Lokale Kultur

Licht- und Schattenspiele aus dem Zauberstoff Papier

LENNINGEN Die traditionelle Herbstausstellung des Förderkreises Schlössle macht heuer den Schlossrain 15 in Oberlenningen zu einer exquisiten Adresse. Die Kirchheimer Künstlerin Hannelore Weitbrecht

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ERIKA HILLEGAART

zeigt in den Räumen des Renaissance-Fachwerkbaus Papierobjekte und Installationen. Ihre persönliche künstlerische Beziehung zum Medium Papier und die historische Bedeutung dieses Kulturträgers durchdringen einander.

Das Vernissage-Festival begleitete der Kirchheimer Kontrabassist Rainer Frank mit seinen Improvisationen zum Klangereignis "Papier". Die Gäste hörten es rascheln, grummeln, knistern, reißen, schmeicheln, flüstern im Swing-Blues-Soul-Sound. Bernd Löffler vom Förderkreis Schlössle eröffnete die Ausstellung. Er sagte: "Die Objekte von Hannelore Weitbrecht sind geradezu fürs Schlössle gemacht, vielleicht gar das Schlössle für ihre Kunst?" Der Förderkreis Schlössle feiert 2007 sein 25-jähriges Jubiläum. Und diese Ausstellung ist der Auftakt zu einer Veranstaltungsreihe im nächsten Jahr. Dr. Ulrich Scheufelen begrüßte die Gäste, namentlich Manfred Grupp, den geistigen Vater des Museums, der über Jahre hinweg die Exponate gesammelt und manchmal "hehlinge" gekauft habe. Er skizzierte die Geschichte des Schilling'schen Schlössles, schilderte unterhaltsam, wie das alte Gemäuer zu Oberlenningens Kunst- und Kulturhaus geworden ist.

Hannelore Weitbrecht, in Waldshut geboren, ist Mitglied im Künstlerbund Baden-Württemberg. Sie hat nach ihrer Lehrerausbildung für Bildende Kunst und Werken an der Freien Kunst-Akademie Nürtingen studiert. Sie begann mit der Malerei, kam Mitte der 90er-Jahre zum plastischen Arbeiten mit Naturmaterialien. Sie präsentierte in jüngster Zeit Objekte aus Papier, die an Pflanzliches und an archaisch anmutende Geräte erinnern. Die Kirchheimer Künstlerin erfuhr bald Anerkennung, dokumentiert durch zahlreiche Ausstellungen in renommierten Galerien und Museen. Die Adressenliste reicht vom Schloss Bonndorf bis zum Goetheinstitut Thessaloniki, vom Schloss Mochental bis zum Palazzo Montre Alba in Italien. Kunstpreise markieren ihren Erfolgsweg. Ihre Arbeiten sind in vielen öffentlichen und privaten Sammlungen im süddeutschen Raum vertreten.

Die Stuttgarter Kulturjournalistin Irene Ferchl führte in die Ausstellung ein. Sie würdigte fachkundig und einfühlsam den künstlerischen Prozess. "Papier wird von ihr geschichtet, geklebt, gewickelt, gefaltet, gefärbt, gerissen, getränkt; es wird über Draht gezogen und mit Naturmaterial kombiniert, es wird aufgefächert oder gerahmt oder mit Licht hinterlegt. Und am Ende offenbart dieses Papier noch alle seine immanenten Qualitäten: seine Formbarkeit und seine Fragilität, seine Transparenz und Leichtigkeit, und gewinnt durch diesen künstlerischen Prozess dazuhin eine ganz eigene Ästhetik."

Die Titel "Sprossen-Hybride geschlossen und gefächert Knospen Kleingärten Rhythmus" sind Kurzbeschreibungen dieser künstlerischen Intension. Auch die Verknüpfung von Papier und Buch zeigen die Titel: "Buchkollage Buchstreifen Gelesen Buchschichten". Bücher sind das Gedächtnis der Menschheit, Museen sind Orte der gemeinsamen Erinnerung. Also hätte Hannelore Weitbrecht passender den Ort nicht wählen können. Hier entfaltet sie variabel und ideenreich die Vielschichtigkeit der Metapher vom Blatt. "Es blicken diese Blätter Dich heut wie Deine kuenftgen Jahre an; die Musse weiht den ausgeworfnen Plan wie er sich fuelle, wissen nur die Goetter. . ." Mit diesen Mörike-Versen aus einem Gelegenheitsgedicht als Deckblatt einer geschichteten Plastik gibt die Künstlerin ein Signal an die Betrachter, spielerisch den eigenen Assoziationen zu trauen. Gerissene Seiten aus "Maler Nolten" sind bei diesem "Mörike-Objekt" zwischen die leeren Blätter gepresst, bei einem anderen Objekt sind es Weinblätter.

Blatt Laub Presse; schon ist man mitten beim Thema, dem Zauberstoff Papier, gemacht aus Naturstoffen mit Wasser, Luft und Wärme. Mit den mürben Naturfarben leinen mode und ocker lässt Hannelore Weitbrecht ihre Kunstobjekte korrespondieren mit den Fachgewerken und den Resten der alten Renaissancemalerei um das Gebälk. Hannelore Weitbrechts klare Konzeption für diese Herbstausstellung im Oberlenninger Schlössle zeigt ihre Variationsbreite, die Lust am schöpferischen Gestalten, ihr handwerkliches Können, ihren Gedankenreichtum. Skulpturen, Installationen und Objekte hat sie ins rechte Licht gerückt. Licht- und Schattenspiele lassen Blätterwerke, Schichten, Papierbündel, Lamellengebilde, leim- und ölgetränkte Bahnen wie Seide glänzen oder transparent schimmern, wabern, wellen, fließen. Irene Ferchl empfahl den Gästen insbesondere für die Betrachtung der großen Installation im "Meditationsraum" des Museums Zeit und Muße, "wo in langsamem Wechsel Regenbogenfarben durch die Papierschichten leuchten, sich beinahe unmerklich verändern und wiederkehren. Dort erlebt man möglicherweise auch ein wenig die lange Geschichte des Hauses".

Der Stoff, aus dem Hannelore Weitbrechts Träume sind, ist wahrlich irdisch. Die Werkstattgeheimnisse ihrer Papierschöpfungen gibt die Künstlerin nicht jedem preis. Der Nürnberger Poet Philipp Harsdörffer jedoch löst das Rätsel um den gewalkten Stoff in der Hadermühle: "Ist es Silberschnee? Eine Nebelwolkken? Eine Wolle, nein! Milch? Nein! Weisser Molkken? Nein, der keines nicht, es sind alte Lumpen". Hannelore Weitbrecht gibt dem Alltagsmedium Papier die Poesie der frühen Entstehungsgeschichte zurück. Ev Dörsam, die Lenninger Bibliothekarin, schließlich lud ein, das Schlössle in dieser neuen Verkleidung zu betrachten, zu schauen und zu staunen.

Das Museum für Papier -und Buchkunst im Oberlenninger Schlössle ist samstags von 10 bis 12 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet; die Gemeindebücherei Lenningen dienstags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs von 15 bis 18 Uhr, donnerstags von 15 bis 19.30 Uhr, freitags von 14 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 12 Uhr. Hannelore Weitbrecht wird am 10. Dezember, dem letzten Tag ihrer Ausstellung, in der Bücherei anwesend sein. Im Museum sind ihre Arbeiten bis zum 30. September 2007 zu sehen.