Lokale Kultur

Landschaft ein Thema, drei Künstler, drei Sichtweisen

KIRCHHEIM Landschaft ein Thema, drei Künstler, drei Sichtweisen. In der künstlerischen Arbeit von Mahmut Celayir ist Landschaft das

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FLORIAN STEGMAIER

ausschließliche Thema. Es ist dabei immer seine Landschaft, nämlich das ostanatolische Hochland, woher er auch stammt. Der Werkzyklus "Straße des Königs" durch die Bilder ziehen sich mehr oder minder deutlich die alten Handelswege der Seidenstraße setzt sich nicht wie viele Betrachter zunächst meinen aus Fotografien zusammen, vielmehr handelt es sich um Malerei, Öl auf Leinwand. Jedoch scheint auch der gern zitierte Begriff des Fotorealismus nicht geeignet, den Arbeiten adäquat beizukommen.

Bei aller Bewunderung für die technische Virtuosität Celayirs, man würde seiner künstlerischen Haltung gegenüber dem Thema Landschaft damit unrecht tun. Ein Fotorealist malt schließlich nicht das, was er auf dem zur Vorlage gewählten Foto sieht, er stellt sich vielmehr den Anspruch, das Foto selbst zu malen. Mahmut Celayir beschränkt sich jedoch nicht allein auf solch technische Aspekte, vielmehr begibt er sich geistig wie seelisch weit in die Landschaft hinein und sucht darin nach ihrem eigentlichen Wesen. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu erwähnen, dass für den kurdischen Künstler gerade die deutsche Romantik, allen voran Caspar David Friedrich, eine große Rolle spielt. Wie bei C. D. Friedrich begegnet auch bei Celayir Landschaft stets als "Seelenlandschaft".

Das Sich-Hineinbegeben in die Landschaft kann sich künstlerisch auch so manifestieren, dass Celayir einen kleinen Ausschnitt aus der Vegetation auswählt, diesen "hochzoomt" und dann, angeregt von der ungeheuren Fülle im Formenpotenzial der Gräser und Büsche zu einer vitalen und vor allem enorm rhythmischen Ausdrucksform gelangt.

Fülle und Vitalität sind auch zwei zentrale Begriffe für die Arbeiten des Kirchheimer Künstlers Kurt Gminder. Ihm geht es weniger um eine realistische Darstellung vorgefundener Natursituationen, vielmehr faszinieren ihn die hinter der Idylle oder Wildnis wirkenden starken Lebenskräfte der Natur.

Beredtes Beispiel dafür sind die unlängst entstandenen Blätter "Baum des Lebens I/II", eine archetypisch zu nennende Auseinandersetzung mit dem Ur-Baum schlechthin, der seine immense Kraft mit einem beeindruckenden "Astgewitter" offenbart. Auch das Verhältnis von Architektur und Natur, die Frage nach einem menschen- und naturgerechten Bauen ist Gminder ein permanentes Anliegen.

Etliche Arbeiten, die sich mit dem Themenkomplex der "organischen Architektur" beschäftigen, sind in der Ausstellung zu sehen. Der organischen Architektur geht es nicht darum, wie oft fälschlicherweise angenommen wird, das Abbildhafte der Natur baulich umzusetzen, sondern die Wirkkräfte und Prinzipien der Natur zu erfassen, mit dem Ziel, eine Architektur zu schaffen, die selbst als Organismus erlebt werden kann.

Auch der Dettinger Maler Joachim Schöberl ist jemand, der "Dahinter" blickt. Schon bei früheren, bisher nur selten ausgestellten Werken, man könnte etwa an in einer engen Farbpalette durchgestufte Ansichten des Teckbergs denken, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter dem "harmlos-schönen" Motiv noch etwas ganz anderes lauert.

So nüchtern die Malereien zunächst scheinen die Art der Hängung mag diesen Eindruck noch verstärken so groß scheinen die sich hinter dem Bild auftuenden Tiefen und Untiefen, in die der Betrachter gezogen werden kann. Schon die klassische Antike wusste, das Schönheit und Schrecken eng verwandt sind. Schöberls Bilder sind voller Geheimnisse, Spuren und unerzählter Geschichten.

Auch für ihn ist Landschaft etwas, worin der Mensch seine Spuren hinein schreibt. Und so tauchen in seinen Bildern scheinbar selbstverständlich Hochhäuser, Autobahnbrücken, landwirtschaftliches Gerät und ähnliches auf. Dieses Nebeneinander von Natur und menschlichen Eingriffen, menschlichen Lebensspuren und die daraus resultierenden Reibungsflächen und Übergangszonen stellen für Joachim Schöberl eine überaus reiche künstlerische Fundgrube dar.

Allen drei Künstlern ist die Qualität der Wahrnehmung gemein, Landschaft nicht nur als dekoratives Panorama zu inszenieren, sondern sich auf ihre jeweils individuelle Weise in die Landschaft einzufühlen, Wesentliches und Wesenhaftes an ihr zu erkennen und aus diesem Inneren Erleben hinaus ihre Werke authentisch zu schöpfen. Die Arbeiten sind noch bis 22. Mai im Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus zu sehen.

Gelegenheit zu Künstlergesprächen gibt es am kommenden Sonntag, 1. Mai, mit Mahmut Celayir ab 14 Uhr, am Sonntag, 8. Mai, ab 11 Uhr mit Kurt Gminder und am Sonntag, 22. Mai, ab 14 Uhr mit Joachim Schöberl. Unter dem Motto "Vom Gehen im Eis" Landschaft und Literatur findet am Freitag, 6. Mai, um 19.30 Uhr eine Lesung mit Bernd Löffler statt.