Lokale Kultur

Lesen wird zum Gemeinschaftserlebnis

Es hat nicht immer alles etwas mit neumodischem Kram oder neuen Medien zu tun, was über den großen Teich zu uns herüberschwappt. Vor sechs Jahren wurde in Chicago die Idee zu "Unsere Stadt liest ein Buch" geboren. Mittlerweile griffen viele deutsche Städte diese Idee auf. Und in diesem Frühjahr reiht sich Nürtingen zur Premiere in der Region Stuttgart in den Reigen ein.

ANDREAS WARAUSCH

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NÜRTINGEN Der Grundgedanke: Die Menschen sollen dazu bewegt werden, gemeinsam ein Buch zu lesen. Gelesen wird vom 21. April bis zum 11. Mai, bereichert durch verschiedene Veranstaltungen. Zuvor aber müssen die Nürtinger zwischen dem 14. und 26. Januar per Stimmzettel oder im Internet das zu lesende Buch aus vier Werken auswählen. Allesamt befassen sie sich mit dem Thema Menschenrechte.

"Das Lesen ist eine grundlegende Kulturtechnik", sagte Bürgermeister Rolf Siebert bei der Vorstellung des Projekts "Unsere Stadt liest ein Buch". In der Schule werde zu wenig fürs Lesen getan, junge Menschen erlägen zu oft anderen medialen Verlockungen, so der Bürgermeister. Froh ist er deshalb darüber, dass sich eine Arbeitsgruppe zusammengefunden hat, die die ehrenvolle Aufgabe, fürs Lesen zu werben, übernommen hat. Mit von der Partie sind Vertreter des Bürgertreffs, der Stadtbücherei und der Nürtinger Buchhandlungen. Als Veranstaltungsort wird sich auch die Alte Seegrasspinnerei einklinken.

Zudem glaubt Siebert, dass mit diesem Projekt die Stadtbücherei in den Mittelpunkt gerückt und als eine Art Wirtschaftsförderungsmaßnahme auch für den örtlichen Buchhandel geworben werden kann. Und noch eines ist ihm wichtig: "Unsere Stadt liest ein Buch" passe gut zu Nürtingen als poetischer Stadt am Neckar und zur bürgerschaftlich engagierten Kommune, da die Bürger selbst das Buch aussuchen können.

Auch Bürgertreffleiter Hannes Wezel stellt den bürgerschaftlichen Aspekt in den Vordergrund. Es werde hier nicht nur Kommunalpolitik betrieben, es würden Dinge getan, die die Gemeinschaft an sich betreffen. Zudem sei es vorbildlich, wenn sich Stadträte über das politische Tagesgeschäft hinaus engagieren. Schließlich stammt die Idee von Peter Rauscher. Der Stadtrat (Nürtinger Liste/Grüne) und Lehrer gabelte einen Bericht über solche Projekte in einer Zeitschrift für Deutschlehrer auf. Das war die Initialzündung. Verbündete waren schnell gefunden. Nun will Rauscher mit dem Projekt die kulturelle Identität der Stadt fördern. Die Lektüre soll für Jugendliche und Erwachsene, für geübte und ungeübte Leser gleichermaßen geeignet sein.

Das literarische Quartett der Nürtinger lässt sich mit der Thematik Menschenrechte überschreiben. Peter Rauschers Vorschlag ist Pablo Nerudas "Ich bekenne, ich habe gelebt", für Rauscher das literarische Zeugnis eines engagierten Dichters. Inge Hertlein, die Leiterin der Nürtinger Stadtbücherei, schlägt Ray Bradburys sozialkritischen Science-Fiction-Roman "Fahrenheit 451" vor. Hier geht es um Bücher, um Bücherverbrennungen. Inge Hertlein: "Das ist auch heute noch brandaktuell."

Die Buchhandlung Zimmermann schickt "Oliver Twist" von Charles Dickens ins Rennen. Annette Heilemann vom Team der Buchhandlung sieht es als Vorteil an, dass es den Klassiker in verschiedenen jeweils altersgerechten Ausgaben gibt und er so parallel zum Beispiel von Eltern und Kindern gelesen werden kann. Heike Pflüger von der Buchhandlung im Roten Haus stellte Catherine Clements "Theos Reise" vor. Ein Roman über einen 14-Jährigen, der sterbenskrank eine Reise durch die Weltreligionen antritt.

Wenn die Nürtinger dann ihr Buch ausgesucht haben, beginnt für die Arbeitsgruppe tatsächlich die eigentliche Arbeit. Dann gilt es, in kürzester Zeit ein Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen, das zu dem ausgesuchten Werk passt. Schließlich soll das Lesen zu einem Gemeinschaftserlebnis werden. Vielleicht werden die Mitbürger und -leser mit einem Erkennungsbutton ausgestattet, damit man auf offener Straße miteinander diskutieren kann.

Doch es wird natürlich auch Lesungen und organisierte Literaturgesprächsrunden geben. Und viele andere Veranstaltungen. Vielleicht ein Chor-Konzert oder eine Veranstaltung der chilenischen Gemeinde in Nürtingen zu Neruda? Wenn dieser denn gewählt wird... Oder Verfilmungen im Kino? Zum Beispiel von Bradburys Fahrenheit 451? Schulen könnten sich beteiligen, so Hertlein. Ob im Unterricht oder auch nebenbei.

Natürlich sei die Kürze der Zeit eine Herausforderung, gibt Inge Hertlein zu. Aber eine schöne und reizvolle. Schließlich besteht Aussicht auf einen großen Erfolg. "Wenn sich 1000 Nürtinger beteiligen würden, wäre das schon toll", sagt Peter Rauscher. Für das Team und das Lesen an sich.

Gewählt werden kann eines der vier Bücher von Montag, 14. Januar, bis Samstag, 26. Januar.