Lokale Kultur

Kunst als ideales Mittel, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen

KIRCHHEIM Wer die Ausstellungsräume der Sammlung Nöth in der Jesinger Straße 15 in Kirchheim erstmals betritt, muss eigentlich sofort begeistert oder aber eher befremdet sein. Besucher begegnen hier einer atemberaubenden Vielfalt

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WOLF-DIETER TRUPPAT

an Farben, Formen und Figuren in Form von Fotografien, Stelen, Skulpturen und Schmuckstücken, Masken und Möbeln, Objekten und natürlich der Omnipräsenz von Bildern in unterschiedlichsten Formaten und fundamental von Exponat zu Exponat sich unterscheidenden Techniken und Stilen.

Beim Betreten des Kunstlicht durchfluteten Ausstellungsraums springt eine fast deckenhohe Metallarbeit sofort ins Auge. Eindrucksvolle Größe mit Eleganz und filigraner Ästhetik verbindend, zieht Bernd Hennigs "Tango I" die ganze Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich. Auch wer sich schon den alles strukturierenden Führungen der Galeristin und leidenschaftlichen Sammlerin Doris Nöth durch das vermeintliche "Sammelsurium" anvertraute, wird staunen, denn "Tango I" steht erst seit wenigen Wochen im Entree. Die diametral zum Eingangsbereich und damit praktisch "im hintersten Winkel" angeordnete Arbeit "Tango II", die mit ihrem grellroten Neonlichtblitz einen provozierenden Akzent setzt, hat Doris Nöth vor immerhin schon 25 Jahren gekauft.

"Tango I" wurde ihr erst vor wenigen Wochen von Bernd Hennig angeboten als Geschenk an eine Galeristin, die immerhin schon seit weit über 35 Jahren Qualität entdeckt, erkennt und fördert, vor allem

O:7060503.JP_aber auch immer wieder aufstrebende Künstler durch Ankäufe erkennbar ernst genommen hat. Dem atemberaubenden Angebot, beide Arbeiten in ihrer eindrucksvollen Sammlung zusammengeführt zu sehen, konnte Doris Nöth sich und ihren Besuchern nicht versagen. Das aus alter Freundschaft heraus gemachte Angebot Bernd Hennigs musste sie einfach annehmen.

Das beim Eintauchen in die Sammlung Nöth unvermeidliche Wechselbad unterschiedlichster Stile und Zeitepochen macht eines sofort deutlich: Jedes einzelne Ausstellungsstück hat seine eigene interessante Geschichte und ist meist auch Ausdruck einer langen persönlichen Beziehung, oft auch einer die Künstler und Galeristin verbindenden engen Freundschaft.

Ganz besonders trifft das auf das berühmte Kirchheimer Original "Webers Carle" zu. Doris Nöth hatte auf einer langen Busfahrt nach Frankreich Gelegenheit, ihn hautnah kennenzulernen, da bei ihrer nicht allzu frühen Ankunft nur noch ein Platz im Bus frei war. Carl Webers "eigenartiger Humor" habe sich ganz gut mit ihrem vertragen, stellt Doris Nöth rückblickend fest.

Die ganze Fahrt nach Frankreich und zurück mit dem Kirchheimer Künstler zu verbringen, empfand sie trotz aller anfänglichen Begeisterung über diese erste zufällige Begegnung als eher auch "anstrengend". Sie zog es nach einem intensivem Gedankenaustausch daher vor, sich auf den Notsitz neben dem Fahrer zu "retten". Diese erste Begegnung begründete eine lebenslange enge Verbindung. Wie Dr. Ingeborg Ströle in ihrem Buch über das Kirchheimer Original Carl Weber schreibt, fand der Künstler "in allen Lebenslagen" Hilfe bei Doris Nöth.

Das außerhalb des öffentlich zugänglichen Ausstellungsbereichs aufbewahrte Bild mit dem beziehungsreichen Titel "Verwelkte Rosen" ist eine der letzten Arbeiten, die Carl Weber verwirklichte. Nach seinem Tod konnte Doris Nöth auch dieses Bild erwerben und dem kantigen Kirchheimer Original in ihrer einzigartigen Sammlung einen Ehrenplatz geben. Das Bild befindet sich in ihren Privaträumen, wo sich neben kuriosen Kopfbedeckungen im Bad auch noch manch andere Schmuckstücke entdecken lassen, die entscheidend mit dazu beitragen konnten, den guten Ruf der sich vorwiegend auf Kunst aus dem süddeutschen Raum sich konzentrierenden Sammlung Nöth zu begründen.

Doris Nöth ist zweifellos eine hervorragende Gastgeberin, die es vor allem versteht, ihre gelebte Freude an der Kunst großzügig mit ihren Besuchern zu teilen und sie damit zu beschenken. Ganz besonders dankbar ist sie vor allem auch für die vielen Begegnungen mit psychisch erkrankten Menschen. Mit ihnen über Kunst ins Gespräch zu kommen, hat die offene und an all ihren Mitmenschen sehr interessierte Galeristin schon immer fasziniert. Sehr häufig hat ihr dabei ein interessanter Gedankenaustausch völlig neue Aspekte und Interpretationsmöglichkeiten der ausgestellten Arbeiten vermitteln können.

Doris Nöth war nicht nur zehn Jahre aktiv im Kunstbeirat der Stadt tätig, sie arbeitete auch viele Jahre im "Buschcafé", einer Einrichtung der Diakonie im "Eckpunkt", die psychisch Kranken zur Anlaufstelle geworden ist. Seit Gründung der Beschwerdestelle für psychisch Kranke ist sie auch Ansprechpartnerin für den Kirchheimer Raum. Die Mitarbeiter des "Buschcafes" nutzen immer wieder gern das für alle kunstinteressierte Menschen geltende großzügige Angebot Doris Nöths, die nach entsprechender telefonischer Voranfrage unter 0 70 21/60 71 gerne und kostenlos die Pforten ihrer imposanten Sammlung der Gegenwartskunst öffnet.

Durch ihren Beruf als Zahnärztin hat Doris Nöth im Lauf vieler Jahre auch sehr viele Menschen kennen gelernt. Sie ist nicht nur kunstbeseelt, sondern auch ungemein sozial engagiert und das oft weit über den Toleranzrahmen ihres engsten Freundes- und Verwandtschaftskreises hinaus. Die "starke Helferin" Doris Nöth kennt schließlich nicht nur viele Museen und Galerien, sondern auch verschiedene Gefängnisse von innen. Als einst einer ihrer Patienten nicht zum vereinbarten Termin in der Praxis erschien, erfuhr sie tags darauf den Grund dafür. Er war völlig überraschend verhaftet worden und für Doris Nöth war sofort klar, dass sie vermutlich eine der wenigen sein wird, die den Kontakt zu ihm auch weiterhin regelmäßig aufrecht erhält. Sehr engen Kontakt hatte sie auch zu einem anderen Gefängnisinsassen, dem sie in der einer langen Haftstrafe folgenden Zeit als Freigänger ihr Haus als Zufluchtsort öffnete. "Er ist eigentlich ein lieber Kerl", erinnert sich Doris Nöth an ihren einstigen regelmäßigen Besucher, zu dem sie auch heute noch Kontakt hat.

"Vielfalt ist mein Motto", lautet das in ihrer Sammlung klar ablesbare Prinzip Doris Nöths. In ihrer unterschiedlichste Kunstobjekte auf engstem Raum überzeugend zusammenfassenden Sammlung sucht sie den gleichermaßen ernst genommenen Gedankenaustausch mit Künstlern, Intellektuellen und psychisch kranken Menschen und ist dabei stets darum bemüht, neue Impulse für ihr stillschweigendes Mäzenatentum zu bekommen.

Ein wichtiges Anliegen war es Doris Nöth schließlich auch, im Rahmen der Restaurierung der Sankt-Ulrichs-Kirche die von der Dominanz eines massiven Holzkreuzes geradezu erdrückte Jesusfigur "zu befreien" und kübstlerisch neu darstellen zu können. Die aus dem 16. Jahrhundert stammende Christusfigur selbst hatte Doris Nöth schon während ihrer Tätigkeit als Mitglied des Kirchengemeinderats vor rund 25 Jahren gemeinsam mit Pfarrer Scheffold in einem Münchner Antiquariat ausgewählt und ihrer Kirchengemeinde geschenkt.

In enger Zusammenarbeit mit dem Würzburger Architekten und Künstler Wolfgang Silbersack konnte mit einer 1999 gestalteten strahlenförmigen Edelstahlkonstruktion eine völlig neue Wirkung erzielt werden. Der auf die Darstellung eines traditionelle Kreuzes völlig verzichtenden Darstellung gelingt es, nicht nur eindrucksvoll ein Mitleid erregendes Martyrium zu demonstrieren, sondern durch die Art der gewählten künstlerischen Umsetzung eine geradezu im Kirchenschiff schwebende und segnende Christusfigur zu zeigen.

Dass der Pfarrer ihr relativ freie Hand gab bei ihrer Absicht, die Kirchengemeinde mit einer modifizierten und durchaus ungewöhnlichen Christusdarstellung erneut zu beschenken, war für Doris Nöth eine große Herausforderung. Dass auch ihr neues Geschenk von der Kirchengemeinde insgesamt sehr gut angenommen wurde, bestätigte ihr, dass sie mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe gemeinsam mit Architekt Wolfgang Silbersack offensichtlich richtig umgegangen ist.

Das größte Lob erhielt die "starke Helferin" dabei aus dem Kreis des Kirchengemeinderats selbst. Das konstruktive Gespräch über die künftige Darstellung der Christusfigur hatte ein Mitglied klar als "seine bisher schönste Sitzung des Kirchengemeinderats" bezeichnet.