Lokale Kultur

Liebhaberei mit sehr angenehmen Begleiterscheinungen

KIRCHHEIM Fritz Richter ist keineswegs "nur" Gastronom aus Leidenschaft. Er ist offensichtlich auch mehr als "nur" erfolgreicher Geschäftsmann. Neben seinem vom Guide Gault Millaut schon mehrfach

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WOLF-DIETER TRUPPAT

ausgezeichneten "Landgasthof am Königsweg" in Ohmden betreibt er schließlich auch einen Partyservice und hält für kulinarische Events auch noch das stimmige Ambiente einer romantischen Mühle in Schlattstall vor. Da die Woche sieben Tage mit jeweils immerhin 24 Stunden hat, machte sich der umtriebige Gastronom nun offensiv auf die Suche nach einer sinnvollen "Freizeitbeschäftigung".

Für den bekennenden Musikliebhaber mit einschlägigen Erfahrungen an Klavier und Kontrabass und einer nicht zu verhehlenden Begeisterung für Jazz bot es sich nachgerade an, für diese Leidenschaft am besten gleich in den Untergrund zu gehen. Über der Erde als Gourmetkoch und "Mühlenbesitzer" agierend, will sich Fritz Richter künftig auch noch unter Tage engagieren, um die Kirchheimer Musikszene über das Winterhalbjahr zu bereichern und gegebenenfalls auch etwas zu subventionieren.

Dass ein Jazzkeller mit Platz für gerade einmal rund 50 zahlende Gäste und dem hehren Anspruch, ein ordentliches Programm für Kenner zu bieten, keine sprudelnde Geldquelle sein kann, ist Fritz Richter völlig bewusst. Dass der auf zunächst einmal sechs Monate angelegte Probelauf wenigstens einigermaßen plus minus null aufgeht, ist die Hoffnung des Musikfans, der kein grenzenloses Mäzenatentum anstrebt. Nach entsprechend positiven Erfahrungen könnte Fritz Richter sich aber durchaus vorstellen, dass sein derzeit sich etablierender Jazzkeller "Chez Papa" nach entsprechender Abstinenz während der Biergartensaison sich zu Beginn der kälteren Tage durchaus wieder in Erinnerung bringen und als geselliger Treff erneut anbieten könnte. Voraussetzung dafür ist freilich, dass die Lust am neuen Betätigungsfeld nicht durch zu hohe Verluste getrübt wird.

Von Kompromissen in Sachen Qualität hält Fritz Richter wenig, denn er will schließlich, dass all seine Lokalitäten so sind, dass er sie auch selbst gerne als Gast besuchen würde. Wer ordentlich arbeitet und dabei gelegentlich auch etwas Geld verdient, müsste sich eigentlich auch ein standesgemäßes Hobby gönnen können und das scheint Fritz Richter mit dem "Chez Papa" gefunden zu haben. Den Namen verdankt der in der kalten Jahreszeit immer freitags und samstags geöffnete Keller übrigens Fritz Richters Lieblingsjazzclub im Pariser Stadtviertel Saint Germain.

Bei der Suche nach einem Kellergewölbe, das sich als gemütlicher Treffpunkt für Menschen eignen könnte, die nicht unbedingt hoffnungslos dem Discofieber verfallen sind oder auf rastloser Dauerpirsch Ü-30-Partys abgrasen, wurde der Jazzliebhaber relativ rasch fündig. Ein zentraleres und passenderes Ambiente als den verwaisten Gewölbekeller unter dem längst zum Wahrzeichen gewordenen "Alten Haus" in Kirchheim hätte er sich kaum wünschen können.

Architekt Schweitzer, der das von Abbruch bedrohte Fachwerk einst gegen viele Widerstände erhalten konnte und auch das Kleinod Gewölbekeller nach dem Auszug von Peter Bissinger lieber über Jahre leer stehen ließ, als es in möglicherweise falsche Hände zu geben, hat ebenfalls ein Faible für Musik. Die beiden Jazzliebhaber waren sich daher schnell einig, dass es einen Versuch wert sein müsse, in passendem Ambiente ein Jazzlokal mit entsprechendem musikalischem aber auch gastronomischem Niveau zu etablieren.

Dass die Karte klein, aber dennoch fein gestaltet ist, überrascht nicht. Serviert werden ausgewählte Spezialitäten, die ihre Herkunft aus dem Dunstkreis der Ohmdener Restaurantküche nicht verleugnen sollen und von Weinen aus Frankreich und Italien begleitet werden. Die musikalischen Karten werden von dem mit Fritz Richter befreundeten Jazzmusiker Peter Gruber immer wieder neu gemischt. Neben seinem am vergangenen Wochenende höchst erfolgreich vollzogenen Selbstversuch hat er sich schließlich auch dazu verpflichtet, Profijazzer aus ganz Süddeutschland in die Provinz zu locken oder aber dem Kirchheimer Publikum auch das eine oder andere Nachwuchstalent zu empfehlen.

Der Ehrenbürger von New Orleans, der seine Karriere am Schlagzeug 1960 im Quintett des amerikanischen Pianisten Freddie Hendricks in US-Clubs begann, spielte 1985 erstmals mit dem ihm geografisch deutlich näher liegenden und ebenfalls die Ehrenbürgerwürde von New Orleans inne habenden Stuttgarter Pianisten Harald Schwer zusammen. Seit dieser Zeit bilden die beiden den harten Kern des "Acoustic Trio", das mit immer wieder wechselnden Gast-Bassisten auftritt.

Um dem zurückliegenden Wochenende in Fritz Richters Jazzkeller zum durchschlagenden Erfolg zu verhelfen, hatten sich Peter Gruber und Harald Schwer zur Freude des begeisterten Kirchheimer Publikums gleich in ein viel versprechendes Quartett verwandelt, das die hohen Erwartungen auch souverän einlöste. Neben Europas wohl bekanntester Jazzbassistin, "Lady Bass" Lindy Huppertsberg, begeisterte Jutta Gruber durch das dunkle Timbre ihrer Stimme. Gemeinsam mit den beiden Ehrenbürgern von New Orleans sangen und swingten sich die versierten Jazzladys durch einen gehaltvollen und kurzweiligen Abend, der nahtlos in den Zugabenteil überblendete.

Mit einer solchen "Hauskapelle" bräuchte Fritz Richter sich um die Zukunft seines Jazzkellers "Chez Papa" zweifellos nicht zu fürchten. Der Zulauf, den sein neues Musikmekka in den kommenden Wochen und Monaten erfährt, wird nun entscheiden, ob es bei einem mutigen Versuch bleibt oder sich die Teckstadt künftig mit einem neuen und weit über die Teckstadt hinausstrahlenden kulturellen Aushängeschild schmücken kann.