TW-Feed Fachkräftesicherung

Kurz- und langfristige Effekte des Fachkräftemangels

IHK. Die Corona-Pandemie hatte vor einem Jahr zu massiven Nachfrageeinbrüchen, einer historisch niedrigen Kapazitätsauslastung und folglich einem stark reduzierten Personalbedarf geführt. Trotzdem hat sich die angespannte Fachkräftesituation dadurch nicht in Luft aufgelöst. Zwar hat sich der Anteil der Unternehmen, die im Fachkräftemangel eine Geschäftsrisiko sehen, im Vergleich zu vor der Krise halbiert. Jedoch klagten selbst auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im Frühsommer 2020 ein Viertel der Unternehmen über Fachkräfteengpässe. Mit zunehmender Erholung der Konjunktur wächst die Betroffenheit. Aktuell nennen 37 Prozent der Betriebe den Fachkräftemangel als Risiko. Hinzu kommt, Das Problem wird dadurch verstärkt, dass in einzelnen Branchen in der Pandemie starke Fluktuation aus Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit heraus in andere Berufe stattgefunden hat und diese Fachkräfte jetzt zusätzlich fehlen.

Langfristig dominieren ohnehin insbesondere die demografischen Effekte, die durch die Pandemie so gut wie nicht beeinflusst wurden.

Fachkräfteverfügbarkeit bis 2030

Die hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Baden-Württemberg beruht vor allem auf ihrem qualifizierten Personal. Deshalb ist eine ausreichende Verfügbarkeit von Fachkräften auf allen Qualifikationsstufen für eine dauerhafte wirtschaftliche Prosperität entscheidend. Schon heute, das zeigen die IHK-Konjunkturumfragen, sieht fast jedes zweite Unternehmen in Baden-Württemberg im Fachkräftemangel an akutes Geschäftsrisiko.

Aber wie hoch ist der Fachkräftemangel tatsächlich?

Eine seriöse Antwort auf diese Fragen ist nur auf der Grundlage von empirischen Fakten und darauf basierenden Prognosen möglich. Aus diesem Grund haben die IHKs in Baden-Württemberg den IHK-Fachkräftemonitor als interaktive Webanwendung durch das Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR aus Darmstadt entwickeln lassen: Der jährlich aktualisierte Fachkräftemonitor stellt die prognostizierte Entwicklung von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bis zum Jahr 2030 anschaulich im Internet unter www.fachkraeftemonitor-bw.de dar. Er ermöglicht nicht nur eine globale Betrachtung des Arbeitsmarktes, sondern lässt sich für die Analyse des Fachkräftemangels in 93 Berufsgruppen und 19 Wirtschaftszweigen bzw. den zwölf Regionen Baden-Württembergs nutzen.

Die Ergebnisse des Fachkräftemonitorings

* Das Angebot an qualifizierten Fachkräften hat im Jahr 2019 seinen Höhepunkt durchschritten. Seitdem befindet es sich demografiebedingt auf einem Schrumpfkurs: Zwischen 2019 und 2030 nimmt die Zahl der beruflich qualifizierten Fachkräfte um 753.000 bzw. um 18,5 Prozent ab. Das Fachkräfteangebot wird seinen Schrumpfkurs auch nach 2030 weiter fortsetzen.

* Durch die Corona-Krise sinkt die Fachkräftenachfrage vorübergehend. Dadurch kommt es bei den ausgebildeten Fachkräften 2020 und 2021 zu einem Überschuss von über 160.000 “Gesellen”. Trotz verringerter Nachfrage fehlen trotz der Krise 23.000 Akademiker sowie 49.000 betrieblich weitergebildete Fachleute (Meister, Techniker, Fachkaufleute).

* Ab 2022 treten auch bei beruflich ausgebildeten Fachleuten wieder Engpässe zunehmen. Insgesamt werden der Wirtschaft zwischen 2022 und 2030 durchschnittlich pro Jahr über 260.000 Fachkräfte fehlen.

* Der Ausbau der Universitäten hat Früchte getragen. Das Akademikerangebot ist von 2007 bis 2017 um über 28 Prozent gestiegen. Trotzdem reicht das Akademikerangebot nicht aus, um die Nachfrage zu befriedigen.

* Zwischen 2019 und 2030 nimmt die Zahl der beruflich qualifizierten Fachkräfte um 745.000 beziehungsweise um über 19 Prozent ab.

* Werden nicht zusätzliche Fachkräftepotenziale erschlossen werden, wird die demografische Keule unerbittlich zuschlagen: Der Fachkräfteengpass wird in der Spitze bis auf 506.000 Personen (2030) ansteigen.

* Insbesondere das Angebot an Meistern, Fachwirten, Technikern und Fachkaufleuten (nichtakademisch ausgebildete Fachkräfte mit hoher Qualifikation) wird um bis zu 23 Prozent hinter der Nachfrage zurückbleiben.

* Zudem werden die Fachkräfte immer älter. Das durchschnittliche Alter aller Fachkräfte wird von 44,9 Jahren (2020) auf 47,5 Jahre (2030) steigen. 2007 lag es noch bei 40,3 Jahren. Die Betriebe stehen daher vor der Herausforderung, auch mit alternden Belegschaften weiterhin innovativ und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Politik ist somit gefordert, die Rahmenbedingungen für die Erschließung zusätzlicher Fachkräftepotenziale zu optimieren. Dazu zählt die Verbesserung der schulischen Bildung, ein bedarfsgerechter Ausbau universitärer Kapazitäten, die Erhöhung und Flexibilisierung des Renteneintrittsalters sowie der bedarfsgerechte Ausbau der Kinderbetreuung. Trotz der großen Zahl von Flüchtlingen, von denen die meisten erst noch qualifiziert werden müssen, bleibt ein Wechsel in der Einwanderungspolitik hin zu einer Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte unverzichtbar.

Geschieht hingegen nicht genug, so wird der heimischen Wirtschaft nichts anderes übrig bleiben, als ihre Rationalisierungsanstrengungen noch weiter zu erhöhen, einen Teil ihrer Aktivitäten in Länder mit ausreichendem Fachkräfteangebot zu verlagern oder im internationalen Wettbewerb kürzer zu treten. Wachstumspotenziale drohen verloren zu gehen.

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