Lokale Kultur

Literarische Leckerbissen in der alten Reichsstadt

ESSLINGEN Da Esslingens Altstadt im Zweiten Weltkrieg nicht von Bomben getroffen wurde, ist ein Rundgang durch sie ein Genuss. Ihre Gebäude erzählen von vergangenen

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ULRICH STAEHLE

Zeiten und werden noch gesprächiger, wenn man die Zeugnisse von Menschen einbezieht, die die Sprache zu ihrem Beruf gemacht haben: den Schriftstellern, die in Esslingen gelebt oder sich mit der Stadt befasst haben. Also bot der Literaturbeirat der Stadt Kirchheim einen literarischen Spaziergang durch Esslingen an, der sich guten Zuspruchs erfreute.

Los ging der Rundgang mit einer routinierten Führerin vom Stadtmarketing am Marktplatz mit seinem einmaligen mittelalterlichen Panorama als Einstimmung. Erstes Ziel war die Dominikanerkirche Sankt Paul, die früheste deutsche Bettelsordenskirche aus dem 13. Jahrhundert. Im Agneshof ging die Führerin auf die Geschichte der Kirche ein, die, lange profanisiert, seit 1864 wieder katholisch ist die einzige katholische Kirche der Stadt. Hier wurde klar: Der Spaziergang würde nicht nur aus literarischen Leckerbissen in Form von Rezitationen bestehen. Denn ohne Einblick in die Geschichte der Stadt und ihrer Gebäude lassen sich auch literarische "Ergüsse" nicht richtig genießen.

Nun war die erste Rezitation von Dichterworten fällig. Mit dem Blick auf die alte Lateinschule waren es erstaunlich humorvoll-schlüpfrige Verse des "Schulmeisters von Esslingen", der immerhin in die Manessesche Liederhandschrift aufgenommen ist. Feierlicher war ein Preisgedicht Gustav Schwabs auf Karl Pfaff und seinen Schwäbischen Sängerbund, der im Saal neben der Lateinschule das deutsche Liedgut pflegte.

Die Gruppe wandte sich nun der Frauenkirche zu. Bei einem Blick vom Fußgängerüberweg, der über die brodelnde Straße führt, auf dieses Schmuckstück, wird der Eindruck von einer unversehrten Altstadt gewaltig gestört. Bausubstanz ist den Esslingern nicht durch Fremdeinwirkung zerstört worden. Das haben sie selbst getan. Im 19. Jahrhundert wurden alte Bauwerke abgerissen, um Industriebauten Platz zu machen.

In der Neuzeit, nach 1970, als man eigentlich bei den Stadtplanern historisches Verständnis voraussetzen konnte, wurde in einem barbarischen Akt für eine Umgehungsstraße eine Schneise durch die Altstadt geschlagen. Nicht weniger als 162 Häuser fielen dem Verkehr zum Opfer, darunter mittelalterliche Prunkstücke. Die Straße führt jetzt direkt an der Frauenkirche vorbei, eingefasst von hässlichem Beton.

Nach dem Betreten der Frauenkirche war die innere Ruhe der Literaturliebhaber wieder hergestellt. Die Besucherinnen und Besucher konnten aufnehmen, welche Wertschätzung Achim von Arnim Esslingen entgegengebracht hat. Das Stadtbild diente ihm als Konkretisierung seiner romantischen Vorstellung von einer mittelalterlichen Stadt. Auch Mörike war davon angetan. Von der Frauenkirche schwärmte er geradezu. Weiter ging es zum Mittelpunkt der Stadt, dem Rathausplatz. Das Prunkstück "Altes Rathaus" hat außer seinem architektonischen Reiz auch noch Handwerkersprüche aus dem 15. Jahrhundert zu bieten, die 1926 bei einer Renovierung gefunden wurden. Die holprigen, aber herzlichen Segenswünsche des Uhrmachers Diem gaben davon ein beredtes Zeugnis ab.

Da das "Neue Rathaus" 1831 bis 1840 im Besitz des Grafen Alexander von Württemberg war, wurde dort seines Freundeskreises gedacht mit der herausragenden Gestalt Lenaus. Die Künstlergruppe hielt sich allerdings fern von der bürgerlich-industriell geprägten Stadt und führte in vornehmem Abstand im Seracher Schlössle ihr Eigenleben. Vor der Traditionsgaststätte "Reichsstadt" war Gelegenheit, der Familie Kurz zu gedenken, in Kirchheim wohl bekannt. Die "Reichsstadt" war früher ein Ball- und Festsaal. Die Zuhörer gaudierten sich über einen bissigen Text von Tochter Isolde Kurz über die alkoholgeschwängerte Stammtischseligkeit der Männer.

Über Kopfsteinpflaster ging es durch die Webergasse, vorbei am Haus der Elisabeth Haag, geborene Mann, dem Vorbild für die Tony Buddenbrook in Thomas Manns Roman. Am Landolinsplatz steht das hübsche Geburtshaus von Anna Schieber. Über 50 Romane und Erzählungen hat diese um das Jahr 1900 viel gelesene Autorin hinterlassen. Ihr Erinnerungsband "Doch immer behalten die Quellen das Wort" zeugt von ihrer tiefen Verbundenheit mit Esslingen. Der Rundgang führte die Kirchheimer zurück über den attraktiven Hafenmarkt zum Postmichelbrunnenplatz. In der dort ansässigen Buchhandlung Stocker und Paulus, vormals S. Mayer, hatte es Hermann Hesse genau drei Tage in der Lehre ausgehalten.