiert natürlich von Betrieb zu Betrieb“, sagt Nägele. „Um über die Runden zu kommen, sollte ein Bauer mindestens 35 Cent und mehr pro Liter Milch bekommen.“ Damit ein Landwirt „erträglich, ordentlich und nachhaltig wirtschaften kann“, müsse er schon mehr als 40 Cent für einen Liter Milch erhalten. Unterm Strich verdiene ein Bauer, der im Jahr rund 3 000 Stunden arbeite, um die fünf Euro in der Stunde.

Der Milchmarkt ist umkämpft, viele Faktoren spielen eine Rolle. Zum einen sorgt das Russland-Embargo für einen Rückgang beim Milchexport. „Die russische Nachfragmenge entsprach in der Größenordnung der Milchproduktionsmenge von Thüringen und Hessen“, sagt Siegfried Nägele. Zum anderen sorgt laut Andreas Schmid die gesunkene Milchpulver-Nachfrage Chinas, als größtem Abnehmer der deutschen Milch, für Überkapazitäten am Markt. Zusätzlich sank aufgrund des gefallenen Ölpreises die Kaufkraft der Erdöl exportierenden Staaten. „Das führt zu einem Überangebot, das für die Erzeuger ruinös auf die Preise drückt“, bilanziert er. Angesichts der weltwirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ist es nach Ansicht von Andreas Schmid leicht zu sagen, dass die Landwirte zu viel produzieren, wenn ein Drittel der Weltbevölkerung hungert. „Wir würden gerne ohne Subventionen leben“, sagt Annette Schmid. „Aber wir müssen auch in der Lage sein, in den Betrieb zu investieren, um beispielsweise Maschinen am Laufen zu halten, Geräte, Dünger und Pflanzenschutzmittel anzuschaffen oder um den Tierarzt zu bezahlen, der alle zwei bis drei Wochen vorbeischaut.“

Vor knapp zwei Jahren haben die Schmids einen neuen, großen, licht- und luftoffenen Stall gebaut, der den Kühen genügend Bewegungsfreiheit und jedem einzelnen Tier einen Liegeplatz bietet. „Der muss abzahlt werden“, sagt die Wirtschaftsingenieurin. „Wir wussten natürlich, dass 2015 die Milchquote wegfallen wird, aber dass der Markt derart einbricht, war nicht vorherzusehen.“ In der jetzigen Situation müssen Reparaturen warten und technische Anschaffungen aufgeschoben werden, wie Annette Schmid berichtet. „Bis die Erzeuger die derzeitigen Einbußen wieder reingeholt haben, wird viel Zeit vergehen“, sagt Siegfried Nägele. „In etlichen Betrieben wird es einen Investitionsstau geben, der auf mehrere Jahre verteilt abgebaut werden muss.“

Vorausgesetzt die Produzenten halten so lange durch. Laut Nägele gab es in Baden-Württemberg vor Einführung der Milchquote rund 80 000 Betriebe, die Milch produzierten. Jetzt seien es landesweit nur noch etwa 8 000. „Im Landkreis Esslingen gibt es etwa 650 Landwirtschaftsbetriebe, davon sind keine 100 mehr Milchbauern. Bezogen auf die letzten 30 Jahre sind damit noch zehn Prozent übrig geblieben, die mit Milchwirtschaft ihr Geld verdienen“, so der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes. „Im Zeitraum, in dem die Quote Bestand hatte, haben circa 90 Prozent der Betriebe – bedingt durch den mit ihr einsetzenden Strukturwandel – aufgehört.“ Immer schärfere Auflagen und ein steigender Bürokratieaufwand zwangen laut Andreas Schmid viele Betriebe zur Aufgabe.

Familie Schmid hat in der Zwischenzeit versucht, ihre Milch direkt zu vermarkten und eine Anzeige geschaltet. „Natürlich ist Ochsenwang dafür kein günstiger Standort, und das Angebot muss sich erst herumsprechen“, sagt Annette Schmid, die berichtet, dass gerade einmal drei Verbraucher auf den Hof kamen und einen Liter Milch für 60 Cent kauften. Sie würde sich wünschen, dass der Konsument den Aufwand der Bauern mehr schätzt, der in die Erzeugung hochwertiger landwirtschaftlicher Produkte investiert wird. „Jeder spricht davon, dass Nahrungsmittel vor der Haustüre erzeugt und gekauft werden sollen, aber dann muss das auch honoriert werden“, bilanziert sie.

Nahrungsmittel müssen ihren Preis habenInterview

Siegfried Nägele
Siegfried Nägele

Herr Nägele, schon wieder Subventionen für die Landwirtschaft. Was sagen Sie dazu?

