Lokale Kultur

Lebendiger Teil der Gesellschaft in der Teckstadt

Sein zehnjähriges Bestehen feierte der Kirchheimer Verein "Türkisches Volkshaus" (Halkevi) mit einem Kulturabend in der Eduard-Mörike-Halle in Ötlingen, zu dem neben rund 300 Menschen anatolischer Herkunft auch bemerkenswert viele deutschstämmige kamen.

GUNDHARD RACKI

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KIRCHHEIM Die Sprecher des "Türkischen Volkshauses", Hasan Cakir und Hasan Savas, machten in ihren Reden deutlich, dass sie sich in Kirchheim wohl fühlen. In den letzten zehn Jahren habe sich der Verein um Kontakte zu deutschen und anderen ausländischen Gruppen und Vereinen bemüht und dadurch viele hilfreiche und nützliche Verbindungen aufbauen können. Besonders hervorheben wolle man die gute Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung von Kirchheim. Der Verein habe mannigfaltige kulturelle und politische Veranstaltungen durchgeführt und böte Volkstanzkurse und Musikkurse an, die besonders bei jungen türkischstämmigen Leuten Resonanz fänden. Die Vorbereitung der Ausstellung "50 Jahre Gastarbeiter in Kirchheim" habe den Aktiven im Verein wohl viel Arbeit gemacht, aber auch Anregung gegeben, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Die Generation der Türken, die bis 1973 nach Deutschland kam, dem Jahr, in dem ein Anwerbeverbot für Gastarbeiter in Kraft trat, seien heute teilweise in Rente, oder wegen mangelnder Qualifikation und schlechter Deutschkenntnisse schon lange Zeit arbeitslos. Ein viel größeres Problem sei es jedoch, dass auch bei den Angehörigen der zweiten und dritten Gastarbeitergeneration die Arbeitslosenquote doppelt so hoch wie im bundesrepublikanischen Durchschnitt sei. Wegen mangelnder Schulbildung und mangelnder Berufsausbildung gehörten viele junge Türken heute zu den Verlierern in dieser Gesellschaft.

Die Sprecher des Volkshauses ermahnten die türkischen Eltern, die Schuld nicht allein beim deutschen Schulsystem zu suchen, sondern der Ausbildung ihrer Kinder mehr Bedeutung beizumessen. Die deutsche Sprache zu lernen, sei eine wichtige Voraussetzung für die Integration, viel wichtiger sei es jedoch, den Mut und den Willen zu haben, mit der deutschen Gesellschaft Kontakt aufzunehmen, so die Vertreter des "Halkevi".

Sorge bereite den türkischen Menschen in Deutschland eine Tendenz, die sich seit einigen Jahren abzeichne. So habe eine Untersuchung erbracht, dass in Deutschland feindselige Haltungen gegen Ausländer zunähmen. Seien 2002 bereits 55 Prozent der Deutschen der Ansicht gewesen, in Deutschland lebten zu viel Ausländer, sei dieser Prozentsatz in 2005 auf 60 Prozent angestiegen. Auch habe sich der Anteil derjenigen von 28 Prozent auf 36 Prozent erhöht, die der Ansicht seien, man müsse bei knapper werdenden Arbeitsplätzen Ausländer in ihre Heimat zurückschicken. So sei auch die Zahl derjenigen spürbar angestiegen, die dem Urteil widersprächen, der Islam habe eine bemerkenswerte Kultur hervorgebracht, nämlich von 37 Prozent in 2002 auf 44 Prozent in 2005.

Auch wenn das "Türkische Volkshaus" mit dem Islam "wenig am Hut" habe, begegne auch ihnen, da sie aus dem islamischen Kulturraum stammten, diese Phobie gegenüber dem Islam. Man müsse sich dann nicht wundern, dass diese feindseligen Haltungen gegenüber schwachen Gruppen, von diesen wiederum mit Abwehr, Distanz, Rückzug oder verdeckter Aggression beantwortet würden. So hätte die Untersuchung auch gezeigt, dass Überfremdungsängste wüchsen. Es konnten sich 58 Prozent der Deutschen nicht vorstellen, in einem Stadtviertel zu wohnen, in dem viele Muslime lebten. Es sei dann nicht verwunderlich, wenn sich Migranten in abgeschlossene eigene Welten zurückziehen wollten. Gerade einem solchen Rückzug arbeite ihr Verein entgegen, betonten die Redner. Sie wollten einer ethnisch-kulturell gespaltenen Gesellschaft entgegenwirken, was aber nicht bedeute, die eigenen Wurzeln zu vergessen oder zu verleugnen.

Die Zunahme feindseliger Haltungen gegenüber Ausländern gehe einher mit einer Zunahme der Ängste der Menschen vor ihrer wirtschaftlichen Zukunft und vor Arbeitslosigkeit.

Kritisch setzten sich die Sprecher des "Türkischen Volkshauses" auch mit dem inflationär gebrauchten Begriff "Parallelgesellschaft" auseinander, einem Begriff, über dessen Inhalt genauso wenig Klarheit herrsche wie über den der "Leitkultur". Mit der Verwendung des Begriffs "Parallelgesellschaft", etwa in Zusammenhang mit Ehrenmorden, würden Einzelfälle verallgemeinert. Die gesamte türkische oder muslimische Bevölkerung erschiene dadurch in einer negativen Sicht. Ihr Verein sei keine Parallelgesellschaft, sondern lebendiger Teil der Gesellschaft in Kirchheim. Sie verstünden sich auch als Teil eines sozialen Netzwerkes für ihre türkischstämmigen Mitglieder, die in ihrem Verein Erfahrungen austauschen könnten, Kontakte knüpfen und ein "soziales Kapital" aufbauen.

Den unterhaltsamen Teil des Abends eröffneten drei junge Künstler aus Kirchheim, die Geschwister Hazal und Nurhak Kinik sowie Hasan Budak. Einige Ungenauigkeiten beim Spiel auf der "saz" sah man ihnen gerne nach, weil sie mit einer Selbstverständlichkeit, die bei Türken der älteren Generation schwer vorstellbar wäre, neben türkischen Liedern auch solche in armenischer Sprache vortrugen.

Musikalisch ansprechend und technisch sicher war der musikalische Vortrag von Erol Savas. Bei seiner Darbietung meinte man zu spüren, wie der kalte Wind über die weite Ebenen von Sivas weht. Den musikalischen Höhepunkt des Abends bildete ohne Zweifel der Auftritt von Vedat Baran, der neben türkischen Volksliedern auch solche in Kurdisch vortrug. Vedat Baran und auch die Künstler Recber verstanden es hervorragend, die traditionelle Form der Musik, mit zeitgenössischen Texten zu verbinden. Es gelang diesen Künstlern in ihren Liedern, soziales Engagement und eine kritische Haltung zu den politischen und sozialen Missständen in der Türkei, mit Gefühl zu vereinen, ohne das Sentiment zu unwahr, zu kitschig aufzutragen. Einen Kontrast zu den sozialkritischen Liedern setzten die beiden Musiker, die mit "davul" und "zurna", also Türkentrommel und Oboe, die Besucher zum Tanzen des "Halay" aufforderten.

Wie immer bei Festen in der türkischen Gemeinde Kirchheims, wurden die Besucher mit kulinarischen Köstlichkeiten der anatolischen Küche verwöhnt, die von den Frauen des Türkischen Volkshauses mit viel Liebe und Mühe zubereitet worden waren.