Lokale Kultur

Kunst, in der die Kunst selbst zum Thema wird

KIRCHHEIM Reno Patarica ist Malerin. Dabei steht das gemalte Bild zwar im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit, darüber hinaus spielen jedoch andere Aspekte eine gleichberechtigte Rolle: Das eigene

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KAI BAUER

Agieren und Reflektieren als Malerin, die Positionierung der Bilder im Raum sowie deren Lagerung und Archivierung. Diese Aspekte sind ebenso Bestandteil des künstlerischen Schaffensprozesses wie das Beleuchten und Ausstellen, die dafür genutzte Räumlichkeit, die Haltung und Bewegung der Betrachter und der gesamte Rezeptionsprozess.

Dieser konzeptuelle Ansatz transponiert das Malen von Bildern auf eine Metaebene, auf der die grundsätzliche Auffassung und Bedeutung von Kunst selbst zum Thema wird. Für die städtische Galerie im Kirchheimer Kornhaus hat Reno Patarica zwölf Bildtafeln aus ihrer Produktion ausgewählt, die auf der langen Rückwand des Ausstellungsraums zu einer geschlossenen Fläche gehängt sind. Sie zeigen weiße Punkte, die mit ihrer leicht elliptischen Form, ihren unscharfen Rändern und ihrer verschiedenartigen Gruppierung an Galaxien auf Aufnahmen der Weltraumteleskope erinnern.

Sie schweben vor einem fast schwarzen Hintergrund, der mit Leimfarbe und Pigment mit malerischem Duktus aufgetragen wurde. Im Gegensatz zu unserer Vorstellung von schwarzen Löchern im All scheinen die weißen Punkte Licht und Materie nicht in sich aufzusaugen, sondern sie strahlen diffuses Licht aus. Sie existieren jedoch wie weiße Löcher in der Malerei, zeigen sie doch die unbemalte, und auch ungrundierte Leinwand.

Sie stellen somit gleichzeitig die bestimmenden Bildfiguren dar, sind jedoch aus dem Weglassen von Malerei der Unterlassung des Malaktes an diesen Stellen entstanden. Zur Eröffnung der Ausstellung mussten die Besucher zunächst vor der geschlossenen Eingangstür aushalten. Ein heißer Begrüßungspunsch verkürzte den Vernissagegästen die Wartezeit auf angenehme Weise. Zudem wurden die Besucher durch die Einführung der Kuratorin Susanne Jakob mit dem notwendigen Vorwissen versorgt.

Durch die verglasten Nischen zwischen den Schaufensterkästen war allerdings zu sehen, dass die Rolle der Betrachter im Innenraum bereits von fünf großen, weißen, vasenartigen Gefäßkörpern eingenommen wurde, die mittig gruppiert , in die Betrachtung der Leinwände versunken zu sein schienen. Während dieser Ausstellung bleiben die Schaufensterscheiben fast undurchsichtig: Sie sind mit Rasiercreme in milchig-opakem Pinselstrich von innen bestrichen worden, sodass die Scheiben nur noch an den Stellen durchsichtig bleiben, die beim Einstreichen von Buchstabenschablonen abgedeckt worden sind.

Die damit in Outline entstandene Schrift ergibt über alle Schaufenster hinweg einen Text des romantischen Malers und Farbtheoretikers Philipp Otto Runge. Der aus Runges hinterlassenen Schriften entnommene Textausschnitt (um 1808) erzeugt ein Stimmungsbild, das auf der Farbenlehre des Malers und den Kontrasten Hell und Dunkel, Weiß und Schwarz aufbaut: Die Helligkeit an einem klaren Himmel bei Sonnenaufgang dicht um die Sonne herum oder vor der Sonne her, kann so groß sein, dass wir sie kaum ertragen können.

Wenn wir nun von dieser dort vorkommenden farblosen Klarheit als das Produkt von den drei Farben Rot, Gelb, Blau auf diese schließen wollten, so würde diese so hell sein und so sehr über unseren Kräften weggerückt, dass sie für uns dasselbe Geheimnis bleiben wie die in der Dunkelheit versunkenen.

Damit wird die Installation Reno Pataricas zum dreidimensionalen Tableau, das vom Besucher im konkret Räumlichen, aber auch als System ineinander gesetzter Vorstellungsräume betreten und wahrgenommen werden kann. Die nach außen gewendete Textebene lässt die Ausstellungssituation hermetisch geschlossen erscheinen. Beim Betreten jedoch öffnet sie sich und nimmt den Besucher in sich auf. Auch dann ist jede Interpretation erlaubt: Steht der Besucher einmal zwischen den fünf vasenartigen Hohlkörpern im Innenraum, kann er als hinzugekommener Mönch am Meer an der feierlichen Betrachtung einer kosmischen Bildwelt teilnehmen. Beim Herumgehen im Ausstellungsraum bleibt jedoch ein eigentümlich paradoxer Eindruck: Einerseits ist man Teil eines klaren Wahrnehmungsmodells, auf der anderen Seite bleibt das Arrangement rätselhaft und offen. Zudem kann sich der Besucher durchaus auch überflüssig fühlen oder der Situation eine gewisse absurde oder ironische Komik abgewinnen.

Die Ausstellung von Reno Patarica "Appear and Disappear" läuft noch bis zum 27. Januar 2008.