Lokale Kultur

Lautloser Schrei nach Liebe

„Dein Theater“ gastierte am Welttag des Buches in der Naberner Zehntscheuer

Kirchheim. Mit Peter Härtlings Stück „Das war der Hirbel“ gastierten Ensemble-Mitglieder von „Dein Theater“ Stuttgart am Welttag des Buches in der Naberner Zehntscheuer. Bei der Geburt von einem

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Arzt am Kopf verletzt, kommt der Junge geistig behindert zur Welt, muss anschließend in einem Heim leben und leidet unter schweren Kopfschmerzen.

Ganz besonders schmerzt ihn aber, dass sich seine Mutter überhaupt nicht um ihn kümmern wollte, sondern ihn kurzerhand in ein Heim abgeschoben hat. Viel schlimmer als seine unerträglichen Kopfschmerzen, gegen die immerhin mit Medikamenten angegangen werden kann, ist für Hirbel freilich, dass er ein absolut ungeliebter Außenseiter ist, dem fast niemand die von ihm so dringend erhoffte und für sein tristes Leben im Heim so dringend benötigte Zuneigung entgegenbringen will.

Immer wieder rennt er daher aus dem ihm verhassten Heim weg oder versteckt sich auch nur einfach vor den ihn so unsäglich bedrohenden Gefahren der ihn umgebenden Welt in seinem Schrank. Beides sorgt verständlicherweise immer wieder für große Aufregung, weil alle sich zunehmend über den schwer erziehbaren Sonderling aufregen und seine lautlosen Hilferufe nicht hören und noch weniger verstehen wollen.

Auf Liebe, Wärme oder auch nur das Gefühl, einigermaßen so akzeptiert zu werden, wie er ist, muss Hirbel verzichten, sich stattdessen mit quälenden Kopfschmerzen herumplagen und mit Mitmenschen auskommen, die ihn nicht verstehen, sich nicht um ihn kümmern und auch überhaupt kein Interesse daran haben, ihn näher kennenzulernen.

Hirbel ist eigentlich immer müde, kann aber dann doch nicht einschlafen. Statt ruhelos im Bett gegen hämmernde Kopfschmerzen und seine unsägliche Müdigkeit anzukämpfen, sucht er häufig Zuflucht in der fragwürdigen Geborgenheit eines ihn vor der Welt versteckenden Schranks, rennt immer wieder aus dem Heim davon, klettert auf hohe Bäume und quält sich unter bohrenden Kopfschmerzen durch den Tag. Außer Georg hat er eigentlich keine Freunde und der ungemein aggressive Herr Schoppenstecher ist sein erklärter Feind, der bei allem, was im Heim nicht funktioniert, immer sofort den leidgeprüften Hirbel verdächtigt und ihn gelegentlich auch grundlos verprügelt.

Schwer verdaubare Kost hatte der virtuose Erzähler Norbert Eilts von „Dein Theater“ bei seinem von Michaela Knepper ausgestatteten Besuch in der Regie von Friedrich Beyer mit dem höchst unbequemen Härtling-Stück in der Naberner Zehntscheuer im Gepäck. Erstaunlicherweise verstand er es aber dennoch ausgezeichnet, die rund 140 Schülerinnen und Schüler für die Probleme des verzweifelten Protagonisten zu sensibilisieren, sie dabei zudem auch gut zu unterhalten und sie trotz der anrührenden Tragik doch immer wieder auch zum Lachen zu bringen. Mitleid ist schließlich auch nicht das, was Hirbel wirklich will.

Er möchte einfach das Gefühl haben, so akzeptiert zu werden, wie er nun einmal ist. Eine großartige Begabung, die den alle befremdenden Sonderling über viele andere Heimbewohner hinaushebt, hat der von allen missachtete und immer wieder missverstandene Hirbel aber doch mit auf den Weg bekommen. Mit seiner Engelsstimme beeindruckt er viele, die für den vom Schicksal schwer geschlagenen kleinen Jungen nur Mitleid empfinden, ihm aber nie die ihm so wichtige Bewunderung und Anerkennung entgegen bringen.

Der erfolgreiche Schriftsteller Peter Härtling durfte in seiner langen Karriere schon viele Literatur-Preise entgegen nehmen und ist nicht zuletzt auch Träger des Bundesverdienstkreuzes. Eine schöne Jugend war ihm nicht vergönnt. Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters nahm sich seine Mutter das Leben. Peter Härtling war damals gerade zwölf Jahre alt und vielleicht genauso verzweifelt und einsam, wie seine schon in den 70er-Jahren virtuos gezeichnete und immer noch aktuelle Bühnenfigur „Hirbel“, die er mit großer Leidenschaft und ohne jede Effekthascherei präsentiert.

„Der Hirbel war krank, weil sich niemand um ihn kümmerte, weil er fast nur in Heimen und Krankenhäusern lebte, weil niemand mit ihm spielte und ihm auch niemand vertraute. Der Schriftsteller Peter Härtling findet, dass das „die schlimmere Krankheit“ ist. Überzeugt ist er auch davon, dass sie unheilbar ist, wenn nicht jeder hilft und wenn es nicht Menschen gibt, die auch Kinder wie den Hirbel gernhaben.“