 

SIEGFRIED NÄGELE: Die Bezeichnung Subvention trifft den Sachverhalt meines Erachtens nicht. Aufgrund politischer Sanktionen wurde mit dem Russland-Embargo ein gut funktionierender Markt lahmgelegt. Das kann nicht die Landwirtschaft als wirtschaftlich Hauptbetroffener alleine tragen. Als im Jahr 2009 die Abwrackprämie für die Verschrottung relativ junger Fahrzeuge von staatlicher Seite gezahlt wurde, ging kein Aufschrei durch die Bevölkerung. Dabei war die Prämie nichts anderes, als eine Subvention für die Automobilwirtschaft in einer viel größeren Dimension. Eines muss klar sein: Wenn die Landwirtschaft vollends ausgequetscht wird, dann fällt sie zumindest in der Form einer bäuerlichen familiengetragenen Landwirtschaft als Partner in Zukunft weg. Da droht nicht mehr der bisherige Strukturwandel, sondern ein großer Strukturbruch hin zu Import und industriellen Produktionen.

 

 

Sie wollen nicht von Subvention sprechen. Welchen Begriff wählen Sie?

 

NÄGELE: Es sind Ausgleichsleistungen für hohe Produktions- und Umweltstandards, welche die Politik und die Gesellschaft in unserem Hochlohnland für eine moderne Landwirtschaft haben will. Wie die Buchführungsergebnisse der landwirtschaftlichen Betriebe jedoch zeigen, führt das nicht zu hohen Einkommen der Bauernfamilien. Vielmehr profitiert unsere Gesellschaft, die Industrieexportnation. Gerade in Deutschland trägt der Verbraucher, bedingt durch günstige Preise, die geringsten Ausgaben für hochwertigste Nahrungsmittel, die im globalen Preiswettbewerb stehen.

 

 

Was bedeutet ein Strukturbruch für die Tierhaltung, die oft mit Blick auf die Landwirtschaft kritisiert wird?

 

NÄGELE: Im internationalen Vergleich hat Deutschland sehr hohe Auflagen, was artgerechte Tierhaltung und Flächenbewirtschaftung in landwirtschaftlichen Betrieben anbelangt. Die Einhaltung wird von den Behörden streng geprüft. Wenn es die Landwirte vor der Haustüre nicht mehr gibt, muss sich der Verbraucher mit den Bedingungen arrangieren, unter denen Bauern in anderen Ländern die Importware für den deutschen Markt erzeugen. Unsere Kulturlandschaft würde erheblich darunter leiden.

 

 

Könnte in der Diversifikation eine Chance liegen, um Marktschwankungen auszugleichen?

 

NÄGELE: Diversifikation, also Produkte auf neuen Märkten anzubieten oder neue Produkte ins landwirtschaftliche Sortiment aufzunehmen, kann für einen Teil der familiengeführten Betriebe durchaus eine Lösung sein. Allerdings lässt sich derzeit weder mit Weizen noch mit Fleisch, Obst und Gemüse das große Geld verdienen. Das Russland-Embargo hat auch hier durch den fehlenden Absatz den Markt lahmgelegt.

 

 

Bietet der regionale Markt Chancen?

 

NÄGELE: Die Potenziale des regionalen Marktes sollten auf jeden Fall genutzt und ausgeschöpft werden. Allerdings müssen die Betriebe dann darauf achten, dass es auch arbeitswirtschaftlich leistbar und rentabel ist. Neue Ideen, Angebote und Standorte sollten überlegt werden. Unendlich lassen sich aber auch Direktvermarktung und Hofläden nicht verdichten.

 

 

Diversifikation rettet die Landwirtschaft also nicht?

 

NÄGELE: Sie hilft schon, aber nicht alleinig. Außerdem bedeuten mehr Standbeine einen größeren Aufwand und steigende Kosten. Wer in die Direktvermarktung und andere Angebote einsteigt, muss auch hier Geld investieren und gegebenenfalls Personal einstellen. Das geht nicht von heute auf morgen, und die Direktvermarktung muss zum Betrieb passen.

 

 

Wie sieht es mit der Biomilch aus?

 

NÄGELE: Der Preis bei der Biomilch ist derzeit stabil. Er bewegt sich zwischen 45 und 50 Cent pro Liter. Die Erzeuger produzieren für einen Markt, der vier bis fünf Prozent der Verbraucher erfasst, die bereit sind, für Milch mehr zu bezahlen. Das ist nicht beliebig ausbaubar, ohne dass auch hier Nachfrage und Angebot auseinanderlaufen.