Lokale Kultur

Kulturelle Begegnung als Beitrag zur Völkerverständigung

KIRCHHEIM Über eine Woche lang waren Mitglieder des Bayan-Orchesters und des Balalaijetschka-Tanzensembles Sankt Petersburg in der Neckar-Region auf Tour. Eine kleine Kostprobe ihres virtuosen Könnens konnten Kirchheimer Marktbesucher am Samstagmorgen

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WALTER RINGS

vor dem Max-Eyth-Haus erleben: bei einer Einladung zu den weiteren Auftritten. Bereits am Tag zuvor hatten die jungen Künstler im Leibniz-Gymnasium in Feuerbach getanzt und gespielt, es folgten Auftritte unter anderem in der Rudolf-Steiner-Schule in Nürtingen und in der Johanneskirche und im Robert-Bosch-Gymnasium in Wendlingen.

Besondere Höhepunkte waren sicherlich am Sonntagabend die auf Einladung des Kulturrings Kirchheim und der Freien Waldorfschule zu Stande gekommene Aufführung in der stimmungsvollen, hierzu bestens geeigneten Aula der Waldorfschule in Ötlingen und am Dienstag in der evangelischen Auferstehungskirche in Denkendorf, wo die Akteure mit Standing Ovations gefeiert wurden. Hinzu kamen künstlerische Begegnungen mit dem Köngener Erwachsenen-Akkordeonorchester, mit dem Wendlinger Jugend-Akkordeonorchester und in Reichenbach mit einer Gruppe, die sich um die Tänze verschiedener Völker in ihrer ursprünglichen Art bemüht.

Die Tanzgruppe unter der Leitung von Tatiana Gregoriejewna Solotkina und das Bayan-Orchester unter der Leitung von Natalia Nikolaewna Abaydulova sind international anerkannte und immer wieder zu Auslandstourneen eingeladene Eliteensembles. Sie bestehen aus Kindern und Jugendlichen, die, obwohl sie ihre Kunst als Hobby betreiben, professionelles Niveau erreichen. Sie zeugen von dem einzigartigen Rang, den die Musik- und Tanzförderung in Russland einnehmen.

Wem es vergönnt war, die jungen Künstler bei den Proben zu erleben, konnte sehen, wie solche Höchstleistungen und solche Perfektion nur durch einen hohen Anspruch an sich selbst, durch harte Arbeit und unnachgiebige Disziplin erreicht werden.

Der Anitschkow-Palast, die Heimstatt des Bayan-Orchesters, ist übrigens der Palast, in dem Olga (1822 1892), Tochter des Zaren Nikolaus I. und Frau des württembergischen Königs Karl, aufgewachsen ist. Die Gründung dieses Orchesters geht auf die 28 Monate dauernde Blockade Sankt Petersburgs durch deutsche Truppen zurück, als die Künstler der Stadt versuchten, den eingeschlossenen Menschen Durchhaltemut und auch ein wenig Freude zu vermitteln.

Wenn man bedenkt, dass Hitler Sankt Petersburg, eine der schönsten Städte der Welt, "vom Erdboden verschwinden lassen" wollte und die Belagerung der Stadt schätzungsweise 1,2 Millionen Tote forderte, dann kann man die Wichtigkeit dessen erahnen, worauf der Leiter des Kirchheimer Kulturrings, Gerhard Fink, bei der Begrüßung in Ötlingen hinwies, nämlich, dass eine solche kulturelle Begegnung gerade mit jungen Menschen auch ein wichtiger Beitrag zur Völkerverständigung ist nach den Furchtbarkeiten der Vergangenheit eine Hoffnung für die Zukunft.

Das Orchester, unter dem äußerst feinfühligen Dirigat seiner Leiterin, präsentierte russische Volksweisen voller Melancholie oder auch sprühend vor Lebensfreude, aber auch amerikanische Musik sowie Werke von Johann Sebastian Bach. Wie musikantisch-fetzig ein Boogie oder der Tango von Astor Piazolla gespielt wurden, war einfach umwerfend. Und Bach auf dem Akkordeon? Die Sarabande und das Menuett aus der h-Moll-Suite (BWV 1067) zum Beispiel wurden höchst sensibel, mit markant-bestechender Phrasierung und fein nuancierter, kontrastreicher Dynamik vorgetragen: das war absolute, das heißt auch von der Bindung an eine bestimmte Orchestrierung, freie Musik.

Die Tanzgruppe begeisterte mit ihren akrobatischen oder heiter-witzigen oder auch ernsten Darbietungen, mit Folklore und Ausdruckstanz. Die wunderschönen, stets wechselnden und auf den Charakter der jeweiligen Tänze abgestimmten und auch noch selbst geschneiderten Kostüme waren eine Augenweide. Bei den Tänzen durfte "Kalinka" natürlich nicht fehlen. Doch am ergreifendsten war wohl der für den 60. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges choreografierte Tanz, der die Trauer um die Kriegsopfer ausdrückte. Da ging einem der Irrsinn jeglichen Krieges und Völkerhasses unter die Haut.

Die Programme zeichneten sich durch eine ausgewogene Vielseitigkeit aus, und die jeweilige Ausführung bestach durch mitreißende Verve und höchste Präzision. Die zahlreichen Besucher ließen sich dann auch immer wieder zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen.