Lokale Kultur

Lauter und Lindach im Fokus

Archäologischer und stadtgeschichtlicher Rückblick mit Rainer Laskowski

Kirchheim. Wieder einmal konnte sich Rainer Laskowski, Leiter des Städtischen Museums, über einen äußerst regen Andrang anlässlich seines archäologischen und stadtgeschichtlichen Jahresrückblicks im Spitalkeller der Kirchheimer Volkshochschule freuen. Bauwerke und

Florian stegmaier

Anlagen, die ursächlich mit den Wassern von Lauter und Lindach in Zusammenhang stehen, bildeten gemeinsam mit dem Sanierungsgebiet Dettinger Straße und der Ziegelstraße den Schwerpunkt des Vortrags.

Zu Beginn rückte der Referent Fundstellen aus dem Lenninger Tal in den Mittelpunkt, an denen auch Teilnehmer der Archäologie-AG des Kirchheimer Museums ehrenamtlich mitgearbeitet haben. Untersuchungen zweier inzwischen abgerissener Häuser in der Oberlenninger Julius-von-Jahn-Straße und Grabungen in der Brunnensteige nahe der Martinskirche förderten Fragmente von Keramik zutage, die nachweislich im Kirchheimer Töpfereibezirk in der Dettinger Vorstadt gebrannt wurden, somit als Beleg für Handelsbezie­hungen zwischen dem Lenninger Tal und der Teckstadt gelten kann.

So genannte „schulterständige Ösenhenkel“ sprechen für ein relativ hohes Alter einiger Keramiken, die bis ins 14./15. Jahrhundert zurück datiert werden können. Zudem ergab eine Untersuchung der Mauer der Lenninger Martinskirche, dass diese äußerst schwach fundamentiert ist und daher keinesfalls die gelegentlich vermutete Funktion einer Wehrmauer habe erfüllen können.

Auf größere Mengen von Eisenschlacke war man im Sommer bei Grabungen des Landesamtes für Denkmalpflege in der Owener Bahnhofstraße gestoßen. Der Fund einer schlackenummantelten Düse zur Sauerstoffzufuhr eines Schmelzofens weise darauf hin, dass dort eine alte, von Eisenverhüttung geprägte Siedlungslandschaft vorhanden gewesen sei. Rainer Laskowski äußerte die Vermutung, dass hier vor allem Eisenerz aus dem Braunjura Beta verhüttet worden sei, das man wohl mithilfe wasserkraftgespeister Pochwerke zuvor mechanisch verkleinern musste. Auch die zur Windzufuhr nötigen Blasebälge könnten bereits im 10. Jahrhundert auf diese Weise angetrieben und zur Eisenverhüttung eingesetzt worden sein.

Die grundlegende Bedeutung des Wassers und seiner Nutzung spiegelt sich auch in der Etymologie des Ortsnamens Owen wider, der vom mittelhochdeutschen Wort „ouwe“ mit der Bedeutung „Land im oder am Wasser“ herrührt. Keramiken des 10. bis 13. Jahrhunderts, aber auch Glas-, Keramik- und Bronzefunde aus der Zeit um 1500, darunter der obere Teil eines aufwändig aus Bronze gefertigten Pfeifenverschlusses brachten Grabungen im Bereich des ehemaligen Owener Frauenklosters in der Amtstraße ans Licht.

Als „Rarität“ und „Industriedenkmal des 19. und 20. Jahrhunderts inmitten Kirchheims“ machte der Vortragende auf die ehemalige Schmiede Eberle in der Dettinger Straße aufmerksam. Er verwies auf den noch intakten nahezu musealen Innenzustand des gesamten Gebäudes, den Gewölbekeller mit intakten Holzfässern sowie den Dachgiebel aus Tannenholz, dessen Wiedlöcher auf die Verwendung von Floßholz aus dem Schwarzwald in den Jahren 1707/09 schließen lassen.

Dendrochronologische Datierungen ergaben, dass das Haus bereits 1719 nach Osten hin erweitert wurde. Damals gab es in Kirchheim gravierenden Wohnraummangel, bedingt durch den Stadtbrand von 1690 und die erfolgte Regeneration der im Dreißigjährigen Krieg dezimierten Bevölkerung.

