Lokale Kultur

Listiger Lustgewinn durch Profitoptimierung

KIRCHHEIM Dem jüngsten Theaterabend in der Kirchheimer Stadthalle fehlten zwei Dinge, die vielen Kunden des Kirchheimer Kulturring-Abonnements sicherlich wichtig erscheinen. Immer wieder aufbrandender begeisterter Applaus auf offener Szene war das eine, worauf vor

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WOLF-DIETER TRUPPAT

allem von den zuweilen eher angestrengt auf der Bühne agierenden Akteuren verzichtet werden musste. Der auch nur höchst wohlwollend als "freundlich" zu beschreibende Schlussapplaus konnte diesen ersten erkennbaren Makel letztlich nicht völlig aufheben.

Die gewohnte und bei vielen Theatergängern schon deshalb sehr beliebte Pause, weil sie eine willkommene Gelegenheit bietet, sich über das jeweilige Stück auszutauschen, fand ebenfalls nicht statt. Spekulationen, ob tatsächlich auch alle Besucher nach einer Pause artig wieder an ihren verwaisten Platz zurückgekehrt wären oder sich dem lange vorbereiteten bitteren Ende der Bühnenhandlung dezent entzogen hätten, sind nicht opportun. Mutwillig wäre damit darauf verzichtet worden, sich weiterhin von vorwiegend hopsenden Akteuren eher bemüht denn ausgelassen, eher aufgesetzt statt fröhlich und kurzweilig unterhalten und mit den überall lauernden Botschaften konfrontieren zu lassen, dass Geiz geil ist, Hochmut vor dem Fall kommt und sowieso stets alles anders ist, als es zunächst scheint.

Auf dem Programm stand Ben Jonsons "Volpone oder der Fuchs" in der freien Bearbeitung von Stefan Zweig. Zu Gast war das Ensemble des Tübinger Landestheaters LTT, das sich im Bühnenbild von Peter Engel und unter der Regie von Marc Becker hauptsächlich hüpfend voranbewegte. Zunehmend verstärkte sich dabei der Eindruck, als müsse hier rund um all die von dem Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson schon etwas angestrengt angelegten "telling names" die sprechenden Namen auch gleich noch eine anstrengende Auswahl aus Brehms Tierleben zu exaltiertem theatralischem Leben erweckt werden.

Neben der grün schimmernden und stets summenden Schmeißfliege "Mosca" (Nikolaos Eleftheriadis), dem geierhaften Notar "Voltore" (Toni Schatz), dem krähenhaften Wucherer "Corbaccio" (Hubert Harzer) und dem rabengleichen Kaufmann "Corvino" (Roger Ditter) gehörte auch der löwenmähnige Capitano "Leone" (Björn Bonn) mit dazu. Corvinos penetrant gurrende Gattin, Täubchen "Colomba" (Christina Lisperoglou), die dauernd hechelnde und betont hündische Kurtisane "Canina" (Hildegard Maier) und schließlich der neben aller akkuraten Argumentationen vor allem auch absurd tänzelnde und hüpfende Richter (Gotthard Sinn) vervollständigten den zuweilen eher verwundernden als rundum überzeugenden Basisbestand des Befindlichkeits-Biotops raffgieriger Erbschleicher.

Im betont einfachen wie ungemein bildhaft-symbolbeladen daherkommenden Teppich-Bühnenbild von Peter Engel wurden dem vielversprechend angelegten Auftakt schon deutliche Warnhinweise vorangestellt. "Gute Laune! Gute Laune!" versuchten "Kasperle" Volpone (Alexander Peutz) und sein "Seppl" Mosca dem Publikum nun doch etwas zu massiv und marionettenhaft einzutrichtern. Schon dieser erste Funke zündete also nicht und blieb damit bezeichnend für die "Nähe" von Publikum und Bühnenpersonal.

Bevor Zuwiderhandelnde auch noch mitgeschunkelt werden müssen, beginnt Volpone seinen Kapitalismus-Crash-Kurs, in dessen Mittelpunkt die klare Erkenntnis steht, dass sich Glück allein am Kontostand bemisst. Der Vergnügen versprechende Lustgewinn aus Profitoptimierung verstimmte aber zunehmend. Der überzeugend leidende, teilweise kopfstehende und angeblich jämmerlich vor sich hinsterbende Fuchs von Volpone wurde vom Rudel der ihn umgebenden Tierschau dann doch etwas zu artifiziell-bemüht, zu affektiert und vor allem auch etwas zu landesbühnen-theatralisch ausgespielt.

Ohne sich genügend ungeniert der Qualität anarchischen Humors annähern zu können, wie er durch die legendäre britische Monty-Python-Truppe salonfähig gemacht und inzwischen selbst von nach Schuhen des Manitu suchenden und wagemutig ins Weltall vordringenden Comediens erfolgreich auch in deutschen Humor übersetzt werden konnte, blieb es in dieser Inszenierung eher beim Hampeln statt Handeln, beim Belästigen statt Belustigen und alles wirkte eher etwas gezwungen als gelungen . . .