Lokale Kultur

Lieben Sie Johannes Brahms?

Der mitreißende Abschied von Chorleiter Bertram Schattel wurde zum heiteren Konzertvergnügen

Kirchheim. Wer so frisch und munter, mit Schwung und Präzision musiziert und im besten Sinne unterhaltsam einen Johannes Brahms- Abend gestaltet, bei dem erübrigt

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Brigitte gerstenberger

sich die Frage, ob er den Komponisten liebe. Natürlich lieben sie Brahms, vorneweg Bertram Schattel, der sich am Sonntagabend in der Waldorfschule nun als langjähriger Chorleiter vom Sing-Out-Chor verabschiedete.

Der vorzüglich aufgestellte Chor wurde von den Pianisten Ella Flemmer und Thomas Arnold bestens begleitet und für die „Liebesliederwalzer“, die „Nachtlieder“ und die „Zigeunerlieder“ von Brahms ernteten der Chor und sein Dirigent nach konzent­rierten anderthalb Stunden einen lang anhaltenden begeisterten Applaus.

Die stimmungsvollen Gesänge der fünfzig Sängerinnen und Sänger blieben in ihrer überschäumenden melodischen Fülle bei den Zuhörern zweifelsfrei nicht ohne Wirkung.

Bertram Schattel hat Temperament und feuerte seinen Chor zum letzten Mal zu mitreißendem Singen an. Aber was wären auch diese „Liebesliederwalzer“ ohne Feuer? Der Chor zeigte jedenfalls eine Leichtigkeit und Beweglichkeit, die erstaunte. Dabei hatte sich der Sing-Out-Chor mit dem Lieder-Zyklus von Brahms eine wirklich große Herausforderung gesucht.

„Liebesliederwalzer“ bestehen aus freien Nachschöpfungen russischer, polnischer und ungarischer Volksdichtungen, die drastische Bilder und unverblümten Humor beinhalten. Für Johannes Brahms war das jedoch Anlass genug, gut gelaunte, spritzige und durchaus ironische Musik zu komponieren, die zwar nicht schwer lastend im Gemüt, aber dafür komplex in der Anlage der Sätze den Aufführenden einiges abverlangte. Die Vokalisten wurden diesen Ansprüchen vollauf gerecht und die Pianisten absolvierten ihren Part mit traumwandlerischer Sicherheit, mit rhythmischer Präzision und mit klanglichem Genuss.

Die Texte hingegen würden freilich nicht im literarischen Kanon eines Marcel Reich-Ranicki landen, dafür lieferten sie Brahms aber dankbare illustrierbare Bilder, die ihn zu abwechslungsreicher Musik im Walzer- und Ländler-Takt inspirierten, mal knapp, mal kurz vorbeirauschend, mal lyrisch zärtlich, mal komisch ausufernd. „Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten; alles wissen sie so giftig auszudeuten! Bin ich heiter, hegen soll ich lose Triebe; bin ich still, so heißt‘s ich wäre irr aus Liebe.“

Mit angemessen flotten Tempi bereitete der Chor den Zuhörern ein ungetrübtes Vergnügen. Beim „Wohl schön bewandt“ wurden freundliche und helle Akzente gesetzt, darüber hinaus berührte das behutsam intonierte Lied von der Nachtigall. Nicht minder präsent erlebte das Publikum das Ensemble unter dem gewandten Dirigat von Bertram Schattel in den „Zigeunerliedern“. Da tönte fein differenziert „Lieber Gott, du weißt“, „Röslein dreie“ wurde klanglich besonders ausgewogen vorgetragen und „Mond verhüllt sein Angesicht“ entfaltete schließlich einen lyrischen Zauber.

Zwischen den Zusammenstellungen erfuhren die Zuhörer Wissenswertes über den Komponisten und seine Liebe zu Clara Schumann. Mit ausgefeilter Dynamik, angemessener Phrasierung, Stimmfestigkeit und Intonations-Sicherheit in teilweise extremen Tonlagen überzeugten die Interpretationen des Sing-Out-Chors. Mit „Zigeunerleben“ von Robert Schumann als Zugabe endete ein überaus gelungenes Abschiedskonzert das vom Publikum enthusiastisch beklatscht wurde. Soll man da noch kritische Fragen stellen? Da kann nur konstatiert werden „Nein, Geliebter, setz dich.“ (Neue Liebeslieder op.65)