Im Verbund mit der ehemaligen Schmiede Schlatter werde hier die Prägung der Kirchheimer Vorstadt durch diejenigen Handwerke ersichtlich, die der Brandgefahr wegen nicht in der Innenstadt ausgeübt werden konnten. Neben der Metallverarbeitung verwies Rainer Laskowski auf den Töpferbezirk, der heute im Bereich der Dettinger Straße 9 bis 21 zu lokalisieren ist.

Die älteste bisher bekannte Scheune Kirchheims ist vergangenes Jahr durch Abriss unweigerlich verloren gegangen. Außen sichtbare Überplattungen an der Ostfassade hatten den Bauforscher Tillmann Marstaller auf das Gebäude Ziegelstraße 17 aufmerksam werden lassen, dessen Erbauung durch dendrochronologische Methode auf das Jahr 1548 zu datieren war. Die Scheune wies also nahezu das gleiche Alter auf wie das Max-Eyth-Haus und das „Alte Haus“.

Den Verlust dieses Bauwerks, das mehrere Umbauphasen erlebte und dessen Dach zuletzt komplett mit Kirchheimer Schimming-Ziegeln gedeckt gewesen war, bedauerte der Referent und betonte, dass es als ein Musterbeispiel der Wohnraumnutzung von 1540 bis zur Gegenwart hätte dienen können.

Die Bruckmühle am Beginn der Gerberstraße, ein der Gebäudesub­stanz nach vollständig erhaltenes Mahlmühlen-Ensemble des frühen 19. Jahrhunderts, stellte Rainer Laskowski als weiteres eindrucksvolles Zeugnis der industriellen Entwicklung in Kirchheim vor. Bauhistorische Untersuchungen haben ergeben, dass das ehemalige Mühlengebäude von 1814 stammt und die südlich anschließende Scheuer 1824 errichtet wurde.

Im Norden schließt an das Mühlengebäude ein Anbau von 1833 an. Damit dürfte es sich um die jüngste in Kirchheim noch als reine Mahlmühle erbaute Mühle handeln, bevor die zur Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung das Ende dieser alten Tradition einläutete. Im Jahr 1917 erfolgte der Umbau zur mechanischen Werkstatt, der im aktuellen Gebäudebestand noch nahezu unverändert abzulesen sei.

Rainer Laskowski wies zudem auf die große geschichtliche Bedeutung dieses Ortes hin, der sich seiner Ansicht nach in Stadtführungen gut einbinden ließe. Bis zurück ins 13. Jahrhundert sei die Bruckmühle urkundlich nachweisbar. Funde von Eisenschlacken belegen hier zudem die Bedeutung der Lauter für die Metallgewinnung in karolingisch-ottonischer Zeit.

Von den insgesamt zwölf Fundstellen, die der Referent im Vortragsgepäck hatte und deren stattliche Zahl einem kleinen Kirchheimer „Bauboom“ des vergangen Jahres geschuldet war, konnten aus Zeitgründen nicht mehr alle in der gebührenden Ausführlichkeit vorgestellt werden. Daher gab Laskowski am Ende seiner profunden Ausführungen einen informativen Überblick der noch nicht gänzlich abgeschlossenen Grabungsarbeiten im ehemaligen Töpferviertel auf dem Areal der Dettinger Straße 9.

Dort wurden die Reste eines Töpferofens der Zeit um 1500 mit fast komplett erhaltener Bodenplatte gefunden, zu der sich zahlreiche keramische Funde gesellen, deren systematische Auswertung eine regelrechte „Typologie“ der dort produzierten Ware erwarten lasse.

Hinsichtlich der Martinskirche berichtete Rainer Laskowski von der kürzlich wieder aufgedeckten Grabstelle Konrad Widerholts, die an der Außenmauer des Chores nun eindeutig festgestellt werden konnte. Erkennbar waren die Abdeckplatten aus hellem Sandstein, der darunter liegenden nach Osten ausgerichteten Gruft.

Als künstlerisches „Schmankerl“ präsentierte der Referent schließlich sechs unlängst wiederentdeckte Gemälde von Georg Friedrich List aus Stuttgart, die ab 1717/18 den Innenraum der Martinskirche schmückten. Insgesamt 30 Bilder seien damals in Auftrag gegeben worden. Episoden des Alten und Neuen Testaments fanden darin als Motive Verwendung, versehen mit kurzen exegetischen Texten. Der historische Wert der Bilder liege vor allem darin, dass es sich um noch erhaltene Teile der Erstausstattung des Kircheninneren nach dem verheerenden Stadtbrand von 1690 handelt.

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