Kirchheim

Lindorf bangt um seinen Laden

Nahversorgung Nach 16 Jahren hört die Betreiberin des kleinen Lebensmittelgeschäfts in dem Kircheimer Teilort auf. Wenn sich kein Nachfolger findet, verschwindet das letzte Geschäft im Ort. Von Bianca Lütz-Holoch

Seit 16 Jahren betreibt Manuela Riexinger den Lindorfer Laden. Bald ist damit Schluss.Foto: Carsten Riedl
Seit 16 Jahren betreibt Manuela Riexinger den Lindorfer Laden. Bald ist damit Schluss.Foto: Carsten Riedl

Suchend lässt die Frau ihren Blick über den Zeitungsständer schweifen. „Ich habe Ihnen schon eine zurückgelegt“, ruft Manuela Riexinger und wedelt mit dem Blatt. Die Kundin strahlt, lässt sich noch eine Schneckennudel einpacken und legt 2,65 Euro auf den Tresen. Einer jungen Frau mit Kind reicht Manuela Riexinger eine Brezel, einem Mann packt sie ein Brötchen ein, zwischen dessen Hälften sich Schinken, Salat, Ei, Paprika und Gurke türmen: „Sie macht einfach die besten belegten Weck­le“, sagt er.

Anzeige

Der frühe Morgen ist für Manuela Riexinger die Hauptgeschäftszeit. Seit 16 Jahren betreibt sie den Lindorfer Laden, unterstützt von ihrem Mann. Jetzt zieht sie einen Schlussstrich. „Wir machen den Laden zum 31. März zu“, sagt die 62-Jährige. Ihr Mann geht in den Ruhestand. Sie möchte dann ebenfalls kürzertreten. „Eigentlich hatten wir gehofft, dass wir einen Nachfolger finden.“ Doch zwei Monate, bevor der Schlüssel endgültig umgedreht wird, ist immer noch keine Lösung in Sicht - daran konnten bislang weder Lindorfs Ortsvorsteher Stefan Würtele noch der Bürgerverein oder der Ortschaftsrat etwas ändern.

Und auch Viola und Frank Geissler nicht. Ihnen gehört das Haus in der Ötlinger Straße 5. Mit Hochdruck suchen sie nach jemandem, der das Lebensmittelgeschäft weiterführt oder etwas Neues eröffnet. „Natürlich könnten wir den Platz auch selbst nutzen“, sagt Viola Geissler, die mit ihrer Familie über dem Laden wohnt. „Für das Dorfleben wünschen wir uns aber, dass die Einkaufsmöglichkeit erhalten bleibt.“

Schließt das Geschäft, gibt es in dem 1 600-Einwohner-Teilort Kirchheims - bis auf die Gaststätte im Bürgerhaus - keinerlei Nahversorgung mehr. „Wir haben keinen Arzt und keine Apotheke, keinen Metzger und keinen Bäcker“, klagt Klaus Pesl, Ortschaftsrat und Vorsitzender des Lindorfer Bürgervereins. Vergangenen Sommer hat die Kreissparkasse noch den Bankautomaten abgebaut. Stinksauer ist Pesl darüber gewesen. „Wir müssen zusehen, wie der Ort langsam stirbt“, sagt er.

Gegen 10 Uhr wird es ruhig im Lindorfer Laden. Nur ab und zu öffnet sich noch die Tür. Einmal schaut ein Mann vorbei und meldet, dass eine ältere Dame aus der Nachbarschaft wieder im Krankenhaus ist. „Nur damit du dich nicht wunderst, warum sie heute nicht kommt“, sagt er, an Manuela Riexinger gewandt.

„Für die Grundversorgung in Lindorf ist der Laden wichtig“, weiß Ortsvorsteher Stefan Würtele. Allein um die Lebensmittel gehe es aber nicht. „Das Lädle hat auch eine soziale und kommunikative Funktion.“ Man trifft sich und tauscht sich aus.

Sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag - ab 5 Uhr morgens backt und verkauft Manuela Riexinger Brezeln und Brötchen, räumt Regale ein, bedient die Kunden und hört ihnen zu. Von Einkünften, die andere mit einer 50-Stunden-Woche erzielen, kann sie nur träumen. Beschweren möchte sich die 62-Jährige trotzdem nicht: „Ich habe die Arbeit immer gerne gemacht, und für uns hat es gereicht.“

Kurz vor Mittag öffnet sich die Ladentür wieder häufiger. Die einen nehmen eine Tüte Kartoffeln mit, andere ein paar Eier oder etwas Wurst. Eine Frau fragt nach Hustenbonbons. „Malz ist gut“, rät Manuela Riexinger und deutet auf das Regal.

Viele Leute kommen nur dann zu ihr, wenn zu Hause das Spülmittel ausgegangen ist oder sie die Sahne vergessen haben. Ebenso viele kommen gar nie. „Vor allem die älteren nicht“, sagt die Ladeninhaberin. Am häufigsten nutzen Mütter mit Kindern, Familien oder Leute, die zur Arbeit fahren, ihr Angebot. Dass die Lindorfer ihre Großeinkäufe woanders tätigen, ist ihr klar: „Ein Sortiment wie ein Supermarkt kann ich nicht bieten. Aber wenn man einen kleinen Laden unterstützen möchte, muss man dort öfters einkaufen gehen als einmal die Woche.“

Immer wieder wird in Lindorf auch der Ruf laut, der Bürgerverein solle den Laden doch weiterführen. Ein Ding der Unmöglichkeit, wie Klaus Pesl klarstellt: „So etwas können Ehrenamtliche nicht leisten. Ein Laden gehört in private Hand.“ Vorkehrungen für den schlimmsten Fall trifft der Verein dennoch. „Wir wollen ein Nachbarschaftsnetzwerk aufbauen“, sagt Klaus Pesl. Es soll Unterstützung für all die älteren Menschen bieten, die nicht mehr selbst in einen Supermarkt fahren können.

Info Wer Interesse hat, den Lindorfer Laden zu übernehmen, oder dort ein neues Lebensmittelgeschäft eröffnen möchte, kann sich bei Manuela und Jürgen Riexinger informieren. Sie sind montags bis samstags täglich von 7 bis 13 Uhr im Laden in Lindorf, Ötlinger Straße 5, oder telefonisch unter 0 70 21/86 23 77 erreichbar.

Umfrage Lindorfer Lädle
Umfrage Lindorfer Lädle

Vom Bürgerverein initiiert und von Bürgern geführt

Seit Juni 1994 gibt es den Lindorfer Laden. Dessen Eröffnung angestoßen hatte der Bürgerverein. Geführt wurde der Tante-Emma-Laden anfangs ehrenamtlich von engagierten Bürgern.

1996 übernahm Heidrun Molnar den Laden. Nachdem er rund zweieinhalb Jahre ehrenamtlich betrieben worden war, stand mit ihr nun eine Fachfrau hinter der Theke.

2003 folgte der nächste Wechsel: Jürgen Riexinger war neuer Betreiber des Lindorfer Ladens. Ein Jahr später stieg seine Frau Manuela ein. Jürgen Riexinger ging zurück in seinen Beruf. Bis heute aber hilft er seiner Frau morgens vor der Arbeit, samstags, oder wenn sonst Not am Mann ist.

Findet sich nun kein Nachfolger, ist Lindorf erneut ohne Laden. Das war schon einmal der Fall gewesen. 1990 hatte die Familie Köhler ihr Geschäft in Lindorf aus Altersgründen geschlossen. Vier Jahre lang war der Kirchheimer Teilort ohne Lebensmittelladen gewesen.

Eine Option aus Sicht der Lindorfer wäre es auch, wenn sich ein Nahversorger im künftigen Baugebiet „Berg-Ost“ in Ötlingen ansiedeln würde. Ob und wann das der Fall wäre, ist aber offen.bil