Lokale Kultur

Künstlerische Höhepunkte mit Herz, Holz und "Blamage"

LENNINGEN

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Moderne Kunst und mondäne Kultur hielten am Wochenende Einzug in die altehrwürdigen Mauern des Oberlenninger

BIANCA LÜTZ

Schlössles: Mit einer gelungenen Fusion aus Malerei und Varieté hinterließ die mittlerweile zweite Vernissage des Künstlers Rainer Hoffelner in Lenningens "bester Stube" einen bleibenden Eindruck. Dafür sorgten sowohl die ausdrucksstarken, farbenfrohen Exponate des Oberlenninger Malers als auch das "betörende" und teilweise provokative Rahmenprogramm der Travestiekünstlerin Daphne Blamage.

Die jüngste Ausstellung Rainer Hoffelners dokumentiert einen weiteren "Sprung" in seiner künstlerischen Entwicklung. Zwar ist der Lenninger Maler bei aller Progression seiner Linie treu geblieben: Sämtliche Bilder strahlen eine gewaltige positive Energie aus und heben mit Motiven und Farbgebung die Laune. Selbstverständlich sind auch Hoffelners Markenzeichen nach wie vor präsent: Seine "Männle" kleine, liebevoll ausgestaltete Tuschefiguren turnen stets akrobatisch über die bunten Leinwände.

Gleichzeitig jedoch bereichern neue Materialien, Mittel und Motive die aktuellen Werke. Goldene und bronzene Flächen und Linien verleihen einen extravaganten, edlen Touch, so etwa der riesige, goldene "Vollmond", der sich über vier quadratische Leinwände erstreckt und vor leuchtend blauem, mit glitzerndem "Sternenstaub" versehenem Hintergrund prangt. Nicht immer tritt das Edelmetall in großen Flächen auf. Manchmal dient der metallische Glanz nur als kleines Detail, etwa als Rahmen für weiße Quadrate im roten "Egalwierumbild". Der Arbeitstitel des Werks in extremem Längsformat verweist übrigens darauf, dass das Bild quer oder hochkant aufgehängt werden kann, ohne die kleinen Tuschefiguren, die um die weißen Quadrate herumturnen, in ein falsches Licht zu rücken.

An Bedeutung gewonnen hat in Hoffelners Werk auch der Einsatz von Naturmaterialien und ihre Verknüpfung mit Malerei. Auf verschiedene Weise setzt der Lenninger die von ihm angestrebte "Symbiose von Natur und Kunst" um. Aus der Mitte einer knallgelben Leinwand etwa ragt eine glattpolierte Wurzel hervor. Sie dient Hoffelner als eine Art "Augenöffner", soll den Blick und die Herzen der Menschen für die Natur öffnen und gleichzeitig mit der Kunst ein Stück Natur in die Wohnung holen. In seinen "Standbildern" verbindet Hoffelner Steine mit mannshohen Holzbrettern und befestigt daran Männle- oder Herzbilder. Das Herz ist in der aktuellen Ausstellung ein immer wiederkehrendes Motiv. Für den Lenninger Künstler stellt es ein Sinnbild für Freude, Glück und gute Laune dar und bietet damit auch ein bedeutendes Mittel, um das für ihn wichtigste Ziel von Kunst zu erreichen: "Ein Lächeln auf die Lippen der Betrachter zu zaubern."

Ausschweifende Interpretationen und fachmännische Kommentare zum Werk Hoffelners blieben bei der Vernissage außen vor. Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht, für den die Kunst seines Freundes Rainer Hoffelner "schon zum Ortsbild Lenningens" gehört, stellte in seiner Eröffnungsrede diesbezüglich fest: "Der Fachmann ist jeder selbst." Schlecht verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Tatsache, dass Hoffelner bewusst darauf verzichtet, seine Werke zu betiteln. So bleibt jedem Betrachter genügend Freiraum für eigene Auslegung und Sinngebung.

Beeindruckend waren bei der Ausstellungseröffnung, die vom Förderkreis Schlössle und der Bücherei Lenningen veranstaltet wurde, jedoch nicht allein die Werke Rainer Hoffelners. Für Aufsehen und Gesprächsstoff sorgte an dem Abend auch das Rahmenprogramm von Daphne Blamage alias Dirk Bieling und ihrem Pianisten Peter Maile. Auf die Melodie von George und Ira Gershwins "I Got Rhythm" stellte sich die Travestiekünstlerin singend mit "Hier kommt Daphne" vor und ordnete sich selbst die Attribute "blamabel", "geschlechtsneutral" und "radikal" zu. Im Laufe ihrer Vorstellung zeigte sich Daphne von den unterschiedlichsten Seiten: Mal in ein rotes Samtkleid gehüllt, mal in ein kleines Schwarzes, geizte sie nicht mit "weiblichen" Reizen. Sie kommentierte die Papstwahl, plauderte über ihre einschlägigen Erfahrungen mit Männern, interpretierte Udo Jürgens, Jacques Brel und hauchte eine selbst getextete und von Peter Maile komponierte Ballade ins Mikro.

Mit messerscharfen Kommentaren, makabren Texten und intimen Bekenntnissen touchierte Daphne Blamage Themen, bei denen dem Publikum hin und wieder eine leichte Röte ins Gesicht stieg, jedoch immer, ohne die Grenze des guten Geschmacks zu überschreiten. Unter Beifall der zahlreichen Vernissage-Besucher scheute sie nicht davor zurück, mit männlichen Besuchern zu flirten und sich von einem den Reißverschluss ihres Abendkleides öffnen zu lassen, um darunter keineswegs nackt, sondern im farbenprächtigen Cocktailkleid zu erstrahlen.

Johlen und Pfiffe begleiteten Daphne, als "sie" bei der Zugabe äußert männlich ohne Perücke erschien, ihren schwarzen Mantel von sich warf und sich nur mit Korsett, Strapsen, Stringtanga und hohen schwarzen Stiefeln bekleidet unter das Publikum mischte. Aus voller Kehle schmetterte sie den Titel "Sweet Transvestite" aus der Rocky Horror Picture Show, marschierte aufreizend durch die Gänge und sorgte so für einen denkwürdigen Abschluss eines kreativen und unkonventionellen Vernissage-Abends.

INFODie Werke Rainer Hoffelners sind noch bis Mitte Mai im Lenninger Schlössle zu den Öffnungszeiten der Ortsbücherei zu besichtigen.