Lokale Kultur

Lebendiger literarischer Austausch

KIRCHHEIM Das schafft Publikumsnähe: Michael Speer "entschuldigt" sich bei den etwa zwei Dutzend Zuhörern, dass er sie nicht mit

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ULRICH STAEHLE

Handschlag begrüßt habe. Bei einer Zahl unter zehn würde er das tun, so geschehen bei seinen beiden letzten Lesungen.

Die heitere Atmosphäre war eine gute Voraussetzung, um in Textproben aus tschechischer Literatur einzusteigen. Warum tschechische Literatur? Seit dem EU-Beitritt Tschechiens ist verstärkt ins Bewusstsein gedrungen, dass ein gegenseitiger Austausch besser ist als Kulturkampf. Einen fruchtbaren Austausch hat es schon immer gegeben, man denke an die überragende Bedeutung Kafkas für beide Literaturen oder in der Neuzeit an Reiner Kunze oder Peter Härtling, die um gegenseitiges Verständnis werben. Dieses Anliegen hat sich die Robert-Bosch-Stiftung auf die Fahnen geschrieben und gehandelt. Sie ermöglichte eine "Tschechische Bibliothek in 33 Bänden", die bei DVA erscheint. Aus zwei der liebe- und niveauvoll edierten Bände las Michael Speer auf Einladung des Literaturbeirats vor.

Mit dem Namen Jaroslav Hasek verbindet sich sofort der "Schwejk" (zur Weltliteratur wurden die Abenteuer dieses scheinbaren Dummkopfes übrigens erst nach der Übersetzung ins Deutsche). Fingerübungen des Autors zu diesem Roman sind in dem DVA-Band "Der Urschwejk und anderes aus dem alten Europa und dem neuen Russland" veröffentlicht. Drei Kostproben gab`s zu hören: Eine Geschichte um eine bedauernswerte Tochter, die von ihren Eltern trotz großer Anstrengungen nicht unter die Haube gebracht wird, und eine Geschichte um einen bedauernswerten Pechvogel, der sich umbringt, um wenigstens einen Sarg zu verkaufen. Zwischen diesen Erzählungen durfte man sich amüsieren über Schwejk, überraschenderweise als Flugpionier, nicht überraschenderweise als befehlsgläubiger unverwundbarer Bruchpilot.

Nach der Pause ging der Hörgenuss weiter mit Auszügen aus Bohumil Hrabals Parabelgeschichte "Allzu laute Einsamkeit". Der Erzähler schlüpft in die Rolle eines Papiereinstampfers, der aus dem Altpapier literarische Schätze herausfischt. Als er das nicht mehr kann, entsorgt er sich selbst.

Speers Lesung ist trefflich komponiert. Das Typische tschechischer Literatur, der schwarze Humor, ist so verteilt, dass der Humor am Anfang überwiegt, die beklemmende, "kafkaeske" Seite gegen Schluss. Der Humor war für die Tschechen ein Mittel zum Überleben in zwei Diktaturen, der faschistischen und der sozialistischen. Die Verschlüsselung des Textes von Hrabal das Einsammeln der Bücher bedeutet das Einsammeln der letzten Reste einer alten Welt gewinnt an Brisanz, wenn man bedenkt, dass er während der kommunistischen Herrschaft schließlich sogar Schreibverbot bekam.

Michael Speer als Sprecher von Rundfunknachrichten kennt man seine Stimme liest auf bewundernswert professionelle Art. Er geht mit den Texten um wie ein Musiker mit einer Partitur, variiert das Tempo und die Stimmlage, setzt effektvolle Pausen. Das Spiel der Hände unterstützt sparsam einzelne Passagen. So hatten die Zuhörer ihre Freude an dieser plastischen, lebendigen Literatur. Wer nicht da war, hat einen Genuss versäumt, kann aber Michael Speer noch einmal in diesem Jahr, dem Schillerjahr, in Kirchheim erleben. Er wird am Donnerstag, 16. Juni, im Spitalkeller Schillers Balladen lebendig machen.